Lebensmittel-Aktivisten

Digitaler Wochenmarkt: Marktschwärmerei im Garten Eden

Aktivisten haben in Pankow einen neuen Wochenmarkt ins Leben gerufen. Bestellt wird online, abgeholt auf die altmodische Art.

Per Smartphone bestellt, in Papiertüten übergeben: Die Marktschwärmerei verbindet Digitales mit Analogem.

Per Smartphone bestellt, in Papiertüten übergeben: Die Marktschwärmerei verbindet Digitales mit Analogem.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Es ist Dienstag, da ploppt die E-Mail auf. Post vom Marktschwärmer-Netzwerk. „Du hast in dieser Woche noch gar nichts bestellt“, heißt es im ersten Satz. Kein Vorwurf, sondern eine praktische Feststellung. Denn wer jetzt keine Order tätigt, der wird zwei Tage später am Marktstand leer ausgehen. Am Donnerstag nämlich bieten Händler an ihrer mobilen Theke nicht weit vom Wohnort nur das an, was man vorher mit ein paar Eingaben am Bildschirm übermittelt hat – und sogleich bezahlt. Natürlich digital. Wer also am Dienstag keine Bestellung aufgibt, bekommt an Donnerstag keinen Eichblatt-Salat, kein Bauernbrot und keine Bio-Ravioli mit Gorgonzola-Füllung.

Verantwortlich für die Erinnerungsnachricht auf dem Smartphone: Sandra Maria Kink. Sie ist die Frau, die mit ihrem Team im Garten der „Eden-Studios“, einem Kulturprojekt in den Räumen einer historischen Villa in Alt-Pankow, die Marktschwärmerei steuert – ein Wochenmarkt, der zur Hälfte virtuell ist und zur Hälfte analog.

Ende der Überproduktion und Lebensmittelverschwendung

Für Kink jeden Woche ein logistischer Akt. Welcher Obstbauer kann welche Sorten liefern? Welche Öko-Wurst schafft es ins virtuelle Schaufenster? Solche Fragen müssen geklärt sein. Kink, eine Kinderkrankenschwester, die sich seit Jahren als Aktivistin für einen neuen Umgang mit Lebensmitteln engagiert, verwaltet bei ihrer „Schwärmerei“ in Pankow ein Onlinesystem mit über 2100 gemeldeten Kunden und Dutzenden Händlern.

Bestellt und bezahlt wird zum Wochenanfang online, abgeholt im Angesicht des Händlers. Jeden Donnerstagabend ab 18.30 Uhr im Garten des „Eden.“ Es gibt ein englischsprachiges Wort für dieses System: „Food Assembly“. Aber inzwischen hat sich die neue Art des Handelns unter der Vokabel „Marktschwärmerei“ etabliert. Klingt romantisch, ist aber dennoch ein echtes Geschäftsmodell. Rund acht Prozent der Wocheneinnahmen verbucht Kink am Ende als eigenen Verdienst.

„Es geht darum, die Stadt mit dem Land zu verbinden, die regionalen Lebensmittel wieder in den Vordergrund zu stellen und die Erzeuger zu stärken. Hier geht es wirklich um den Kleinbauern, der die Vernetzung braucht“, beschreibt die Marktfrau den Geist des Projekts. Vielleicht liegt es in ihrem Beruf als Kinderkrankenschwester begründet, dass Kink gerne nach dem Lebenswichtigsten fragt, nach dem Ursprung der Dinge. Sie sagt: „Für mich sind Lebensmittel nicht einfach Dinge, sondern Mittel zum Leben.“

Natürlich sei es umständlich Bestellung und Abholung zu trennen. „Aber dadurch können die Erzeuger genau nach Bedarf anliefern und fahren nicht mit halbvollen Kisten nach Hause. Dadurch wird die Verschwendung verderblicher Lebensmittel vermieden“, nennt Kink den Vorteil. Mehr produzieren als verkauft werden kann und überschüssige Ware dann wegschmeißen – das werde somit überflüssig. Als die Marktveranstaltung 2015 Premiere feierte, war Pankow der fünfte Standort der Marktschwärmerei in Berlin – heute ist es einer der erfolgreichsten.

„Stolze Kuh“, „Milchmädels“ und „Groovy Vegetables“

Es ist ein milder Donnerstagabend, die Abendsonne blitzt über eine schiefe Baumkrone auf die lange Theke im Garten der Villa. Die Händler geben ihren Minishops Namen wie „Stolze Kuh“, „Milchmädels“ oder „Groovy Vegetables.“ Ein Zettel mit einer Bestellnummer – das ist das Zeichen, mit dem sich Käufer und Verkäufer gegenseitig erkennen. Zu den Klassikern im Garten gehören die „Chursdorfer Büffelspezialitäten“ von Käserin Ines Engel. Wurst vom gehörnten Vieh soll reich an Eisen und ungesättigten Fettsäuren sein. „Und die Milch eignet sich für Allergiker“, verspricht Engel. Nebenan vertreibt Wanderschäferin Sandra Lehmann Produkte von Tieren, die sie eigenhändig über die Weiden trieb. Und sieht für sich nur Vorteile. Der wichtigste: „Ich weiß, schon vorher, was verkauft wird.“

Das gefällt auch Theresa Zwicker, Vertreterin eines familiengeführten Obsthofs 80 Kilometer südlich von Berlin. „Wir bauen seit 25 Jahren alles selbst an, von Äpfeln bis zu Aprikosen.“ Und die schweren Kisten? Die hievt Zwicker selbst aus dem Auto auf den Tresen.

Die Marktschwärmerei ist eine Angelegenheit, bei der vor allem Frauen die Initiative ergreifen. Das fällt auf. Auch Robert ist hier, weil seine Frau den Anstoß gab. „Sie hat uns als Kunden angemeldet“, sagt der Familienvater. Die virtuell bestellten Einkäufe nach Hause zu schleppen, das übernimmt er in der Regel. „Man kann der Massenverarbeitung und den Schattenseiten des Industriellen entgegenwirken“, hält er dieser Form des Einkaufs zugute.

Die Marktschwärmerei ist eine Ergänzung, kein Ersatz

Wie die Waren, die man in Pankow abholt, in Brandenburg produziert werden, habe die Familie im Rahmen von Ausflügen überprüft. „Man will doch wissen: Sagen die nur, dass ökologisch produziert wird oder ist das echt?“ Ob die Marktschwärmerei, dieses Mittelding aus Digitalisierung und Nostalgie, den Supermarkt ersetzen kann? Robert überlegt kurz. Und erwidert: „Es ist eine Nische. Eine Ergänzung, kein Ersatz.“ Vielleicht auch deswegen, weil mancher Einkaufswunsch erst auftaucht, wenn der Bestellschluss der Marktschwärmerei schon verstrichen ist.