Berliner Spaziergang

Musiker Andrej Hermlin - Ein Mann mit Sinn für Swing

Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Heute: ein Spaziergang mit Swing-Musiker Andrej Hermlin.

Spaziergang mit Andrej Hermlin.

Spaziergang mit Andrej Hermlin.

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin.  Wenn man nicht wüsste, dass man hier gleich auf den Swing-Musiker Andrej Hermlin trifft, der sich den 30er-Jahren vollends verschrieben hat, würde einen dieser junge Mann, der gerade vor dessen Haus in Pankow schlendert, durchaus irritieren. Hut, Anzug, Krawatte, Herrenschuhe – alles dem Heute entfallen. Das muss sein Sohn sein. Er grüßt, zieht dabei höflich den Hut, und öffnet das Gartentor. Im selben Moment geht nun auch die Haustür auf. Da steht er, der hochgewachsene Mann, wie erwartet von Kopf bis Fuß ebenfalls in solch feinem Zwirn, gerade in Begriff, seine Lederschuhe anzuziehen. Er bittet Fotograf und Autorin freundlich hinein.

Und da sitzt man dann in diesem Haus, umgeben von Möbeln, wie die Kleidung ausschließlich aus den 30er-Jahren. Alles Originale, wie er sagt (außer die Stühle am Esstisch). Hier ist nichts dem Zufall überlassen, es gibt viel zu entdecken: Regale von 1930, die lederne Sitzgarnitur aus England, 1936, Lampen von 1935. Hermlin weiß das alles auswendig. Auch zu den technischen Daten der unzähligen Modellflugzeuge in der Vitrine könne man ihn problemlos befragen. Das war schon immer sein Ding (neben Swing), Flugzeuge. Und Autos. Natürlich Oldtimer! Davon hat er gleich ein paar.

Nur das Telefon erinnert an die Gegenwart

Sogar Aschenbecher und Schnurtelefon sind antik. Jedes kleinste Detail etwas Besonderes. Einzig das iPhone auf dem Couchtisch erinnert in diesen ersten Momenten mit lauten Pings daran, dass wir uns noch immer im Jahr 2019 befinden. Von diesem Ort hier hat der Musiker schon oft erzählt. Aber die Geschichte, die sich um ihn rankt, ist auch spannend genug dafür. Dass der Musiker hier im ehemaligen Ost-Berlin mit seinem Vater, dem berühmten DDR-Schriftsteller Stephan Hermlin, aufgewachsen ist, wo er nun seit 2004 mit seiner eigenen Familie lebt. Kinderzimmer ist noch immer Kinderzimmer, Schlafzimmer noch immer Schlafzimmer und so weiter. Nur die Rollen haben sich eben verschoben. Hermlin ist hier nicht mehr (nur) Sohn, sondern Vater und Ehemann. Von seiner Frau Joyce, mit der er die Kinder David, 18, und Rachel, 15, hat. Hermlins 83-jährige Mutter lebt im Souterrain. Mehrgenerationenwohnen also. Dieses Haus jedenfalls ist, was sie, außer den Familiennamen, alle miteinander verbindet. Und doch hat jeder seine ganz eigenen Erinnerungen an die jeweils eigene Zeit. Schon deshalb ist es ein besonderer Ort.

Andrej Hermlins Erinnerungen: Als er ein Kind war saßen in diesem Wohnzimmer bedeutende Schriftsteller wie Christa Wolf und Stefan Heym. Freunde und Kollegen der Eltern. Da war er noch ein kleiner Junge. 1976 wurde hier im Esszimmer von DDR-Künstlern der Protest-Brief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterschrieben. Als „konterrevolutionär“ wurde der Junge daraufhin beschimpft; dass seine Familie doch in den Westen solle. Und wegen seiner Mutter aus Moskau wurde dem Jungen damals auf der Straße auch „Russenschwein“ von Nachbarskindern hinterhergerufen. Zwangsläufig war er irgendwie Außenseiter.

Seine Familie hatte, das merkte er früh, jene Sonderstellung in der DDR. Der Vater war häufiger im Fernsehen und war enger Freund von Erich Honecker. Während Schulfreunde zur Ostsee fuhren, reisten sie ins Tessin, flogen nach London und Paris. „Ich wusste bereits mit fünf, dass wir ‚anders‘ sind.“ Auch irgendwie anders, sagen wir speziell: Nach eigenen Angaben ist er seit seinem vierten Lebensjahr Swing-infiziert. Fünf Jahrzehnte sind das jetzt. Langweilig ist ihm nie geworden. „Swing ist wie ein Organ für mich.“ Ohne geht nicht.

Goodman, Miller, Dorsey. Alles Helden. Er schwärmt. Die Bläsersätze, der Sound der Saxophone. Diese Eleganz! Der Rhythmus, der ihn mitschwingen lässt, obwohl er kein Tänzer ist. Architektur, Mode, Design. Er liebt alles aus dieser Zeit. Seit über einem Vierteljahrhundert ist Hermlin nun erfolgreicher Musiker in diesem Genre. Der 54-Jährige leitet seit Mitte der 90er-Jahre das selbst gegründete, ziemlich berühmte „Swing Dance Orchestra“. Diese Leidenschaft hat sich auch auf seine Kinder übertragen. Sie arbeiten heute sogar zusammen, erzählt er nun.

Natürlich fragt man sich da, ob sie denn überhaupt eine andere Chance gehabt hätten, aufgewachsen in so einem Haus, mit so einem fast schon vernarrten Vater? Aber, und das betont Hermlin gleich zweimal, „was für den einen funktioniert, funktioniert nicht für den anderen – Kinder sollen nicht das Leben der Eltern leben“. Seine Kinder singen und tanzen also aus eigener Überzeugung als feste Mitglieder in seinem Orchester. Tochter Rachel seit Ende letzten Jahres. „Gegen sie war ich in ihrem Alter ein verschüchtertes Kind, das sich in einer Lego-Stadt aufhielt“, erzählt er. Hermlin, das hört man raus, ist stolz auf die zwei, ihr Talent, die Professionalität. Die Tochter, sagt er, habe sich sogar gegen das Abitur zugunsten der Karriere entschieden. „Es wäre Zeitverschwendung, wo sie doch weiß, was sie will und kann.“

In einer Gesellschaft, wo es viel um Sicherheiten und Erfolge geht, um Abschlüsse und darum, nicht irgendwann durch das vom Kapitalismus geprägte Raster zu fallen, wirkt das erfrischend. Mit der Erwähnung des Wortes Kapitalismus landen wir direkt da, wo Hermlins anderes großes Interessenfeld liegt: in der Politik. Es vergehen nun knapp 40 Minuten, in denen – noch immer auf dem Sofa – über den Ist- und War-Zustand der Bundesrepublik Deutschland, Europas, der Welt gesprochen wird. Viel mehr referiert Hermlin. Man selbst hört – fasziniert von so viel Wissen, Kontext und Geschichte – zu, fühlt sich unerfahren, selbst als Erwachsene.

Venezuela, Krim, Medien. Irakkrieg, AfD, geschädigte Gesellschaftsordnungen. Globalisierung, Neue Medien, sinnstiftende Ideen, die fehlen. Er sagt Sätze, wie: „Wir befinden uns in einer tiefen Krise.“ Es könnte ewig so weitergehen.

1997 sagte er der „Zeit“ noch: „Bin zu satt, bin zu zufrieden!“. So ist das ganz offensichtlich nicht mehr. Die Zustände haben sich seither verändert, natürlich. Trotzdem hat er sich noch immer für die Kunst entschieden, eben nicht für Politik, auch wenn er seit jeher Mitglied bei der Linken ist – sogar kurz nach Mauerfall in die SED eintrat, während alle anderen gerade ausstiegen.

Hermlin betont jedes seiner Worte sauber. Ist bedacht, muss trotzdem nicht lange überlegen. Als man den Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert erwähnt, der kürzlich mit seiner Kapitalismus-Kritik eine Welle der Empörung auslöste, konstatiert er: „Am Umgang mit ihm merkt man, wie nervös die Menschen sind – grundsätzliche Fragen sind nicht erwünscht.“ Für Hermlin jedenfalls scheint klar: Kapitalismus geht auf lange Sicht nicht gut. Denn er baue darauf auf, dass einige wenige auf Kosten sehr vieler sehr erfolgreich sind. Die Lösung sei auch nicht Gleichmacherei, „aber Gerechtigkeit zu schaffen“.

Diese Utopie übrigens sei ein uralter Menschheitstraum. Wie man den nennt, sei egal, „einen Traum aber kann man nicht töten“. Ab und zu gerate der nur leider in Vergessenheit, „weil die Leute besoffen sind von ihrem Wohlstand, weil es ja nicht mehr besser werden kann, so glauben sie“. Bislang ist es ein Spaziergang durch die politische Landschaft. Nun gut. Schlendern wir kurz noch weiter zur „weitaus größeren Gefahr als ein Kühnert“, wie er sagt, zur extremen Rechten. Große Teile seien da, die sich vom System abwenden. Nicht um Alternativen zu schaffen, für eine gerechte und bessere Gesellschaft. „Sie schotten sich gegen alles ab, was fremd und andersartig ist, um die Welt abzuwehren.“

Hermlin zieht nun historische Fakten heran, um mögliche Entwicklungen zu skizzieren, wenn man jetzt nicht wach bleibe. Es wundert nun nicht, dass er Wahlergebnisse aus den 20er- und 30er-Jahren parat hat und zählgenaue Umfragewerte und Prozentzahlen aus einer Studie zu Antisemitismus von vor wenigen Jahren. Fasst man zusammen, klingt Hermlin fast fatalistisch. Und eigentlich ist es wohl (leider) bloß die Realität, die er da zeichnet, ganz ohne Naivität. „Fest steht: Ich könnte nicht bleiben, wenn das Schlimmste eintreten würde.“ Mit russischer Mutter, jüdischem Vater, einer Frau aus Afrika und den Kindern.

Das Gespräch wiegt schwer. Wir wollen draußen etwas Luft schnappen. Kurz bevor wir uns erheben, fällt der Blick auf Fotos seines Vaters, auf dem Blüthner-Flügel. Wie fühlt es sich denn an, dort als Vater zu leben, wo man mal Kind war? Es ist das erste Mal, dass er verstummt und einen Moment nachdenkt. „Beruhigend und versöhnlich, weil ich meine Kindheit bewahren kann“, sagt er dann. Er ist plötzlich ruhiger, spricht verändert. Noch nie habe ihm jemand diese Frage zu seinem Vater gestellt. Man spürt, wie man da etwas angepiekst hat, was nicht mit Zahlen, Fakten oder Wissen beschrieben werden kann. Es sind Gefühle.

Nach dem Tod seines Vaters erschien ihm sein eigenes Leben sinnlos, sagt er nun. 1997 war das. Als er starb, verwandelte sich auch das Haus, erinnert er sich. Tot und kalt sei es gewesen, direkt in der Nacht seines Ablebens. Mit seinem eigenen Einzug dann, sieben Jahre später, veränderte sich das. Seither sei alles wieder da, irgendwie. Nichts habe aufgehört. Er freut sich darüber, es hätte ja auch anders sein können. „Mein Vater ist in mich hineingekrochen, das hält mich am Leben.“ Vertrautheit und Wärme.

„Ich kapsele mich nicht von der Wirklichkeit ab“

Schnitt. Wir sind nun für die letzte halbe Stunde draußen. Rachel und David begleiten uns. In Jeans und ausgetretenen Stiefeln fühlt man sich deplatziert zwischen ihnen in Nadelstreifenanzug mit weitem Hosenbein, Kleidchen und aufwändig frisierten Haaren. Passanten schauen.

Erst jetzt, außerhalb des häuslichen Kontexts, fällt wieder auf, dass es schon absurd erscheint, sich mit so penibler Sorgfalt zu kleiden, wie man es vor etwa 90 Jahren tat. Und am Ende liegt das doch nur daran, dass es nicht der Sehgewohnheit entspricht. Sie drei eint die Lust nach Eleganz und Gradlinigkeit. Jeden Tag, ausnahmslos. Ist Hermlin denn so richtig nostalgisch? Er tue das alles mit Hingabe, ja. Ist da auch die Sehnsucht nach etwas, das vorbei ist? „Ich lebe im Heute und kapsele mich nicht von der bestehenden Wirklichkeit ab.“ Ein Beweis: Er weiß, wer der schwer erfolgreiche Berliner Rapper Capital Bra ist.

Um glücklich zu sein, müsse er jedenfalls nicht ins Jahr 1937 reisen – „und wenn überhaupt, dann mit Rückreiseticket“. Er lacht. Es sei sogar gefährlich, sagt er, nur in der Vergangenheit zu leben. Zu behaupten, ihn würde das Jetzt langweilen, ist sowieso nicht überzeugend– wo sollte man sonst Zwei Drittel unseres Gesprächs hinpacken?

Wir sind vor Hermlins erster Schule angelangt, laufen über das Grundstück daneben, auf dem er früher als Kind mit der Nachbarstochter gespielt hat. Das Haus ist eine Ruine, alles liegt brach. Es riecht nach Teer – genau wie früher, bemerkt er. Genau hier wird nun das Foto gemacht. Auch die Kinder kommen mit auf ein Bild, lehnen pittoresk ihre Köpfe auf seine Schultern.

Alle befolgen die Anweisungen des Fotografen. Das Trio wirkt professionell. Miteinander – so, als würden die Kinder und ihn keine 20 Jahre Berufserfahrung trennen – funktioniert es reibungslos. Harmonisch, auf Augenhöhe, ohne aber die Rollen falsch zu verdrehen. Ab und zu sticheln sie einander, liebevolle Provokationen sind das. Bekannte Verhältnisse. Der Papa wird dann gekitzelt oder wegen seiner sonst häufig zu modernen Anzüge spielerisch kritisiert. Während dieser typische Elterngeschichten auspackt. Gute Laune.

Was trotz all der Perfektion bleibt, ist die Ungläubigkeit darüber, dass es die Emanzipation der Kinder von den Eltern nicht wirklich gegeben zu haben scheint. Es braucht sie nicht, offenbar. Keine Rebellion, nicht die gewöhnlichen Eltern-Kind-Kämpfe, die ausgetragen wurden müssen. Auch beim jungen Andrej Hermlin war das nie der Fall.

Und tatsächlich, sagt er, sein Verhältnis war – und ist – ein sehr enges zu seinen Eltern. Selbst als er Anfang der 90er-Jahre auszog, nicht weit von hier, war er täglich bei ihnen, um dann rund zehn Jahre danach schon wieder zurückzukehren. Verrückt. Keine Konflikte. Kurz frage ich mich, wieso ich überhaupt danach gesucht habe. Wir spazieren noch ein paar Straßen durch die Nachbarschaft. Schon so viel über Ernstes gesprochen, soll es in den letzten Metern mal um Banales gehen. Viel Zeit bleibt nicht. Was schon die ganze Zeit über auffiel: sein unaufhörliches Kauen von Kaugummis, auch beim Reden. Im Takt weniger Minuten nimmt er auch im Gehen immer wieder einen neuen aus der Packung, kaut, dann wieder raus aus dem Mund und neuen rein.

Sind Sie süchtig danach? Bis zu 70 solcher Packungen kaue er in drei Wochen. „Wollen Sie auch einen?“ Mit nach künstlicher Traube riechendem Kaugummi im Mund verabschieden wir uns.

Zur Person:

Herkunft

Andrej Hermlin ist am 21. September 1965 im Osten Berlins geboren und aufgewachsen. Er ist Sohn des DDR-Schriftstellers Stephan Hermlin und der aus Russland stammenden Irina Belokonewa-Hermlin. Der Swing-Musiker lebt seit 2004 in seinem Elternhaus. Mit ihm wohnen hier seine aus Kenia stammende Frau Joyce, die Kinder, David (18) und Rachel (15), sowie Hermlins Mutter. Die Kinder treten als Sänger und Tänzer mit dem Swing Dance Orchester ihres Vaters auf. Aus früherer Ehe stammt eine weitere Tochter. Ihre Mutter ist die ehemalige Sängerin der Band, die ein Vierteljahrhundert dabei war. Hermlin ist Mitglied der Partei Die Linke.

Karriere

Hermlin absolvierte ein Klavierstudium an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“. Schon währenddessen gründete er eine Swing-Band, aus der 1995 das Swing Dance Orchestra entstand. Mit dieser Formation veröffentlichte Hermlin bislang mehr als zehn CDs und tritt regelmäßig, national und international, auf.

Konzert

28. Mai, 20 Uhr, Swing Dance Orchestra „Tribute to Benny Goodman“ im Wintergarten Varieté mit David und Rachel Hermlin sowie Dan Levinson aus New York an der Klarinette.