Nachverdichtung

Nachbarn wehren sich gegen neue „Mietskasernen“ in Pankow

Aus Protest gegen Wohnblöcke in den Höfen der Gesobau verbünden sich Anwohner zu einer Initiative. Am 15. Mai wird demonstriert.

Mehr Beton, weniger Grün: Die Innenhöfe der Gesobau zwischen Kavalier- und Ossietzkystraße in Pankow werden Baugrund für mehrere neue Wohnriegel.

Mehr Beton, weniger Grün: Die Innenhöfe der Gesobau zwischen Kavalier- und Ossietzkystraße in Pankow werden Baugrund für mehrere neue Wohnriegel.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Abstimmen auf Knopfdruck, das beste Modell für das Bauvorhaben auf demokratischem Wege finden – die Anwohnerversammlung der Gesobau zur Errichtung von bis zu 170 Wohnungen in zwei Höfen an der Kavalierstraße in Pankow Ende März sollte ein Paradebeispiel dafür werden, wie sich Nachbarn in ein unpopuläres Bauvorhaben einbinden lassen.

Jetzt tritt das Gegenteil ein: Anstatt mit dem Beteiligungsverfahren ein positives Signal für den so dringend gebrauchten Wohnraum zu schaffen, bekommt es die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft mit einer Protestbewegung zu tun. Ihr Name: „Bürgerinitiative Grüner Kiez Pankow“

Bürgerinitiative Grüner Kiez Pankow will Nachverdichtung in Höfen stoppen

Ihr Ziel: Die Nachverdichtung in den Höfen stoppen. „Keine neue Mietskasernen“, so lautet das Credo der neuen Gruppierung. „Es fehlen Schulen und Kitas, Sportplätze, Spielplätze, Parkplätze und Fahrradwege“, beklagt Initiativen-Sprecherin Antje Schmelcher mit Blick auf die schon jetzt kaum ausreichende Infrastruktur.

Auch verkehrlich sei das Limit im Ortsteil Pankow bereits erreicht. „Die Straßenbahn-Linie 50 fährt zu den Stoßzeiten im 5-Minuten-Takt, doch an der Mendelstraße und am Stiftsweg müssen die Schulkinder morgens drei Bahnen abwarten, bis sie hineinpassen. Die Lehrer der Mendelgrundschule finden keine Parkplätze mehr. Auch für sie sind die vollen und verspäteten Bahnen ein Problem. Ab der Breiten Straße stehen die Straßenbahnen morgens im Stau. „Vor der Schule und an den Kreuzungen spielen sich Dramen ab“, beschreibt Schmelcher die Lage.

Gesobau plant weitere 600 Wohneinheiten in Pankow und sorgt für Platzangst

Tatsächlich ist das strittige Vorhaben der Gesobau nicht das erste und nicht das letzte im beschaulichen Alt-Pankow. Gerade erst haben Mieter 350 neue Wohnungen an der Mendelstraße bezogen. Und neben dem aktuellen Streit um die Innenhöfe der 50er-Jahre-Wohnanlage zwischen dem Schlosspark, Ossietzky- und Kavalierstraße steht ein noch größeres Vorhaben nebenan in den Freiflächen zwischen Wolfshagener Straße und Stiftsweg bevor. Hier plant die Gesobau nochmals 600 Wohneinheiten. Und sorgt damit für Platzangst. „Wir sollen zusammengepresst werden wie Sardinen“, befürchtet Anwohner Paul Kuder.

Tausende neue Nachbarn in einem ansonsten unveränderten Stadtviertel – kann das funktionieren? Trotz solcher Einwände hält die Wohnungsbaugesellschaft an ihren Zielen fest – weil sie sich einem politischen Auftrag verpflichtet fühlt: dem Bau von bezahlbarem Wohnraum.

Rund die Hälfte der neuen Wohnungen in Pankow sollen mit geförderten Nettokaltmieten von 6,50 Euro auf den Markt kommen, betont Gesobau-Prokurist Jan Holborn. „Bei einer Nachverdichtung sind die Grundstücke schon in unserer Hand. Das spart Entwicklungskosten“, nennt er den Vorzug solcher Vorhaben.

Günstige Mieten durch Weiterbauen im Bestand

Weil die Anwohner die erste Beteiligungsveranstaltung am 28. März boykottierten, setzte Holborn am 7. Mai eine zweite an. Doch auch hier wollten sich die Teilnehmer nicht dazu bewegen lassen, ein Model zur Bebauung der Höfe anzunehmen. Weiterhin gilt: Angesichts der rapide gestiegenen Grundstückspreise sieht das Landesunternehmen das Weiterbauen im Bestand als einzige Option, günstige Mieten zu erzielen – so wie sie sich die meisten Berliner wünschen.

Aufgrund der begrenzten Möglichkeiten geht es für die Gesobau nicht mehr darum, ob gebaut wird, sondern nur noch um die Anordnung der neuen Gebäude. Und die Untersützung des Bezirksamts gilt als gesichert. Ob die Bürgerinitiative an dieser Festlegung noch einmal rütteln kann?

Linke will Planung neu starten lassen

Auf Antrag der Linksfraktion wird der Konflikt um günstige Mieten auf Kosten von hoher Dichte am Mittwoch, 15. Mai, in der Bezirksverordnetenversammlung Pankow jedenfalls erneut beraten. Auf dem Programm steht ein Antrag zur „Sicherung der Wohn- und Lebensqualität“, der dem Bezirksamt Pankow nahelegt, das laufende Planungsverfahren völlig neu zu starten.

Der Beteiligungsprozess müsse diesmal „transparent, öffentlich und ergebnisoffen“ verlaufen, fordern die Linken. Weil die Gesobau in diesem Fall nicht verpflichtet ist, Kita- oder Schulplätze zu schaffen, soll der Bezirk mit „Steuerungsmaßnahmen“ Einfluss nehmen, um die Infrastruktur doch noch anzupassen.

Auch die neue Bürgerinitiative will an der Sitzung teilnehmen – und mit einem Großaufgebot gegen Wohnblöcke in grünen Höfen demonstrieren. Zwar sind die Bauprojekte der Gesobau im Stadtentwicklungsplan Wohnen des Senats festgehalten und genießen hohe Priorität. Eine formelle Baugenehmigung des Bezirksamts steht aber noch aus.