Wohnen in Berlin

Widerspenstiger Mieter zu verkaufen

Nach langem Streit verkauft ein Eigentümer die letzte Wohnung im Altbau. Weil der Mieter nicht gehen will, preist er ihn mit ein.

Sven Fischer ist noch da. Nach zahlreichen fristlosen Kündigungen und Räumungsklagen verkauft der Vermieter die 38-Quadratmeter-Wohnung an der Kopenhagener Straße in Prenzlauer Berg.

Sven Fischer ist noch da. Nach zahlreichen fristlosen Kündigungen und Räumungsklagen verkauft der Vermieter die 38-Quadratmeter-Wohnung an der Kopenhagener Straße in Prenzlauer Berg.

Foto: Reto Klar

Berlin. Ein Schnäppchen. So kommt die Verkaufsanzeige der Ein-Zimmer-Wohnung im Prenzlauer Berg daher. 38,12 Quadratmeter für 155.000 Euro. Lage: Kopenhagener Straße 46. Direkt am Mauerpark. Sanierter Altbau, makellose Fassade. Ähnliche Wohnungen im Viertel werden für gut 2000 Euro pro Quadratmeter mehr angeboten.

Der Haken ist bei diesem Schnäppchen eingepreist. Der Kauf sei eine Investition für „unerschrockene Anleger“, steht weiter unten. Man brauche unter Umständen rund ein Jahrzehnt lang ein dickes Fell, bevor mal die Immobilie nutzen kann. Geschätzte Monatsrate für den Kaufpreis: 399 Euro. Mieteinnahmen: 171,53 Euro. Der aktuelle Bewohner werde als „renitentester Mieter Berlins“ betitelt.

Anruf bei Makler Dominic Schache, er klingt nach Verve und Freisprechanlage. Ein verspäteter Aprilscherz sei das nicht, die Annonce schon drei Wochen alt, die Resonanz gut, 80 Anfragen bislang. Er wolle nur ehrlich sein mit den Interessenten. Kaufangebote gebe es. Zu niedrig allerdings. Aber die nächste Besichtigung stehe schon an.

Lesen Sie hier die Annonce zur Kopenhagener Straße im Original

Wohnung an der Kopenhagener Straße: Annonce hat lange Vorgeschichte

Die Geschichte der Kopenhagener Straße 46 ist ein Lehrstück über Entmietung. Sie begann vor rund sechs Jahren, als den Mietern im baufälligen Altbau per Schreiben der neue Eigentümer vorgestellt wurde. Die Christmann Unternehmensgruppe, gefürchtet wegen ihrer vermeintlichen Strategie: Mietshäuser kaufen, Mieter per Sanierung verdrängen, Wohnungen gewinnbringend verkaufen.

Am Anfang gaben sich die Mieter noch aufmüpfig, trommelten zum Protest im Milieuschutzgebiet. Die Medien berichteten, Politiker solidarisierten sich. Vergeblich. Wer nicht schon vor der bloßen Ankündigung von teils dreifacher Mieterhöhung floh, der ging spätestens, als Bauarbeiter das Haus in eine Plane verpackten, jegliches Tageslicht aussperrten, Löcher in Badezimmerdecken rissen. Heute sind alle Wohnungen saniert und verkauft, die Mieter raus.

Nur einer nicht: Sven Fischer. Erzählt man die Geschichte der Kopenhagener Straße 46 aus seiner Sicht, dann bleibt eine andere Botschaft. Ein positives Signal an jene Menschen, die zuletzt am vergangenen Wochenende zu Tausenden gegen „Mietenwahnsinn“ auf die Straße gingen. Sie lautet: Wer es wirklich ernst meint mit dem Slogan „ihr kriegt uns hier nicht raus“, so ernst wie Sven Fischer, der bleibt.

Der letzte Mieter an der Kopenhagener Straße 46 wohnt im 4. OG links

Montag, kurz vor 8 Uhr, Besichtigungstermin. Golden strahlt die Klingelanlage in der Morgensonne, ein C wie Christmann prangt über den 28 Namensschildern. Das graue Treppenhaus riecht nach Wandfarbe. Der letzte Mieter, er wohnt im 4. OG links.

Klingeln. Keine Sekunde später steht er in der Tür. „Ich bin der Fischer“, sagt Fischer. Der Händedruck kraftvoll, der Kopf kahlrasiert. Fischer lächelt mindestens so breit wie er berlinert. Er schient sich zu gefallen in seiner Rolle.

Makler musste Annonce zum „renitentesten Mieter Berlins“ ändern

Die Wohnung: Links ein enges Badezimmer, eine Tür weiter die Küche mit eingebauter Saunaecke, die Wohnzimmerwände sind mit bunten Klettergriffen übersäht. Fischer nutzt die Wohnung vor allem als Arbeitszimmer und Kletterhalle. Ein paar Stockwerke tiefer wohnt er mit Frau, Kindern und Mitbewohnern. Es ist jetzt Punkt acht Uhr. Die Kaufinteressenten dürften jeden Augenblick kommen.

Fischers erste Reaktion auf die Annonce: Er forderte Unterlassung, argumentierte mit Paragrafen aus dem Strafgesetzbuch. Es ging um eine Vorwarnung des Maklers an die Interessenten: Der „vermeintliche Star der Mietaktivistenszene“ lasse einen gerne mal vor verschlossener Tür stehen. Stimme nicht, schrieb Fischer. Er habe Besichtigungen immer termingerecht ermöglicht, das könnten mehrere Menschen bezeugen. Der Makler hat die Annonce daraufhin entschärft.

Die Unterlagen füllen fünf Aktenordner

„Es ist ein Spiel um Haus und Hof daraus geworden“, sagt Fischer über seinen jahrelangen Kampf gegen seine Vermieter. Ein kräftezehrendes Spiel. Was er daraus gelernt habe? Als Mieter sei man bei Eigentümern wie seinem lediglich ein Störfaktor bei der Gewinnerwartung. Und: „Wer mit den Großen in den Ring steigt, der muss einstecken können.“

Die Beweise dafür füllen inzwischen fünf Aktenordner. Darin finden sich zahlreiche fristlose Kündigungen, Räumungsklagen, Strafanzeigen. Er hat über ein Jahr mit seiner Familie ohne Gas, Strom und Wasser gelebt. Die Mieterhöhung von 124 Euro auf 644 Euro hat das Amtsgericht abgeschmettert. Der Vermieter hat Berufung eingelegt.

Wohnungsbesitzer lässt Anfragen unbeantwortet

Aber was bedeutet der Verkauf jetzt eigentlich? Hat der Vermieter aufgeben? Schwer zu sagen: Die Christmann-Gruppe lässt mehrere Anfragen unbeantwortet. Und Sven Fischer ist sich nicht so sicher. Nur so viel: „Ich bin noch da. Und ob der neue Eigentümer schlimmer sein wird als Christmann, ist mehr als fraglich.“ Er werde weiterspielen. Und versuchen, den Humor nicht zu verlieren.

Den Besichtigungstermin am Montagmorgen erklärt Fischer um 8.26 Uhr für beendet. Er sitzt auf dem Balkon, den der Vermieter anbauen ließ, lächelt zufrieden, als er seine Mail an ihn verschickt. Da die nunmehr achte Besichtigung ohne Absage ausgefallen sei, gehe er davon aus, dass ein Käufer gefunden wurde. Er endet mit den Worten: „Ich bedanke mich für die interessante Zusammenarbeit mit ihnen in den vergangenen Jahren und wünsche ihnen weiterhin viel Erfolg in Leben und Beruf und verabschiede mich hiermit.“

Die „Mietenwahnsinn“-Demo in Berlin in Bildern