Amerikanische Faulbrut

Pankower Imker wollen keine gesunden Bienen töten

Die Amerikanische Faulbrut bereitet Berliner Bienenzüchtern Sorge. Zum Frühjahr stehen in den Sperrgebieten weitere Kontrollen bevor.

Sind die Bienen gesund? Viele Imker im Sperrkreis bangen um ihre Völker, die gerade ihre Winterruhe beenden.

Sind die Bienen gesund? Viele Imker im Sperrkreis bangen um ihre Völker, die gerade ihre Winterruhe beenden.

Foto: Thomas Schubert / BM

Berlin.  Alle Bienen im Umkreis ersticken oder nur die erkrankten töten und die gesunden Stämme leben lassen? Seit drei Monaten schwelt darüber in Pankow ein Grundsatzstreit. Damals musste ein Imker in Wilhelmsruh gegen seinen Willen rund 100.000 Bienen töten. Dabei waren nur zwei seiner acht Völker an der sogenannten Amerikanischen Faulbrut erkrankt – einer Seuche, die Larven zu Brei zersetzt und ganze Völker vernichten kann.

Aber das Veterinäramt Pankow bestand darauf, dass der Imker auch die unauffälligen Stämme am Standort „abschwefeln“ muss, um jede weitere Ansteckung auszuschließen. Und das Oberverwaltungsgericht Berlin gab dem Amt recht. Zum Entsetzen des Berliner Imkerverbandes.

Die Eingänge aller Stöcke verschließen, Schwefelrauch einleiten und schließlich die toten Bienen verbrennen – von dieser Praxis lässt das Veterinäramt unter Aufsicht von Pankows Ordnungsstadtrat Daniel Krüger (parteilos, für AfD) nicht ab. Dass es in Deutschland auch die liberale Lehrmeinung gibt, wonach „verdächtige“ Völker therapiert werden können, spielt für ihn keine Rolle. „Wir müssen auf jeden Fall sicherstellen, dass sich Krankheitserreger nicht weiter ausbreiten“, erklärt Krüger im Einvernehmen mit seinen Tierärzten.

Imker im Sperrkreis wollen Gewissheit

Nun, da die Winterruhe der Insekten endet, flammt die Debatte wieder auf. Was soll mit den Insekten im Sperrkreis einen Kilometer um den Ausbruchsort der Krankheit am Wilhelmsruher See geschehen? Alle Bienen an den betroffenen Ständen töten, sagen die Tierärzte. Die gesunden Völker unversehrt lassen – darauf pocht der Berliner Imkerverband.

Züchter im Pankower Sperrkreis leben seit Monaten in Sorge. „Es gibt weder Entwarnung für die dort befindlichen Bienenvölker noch weitere Funde“, berichtet Robert Tuchel, der für den Imkerverband spricht. Obwohl das vorfrühlingshafte Wetter für eine Untersuchung der Bienen auf eine Infektion ideal wäre, habe das Veterinäramt noch keine Proben bei den Völkern im Sperrkreis genommen. „Es bleibt zu hoffen, dass die wichtige Kontrolle bald durchgeführt wird, damit es für die dort ansässigen Imker bald Gewissheit über den Zustand ihrer Völker gibt,“ sagt Tuchel. Auch gegenüber der Berliner Morgenpost macht das Bezirksamt keine Terminangaben für die Überprüfung.

Vorwurf der Vertuschung und Ignoranz

Derweil spaltet der Kampf gegen die Faulbrut Bienenexperten in der ganzen Stadt. Was in Pankow Schule macht, könnte überall Nachahmer finden. Im Ordnungsausschuss der Pankower Bezirksverordnetenversammlung (BVV) verteidigte Dr. Lutz Zengerling vom Lebensmittel- und Veterinäramt die harte Linie. Und erhob Vorwürfe gegen Imker, die seiner Meinung nach zu leichtsinnig mit der Seuche umgehen.

„Es gibt Tendenzen, dass die Vereine dazu aufrufen, kranke Völker nicht mehr zu melden“, sagte Zengerling und warnte vor Vertuschung und Ignoranz. Es sei erforderlich, „dass der Schulungsgrad der Imker nach oben geht.“ Als Beleg für die schlechten Kenntnisse nimmt er den Bienenzüchter in Wilhelmsruh, der die Infektion offenbar mit seinen Imkerwerkzeugen an einen anderen Stand in Spandau weitergetragen hat.

Zengerling plädiert dafür, dass der Senat Bienensachverständige einführt, wie es sie beispielsweise in Sachsen gibt. Solche Sachverständigen müssten wiederum der Obhut der Veterinäre unterstehen und sie bei Verdachtsfällen alarmieren. Bislang überlasse der Senat die Bekämpfung der Faulbrut – und aller anderen Tierseuchen – den Bezirken.

Aus Sicht der Pankower CDU-Fraktion braucht es aber ein berlinweites Konzept zur Bekämpfung dieser Krankheit, die auch unter dem Namen Bienenpest bekannt ist. Mit einem entsprechenden Antrag fordern die Christdemokraten den Bezirk auf, beim Senat auf eine ganzheitliche Strategie zu pochen.

Ein schlüssiges Konzept und ein Ende der Eigenbrötlerei der zwölf Veterinärämter fordert auch der Berliner Imkerverband in seiner Petition an das Abgeordnetenhaus. Sie richtet sich gegen das „sinnfreie Abtöten von gesunden Bienenvölkern“. 1800 Unterzeichner schlossen sich bislang dem Vorstoß des Verbands an.

Nicht nur in Pankow, sondern auch in Reinickendorf und Spandau brach zum Ende der Saison 2018 die Faulbrut aus. Auch dort töteten Imker erkrankte Bienen. Aber anders als in Pankow blieben in den anderen Sperrkreisen Streitigkeiten über die Auswahl der bedenklichen Völker aus. Unter den Berliner Züchtern gibt es ohnehin unterschiedliche Standpunkte, wie hart man gegen die Bienenpest vorgehen muss. Das zeigt sich auch in den Onlinekommentaren zur Petition des Imkerverbands.

Betroffene Imker könnten Schadensersatz fordern

Es dürfe weder ein „ängstliches Vertuschen“ noch eine Pauschalisierung der Befunde geben, mahnt zum Beispiel der Petent Andreas Mundt zur Vernunft. „Wer Angst hat, wird sich im Zweifel nicht helfen lassen und damit vielleicht andere Völker gefährden. Der Schaden, der dadurch entsteht, wird dadurch größer“, spricht sich ein anderer gegen rigorose Massentötungen aus.

Nicht alle Bezirke sind im Bereich der Veterinärmedizin personell derart stark aufgestellt wie Pankow, wo dieser Bereich von massiven Personaleinsparungen verschont blieb. So verweist Lutz Zengerling auf den verhältnismäßig großen Erfahrungsschatz im Umgang mit der Seuche in seinem Bezirk hin und erklärt: „Auch andere werden die Pankower Strategie anwenden.“ Lasches Vorgehen gegen die Faulbrut habe sich nicht bewährt.

Ein hartes Vorgehen wiederum könnte Entschädigungsforderungen zur Folge haben. Das deutet jedenfalls die Umweltschützerin und Bienenexpertin Melanie von Orlow für den Fall in Wilhelmsruh an. Sie sagt: „Bisher hat der betroffene Imker keinen Cent für die abgetöteten Völker erhalten. Es sieht aber ganz gut aus, dass er zumindest die Rechtsverfolgungskosten von der Rechtsschutzversicherung erstattet bekommt.“