Stadtentwicklung

Umbruch in Buch: Wissenschaft und Wohnungen statt Platte

Wo gestern graue Plattenbauten das Bild prägten, spricht man heute über Wissenschaft, Fontane und Pläne für mehr als 4500 Wohnungen.

Im Ludwig Hofmann Quartier verwandelt sich die frühere Irrenanstalt in eine Loftsiedlung.

Im Ludwig Hofmann Quartier verwandelt sich die frühere Irrenanstalt in eine Loftsiedlung.

Foto: Thomas Schubert

Pankow. Es war eine vergessene Altlast. 25.000 unverschlossene Patientenakten fanden Datenschützer Anfang des Jahres in den Ruinen der früheren DDR-Regierungskrankenhäuser. Für einen kurzen Moment erinnerte sich Berlin dank des Skandals an die Existenz des riesigen Brachgrundstücks. Hier, Am Sandhaus, im nordöstlichsten Zipfel von Buch, werden in den kommenden Jahren nicht mehr die Relikte des Sozialismus für Schlagzeilen sorgen, sondern ein Projekt, mit dem sich die Einwohnerzahl Buchs fast verdoppeln könnte.

Leerstand sinkt auf unter zwei Prozent

Durch die Änderung des Flächennutzungsplans und den Abriss der alten Klinikgebäude ebnet der Senat demnächst den Weg zum Bau von 3000 Wohnungen. Und das ist noch nicht alles. Denn auch das Bezirksamt Pankow treibt gleich nebenan einen Rahmenplan für das Gebiet zwischen der Bahntrasse, Wiltbergstraße, Karower Chaussee und Autobahn A100 voran, an dessen Ende bis zu 1600 Wohnungen und zwei Kitas entstehen werden. „Sicher ist: die Attraktivität von Buch wird mit jedem neuen Haus steigen“, verkündete Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) kürzlich bei einem Bürgerforum. Mit dem Wachstum würden auch anspruchsvolle Geschäfte, Kulturangebote und Restaurants wahrscheinlicher, die sich Anwohner bisher vergeblichen wünschten.

Plattenbauten saniert, Neubauten in Planung

Bis vor wenigen Jahren stand Buch für unsanierte Plattenbauten und verwaiste Hochhausetagen. Inzwischen ist der Leerstand in Buch innerhalb von zehn Jahren allein in den Beständen der städtischen Wohnungsgesellschaft Howoge von 9 auf 1,4 Prozent geschrumpft, berichtet Karen Schulz vom örtlichen Service-Zentrum. „Und wir haben hier keinen Schrott, sondern toll sanierte Buden.“

Inzwischen gibt es in Pankows hohem Norden rund 6000 Arbeitsplätze, darunter viele gut bezahlte Jobs am Klinikum des Helios-Konzerns und am Wissenschafts-Leuchtturm Campus Buch. „Aber die wenigsten Beschäftigten wohnen auch hier“, sieht Volker Wenda vom Bürgerverein Buch eine Diskrepanz. Und so haben auch private Investoren ihre Liebe zu Buch entdeckt – und übertragen die Trends der Innenstadt auf die Gegebenheiten im historischen Dorf.

Neues Leben in der ehemaligen Irrenanstalt

In den generalsanierten 31 Gebäuden der früheren Irrenanstalt an der Wiltbergstraße beispielsweise genießen heute Familien ein Leben zwischen lauschigen Pavillons, Springbrunnen und Rosenstöcken. Ludwig Hoffman Quartier nennt die gleichnamige Entwicklungsgesellschaft das neue Viertel mit Klinik-Lofts und neu erbauten Häusern.

„Uns geht es darum, das Hoffmann-Quartier ins gesellschaftliche Leben von Buch einzuweben“, erklärt der Gesellschafter Andreas Dahlke. Inzwischen sei auf dem Gelände, das man nach dem Architekten der Anlage benannte, eine dritte Kita im Bau. Und mit dem Abriss der früheren Pathologie entstehe Raum für 190 zusätzliche Seniorenwohnungen. Allerdings kämpft der Investor noch immer mit Schwierigkeiten: Er wartet noch immer darauf, eine Zufahrt von der Wiltbergstraße einrichten zu können. Die Entscheidung hängt jedoch noch immer zwischen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und dem Bezirk Pankow.

Dahlke sieht den neu belebten Krankenhaus-Kiez mit künftig 900 Wohnungen als Lösung für jene, die mit Plattenbau-Türmen nichts anzufangen wissen. Neuerdings steht im Pförtnergebäude des Hoffmann-Viertels auch ein quartiereigenes Craft-Bier zum Verkauf. Und am Ostersonntag eröffnet die passende Kulisse zum Kosten: der Biergarten auf den früheren Krankenhaus-Wiesen.

Campus Buch - das Adlershof des Nordens

Ein anderer Wachstumsmotor und Magnet für anspruchsvolle Zuzügler: der Campus Buch. Für den Hightech-Wissenschaftsstandort reicht seine Fläche von 32 Hektar im Osten des Kiezes längst nicht mehr aus. Zur Erweiterung wird in den kommenden Jahren zunächst eine „Biomed Start-up Factory“ mit rund 10.000 Quadratmetern Büro- und Laborfläche entstehen. Ziel soll es sein, weitere Start-ups in der Gesundheitswirtschaft anzuziehen und das Spektrum in Sachen Biotechnologie noch zu erweitern. Das schon ansässige Max-Dellbrück-Centrum für Molekulare Medizin zählen Experten zu den wichtigsten 20 biomedizinischen Forschungseinrichtungen weltweit. Buch könnte also mit seinem aufstrebenden Campus zum Adlershof des Nordens werden.

Was solchen Entwicklungen am ehesten Grenzen setzt, ist der Verkehr, warnt man beim Bucher Bürgerverein vor einem Kollaps durch den zunehmenden Pendlerstrom aus Brandenburg. Auch das Bezirksamt Pankow hat die Überlastung der S-Bahnlinie S2 und des dörflichen Straßennetzes längst erkannt – und pocht trotz Widerständen im Senat auf einen neuen Regionalbahnhof, von dem aus die künftigen und alten Bewohner schneller ins Stadtzentrum gelangen könnten. Stadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) hält es für möglich, dass wenigstens jeder zweite Regionalzug in Buch stoppen könnte, findet damit beim Senat aber kein Gehör.

Radschnellweg „Panke-Trail“ führt zum Mauerpark

Als gesetzt gilt dafür der neue Radschnellweg „Panke-Trail“, der in Buch seinen Ursprung nimmt und geradewegs bis zum Mauerpark nach Prenzlauer Berg führt. „Eine solche Radschnellbahn wird drei Viertel des Jahres zur Entlastung des Verkehrs beitragen“, zeigt sich Bürgermeister Benn optimistisch, dass künftig viele Bucher auf zwei Rädern ans Ziel kommen werden.

Auch wenn tatsächlich neue Wohnquartiere und zusätzliche Liegenschaften des Campus entstehen – bei all diesen Entwicklungen wird Buch seine Luftigkeit wohl nicht verlieren. Wie eine Krone ragt der nördlichste Ortsteil Berlins nach Brandenburg hinein. Das Erholungsgebiet Barnim ist nur einen Spaziergang entfernt. Auch kulturelle Glanzlichter gibt es am alten Dorfanger. Rosemarie und Adolf Henke, die Theodor Fontanes Besuch in Buch im Restaurant „Il Castello“ würdigen, setzten sich Anfang des Jahres mit einer alten Forderung durch: Hinter dem früheren Gasthof entsteht ein Fontane-Eck mit Birnbaum, wie ihn der Literaten gerne in seinen Balladen beschrieb. „Es ist Berlins einziger Beitrag zum 200. Fontane-Geburtstag in diesem Jahr“, sagt Adolf Henke.

Günter Jauch kämpft für die Bucher Schlosskirche

Nur ein paar Schritte vom jungen Birnbaum entfernt erblicken Buch-Besucher die barocke Schlosskirche, bedingt durch Kriegsschäden ein Prunkstück ohne Turm. Ein wachsender Kreis von Unterstützern sammelt Geld für die denkmalgerechte Reparatur. Inzwischen interessieren sich Prominente, die ansonsten Denkmäler in Potsdam aufpolieren, für das historische Erbe Buchs. Auf der Liste der Unterstützer des Projekts Schlosskirche steht auch ein gewisser Günther Jauch.

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