Wandgemälde

Diana Marossek ist die Agentin der Straßenkünstler

Diana Marossek und ihre Firma „Street Art Berlin“ gestalten seit zehn Jahren Wandbilder in ganz Europa.

Diana Marossek verwaltet auch den Nachlass des verstorbenen Künstlers „Robbie the Dog“.

Diana Marossek verwaltet auch den Nachlass des verstorbenen Künstlers „Robbie the Dog“.

Foto: Thomas Schubert

Prenzlauer Berg. Die etablierte Kunst lebt von Galerien und Kuratoren. Und die Kunst jenseits von Salons und Museen? Sie heißt Street-Art und braucht nicht mehr als eine Mauer, die schroffe Leinwand der Straße. Auch die Urheber von Wandgemälden oder Collagen unter freiem Himmel könnten jemanden gebrauchen, der ihnen eine Stimme gibt, dachte sich Diana Marossek Mitte der 2000er-Jahre.

Es ist die Zeit, als in Berlin über Nacht immer neue „Murals“ – so nennt man die aufgesprühten Bilder – und „Paste ups“, also aufgeklebte Poster, erscheinen. Selbst „Banksy“, heute der bekannteste Street-Art-Künstler der Welt, gilt noch als ein Name für Eingeweihte. Dabei ist er ein Star, dessen Bilder hinter Glasplatten konserviert werden.

Diana Marossek ist als Linguistin an der Technischen Universität (TU) Berlin gerade mit ihrer Doktorarbeit über das Phänomen „Kiezdeutsch“ befasst und bereits als Kinderbuchautorin im Geschäft, da entscheidet sie sich, den Internetblog eines Freundes zu übernehmen, aus Liebe zur urbanen Kunst. Bald darauf verwandelt sich der Blog in eine Agentur. Sie hat ihren Sitz in Prenzlauer Berg, wird von Marossek geleitet und nennt sich „Street Art Berlin“.

Die Szene schätzt das Geheimnisvolle

Heute ist urbane Kunst so beliebt, dass sie sich den Weg von der Straße ins Private bahnt, in Wohnzimmer, Restaurants und Büros. „Viele unserer Auftraggeber sehen ein Werk auf der Straße und wollen das Gleiche in den eigenen vier Wänden“, erzählt die 34-Jährige. Ein Mops des Künstlers „Xoooox“ war zuerst an einer Fassade zu sehen und entstand durch eine Buchung bei „Street Art Berlin“ in privaten Räumen noch einmal neu. Diesmal gegen Honorar. Dem Schweizer Künstler „Robbie the Dog“ setzte Marossek zwei Jahre nach seinem Tod ein Denkmal, indem sie eine seiner verrückten Tierfiguren am „Kino Intimes“ in Friedrichshain mit einer Glasscheibe versiegeln ließ.

Doch die Wurzeln ihrer Agentur liegen jenseits dessen, was man heute Street-Art nennt. Zwei Freunde Maros-seks, die ursprünglich Graffiti fotografierten, entdeckten 2008 eher nebenbei ihr Interesse für Bilder, die wie Gemälde der Straße wirken. Nun fotografierten sie auch „Murals“, „Paste ups“ und Collagen. Bald hatten sie eine ungeordnete Flut von Bildern. Und die Frage: Wer sind die Künstler?

Inzwischen ist Marossek selbst in die Szene eingetaucht, kennt die Gesichter zu den jeweiligen Namen, genießt das Vertrauen der Künstler. Meist sind es junge Männer, die sich mit Sprühdosen, Aufklebern und Kleister im Schutz der Dunkelheit bewegen, um unerkannt zu bleiben. Nicht jeder Hauseigentümer ist erfreut, wenn einer von ihnen ungefragt seine Fassade verziert.

Was zählt, ist das Werk

Zur Street-Art gehört seit jeher das Mysterium. „Banksy“ begründete seinen Ruhm dadurch, ein unbekanntes Genie zu sein. Auch kleinere Vertreter dieses Fachs geben sich gern als Phantome. Was zählt, ist das Werk. Die Überraschung, die ein neues Wandbild in einem Szenekiez erzeugt. Und so wie im Graffiti-Geschäft: der Name, der sich mit jedem neuen Werk verbreitet.

Wie sehr Street-Art Anerkennung fand, konnte Marossek auf der Facebook-Seite ihrer Agentur ablesen. Mit rund 140.000 Abonnenten gehört die Seite heute zu den größten Foren dieser Art in Europa. Parallel dazu läuft der Blog, bei dem Marossek und ihre Mitarbeiter die Entstehungsgeschichte von Werken dokumentieren. Nach eigenen Angaben verzeichnet die Agentur drei Millionen Seitenaufrufe pro Monat.

Und so bemerkten auch die Künstler, dass sie nicht nur auf der Straße eine Bühne haben, sondern – dank des Blogs – auch auf den Bildschirmen. Weil sich dadurch weitere Kreative bei Marossek meldeten, entstand bald so etwas wie eine Künstlerkartei mit Vermittlungsservice. Viele wissen, wie man gute Kunst produziert – aber sie sind nicht vertraut mit geschäftlichen Gepflogenheiten.

Hier kommt Marossek ins Spiel und bringt ihre wirtschaftlichen Erfahrungen als Unternehmerin ein. Bevor eine Wand veredelt wird, hilft die Agentin beim Verhandeln: „Viele sind enttäuscht, wenn ihnen Firmen nicht die erhofften Honorare zahlen wollen. Oder sie wollen Entwürfe umsonst haben. Oder sie zahlen nicht pünktlich.“

Vermittlerin zwischen Künstler und Auftraggeber

So wie viele Künstler ihre Auftraggeber nicht richtig verstehen, so geschieht es auch umgekehrt: „Geldgeber wundern sich, wenn die Künstler nicht pünktlich zum Termin erscheinen oder nicht genau das an die Wand malen, was sie als Skizze eingereicht hatten.“ Marossek, die seit Jahren als Linguistin in Talkshows das Phänomen „Kiezdeutsch“ erklärt, versteht sich als Sprachmittler zwischen zwei Parteien, die einander schlecht verstehen.

Während die Beliebtheit der Street-Art wuchs, verwandelte sich Marosseks kleines Büro zur Schaltstelle zwischen Künstlern und denen, die an der Anziehungskraft der urbanen Gemälde teilhaben wollen. Noch ist die Berliner Szene weit entfernt vom Geschehen in New York, wo vor jeder Brandwand in prominenter Lage früher oder später eine Hebebühne steht, auf der ein Künstler seine Sprühdose schwenkt.

Aber im Gegensatz zu gerahmten Schätzen in Galerien sind Mauergemälde vergänglich. Wenn die Brache bebaut wird, verschwindet auch das Bild an der Brandwand. Oft tilgen Schöpfer ihr Werk sogar selbst – so geschehen auf der Cuvry-Brache in Kreuzberg, wo der Künstler „Blu“ eines der bekanntesten Bilder Berlins, den Torso eines Mannes mit goldenen Handfesseln, mit schwarzer Farbe übersprühte. Bevor das Werk hinter Neubaublöcken verschwinden sollte, beseitigte „Blu“ es persönlich. Marosseks Agentur war auch hier dabei und dokumentierte den Fall.

2019 nun feiert „Street Art Berlin“ das zehnjährige Bestehen. Marossek wird mit ihren freien Mitarbeitern das Glas erheben. Und mit europaweit bekannten Künstlern wie „El Bocho“, der traurige Mädchenfiguren malt, „Rabea Senftenberg“, die Schöpferin von detailverliebten Schwarz-Weiß-Zeichnungen oder Jimmy C., der das Anne-Frank-Porträt an den Hackeschen Höfen entwarf – allesamt Künstler, die „Street Art Berlin“ vertritt. „Wir wollen und müssen Geld verdienen und trotzdem auf der Straße authentisch bleiben“, beschreibt Marossek den Spagat zwischen Glaubwürdigkeit und Gewinn. Authentizität bringt vor allem ein Grundsatz: „Wir sprühen niemals Werbeslogans an die Wände, sondern Kunst.“

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