Siedlung in Pankow

Dieses Vorhaben von Studenten verärgert die Anwohner

Die Studenten wollen einen Plan für ein Pankower Bauprojekt erarbeiten. Doch die Bürger reagieren empört über die Vorstellungen.

Jakob Wirth (2.v.l.) und seine Kommilitonen waren anfangs noch optimistisch.

Jakob Wirth (2.v.l.) und seine Kommilitonen waren anfangs noch optimistisch.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. An einem frostigen Abend stehen fünf Studenten in weißen Overalls mit dem Rücken zur Wand. In Rosa prangt der Schriftzug „Variante X“ auf ihrer Laborkleidung. „Variante X“, das ist der Name eines Entwurfs, den Jakob Wirth und seine Kommilitonen der Kunsthochschule Weißensee mit den Gästen eines Workshops erarbeiten wollten.

Bürger sollen mehr Gehör bekommen

Das X steht für das Unerwartete, für eine Alternative zu allen bisherigen Varianten für eine Siedlung im Blankenburger Süden im Bezirk Pankow mit mindestens 5000 neuen Wohnungen. Die Anwohner sollen auf die Gestaltung so viel Einfluss haben wie bei keiner der offiziellen Veranstaltungen des Senats. Die Studenten machen das ehrenamtlich, sie wollen den Bürgern mehr Gehör verschaffen. Auch wenn unklar ist, ob ihre Ideen je umgesetzt werden. Doch die Anwohner lehnen das Experiment ab.

„Wir sollten diskutieren, wie wir vorgehen“, sagt Wirth. „Gar nicht!“, ruft ein Mann durch den Saal. „Das ist für uns keine Hilfe, das ist eine Frechheit“, verweigert ein anderer die Teilnahme. Ein Dritter steht auf, sammelt die Bauklötze, mit denen die Blankenburger ihre Wünsche ausdrücken sollten, wortlos ein und trägt sie fort. Eine „Variante X“ für das größte geplante Entwicklungsgebiet Berlins, das sehen alle Besucher des Veranstaltungshauses der Erholungsanlage Blankenburg, kann es heute nicht geben. Thementische mit Bezeichnungen wie „Wünsche-Wäsche“ und „Meine Variante X“ bleiben ungenutzt. Doch Jakob Wirth versucht, das Vorhaben immer wieder zu verteidigen und verspricht: „Wir wollen das Gleiche wie Sie.“

Was ist geschehen? Die Idee eines neuen Entwurfs für den Blankenburger Süden, sagten die Studenten zur Begrüßung, sei einer Seminararbeit des Lehrgangs Raumstrategien an der Kunsthochschule Weißensee entsprungen. Jetzt wolle eine kleine Gruppe die Idee verwirklichen. Die „Variante X“ soll keine Fiktion bleiben, sondern Wirklichkeit werden, ohne Professoren, dafür mit den Meinungen der Bürger. Doch die betrachten die „spielerische Herangehensweise“ der jungen Forscher und die Versuchsanordnung wie in einem Experiment als Anmaßung. Wer wirklich die Ängste nachvollziehen wolle, müsse eine Parzelle in der Siedlung anmieten und die Gefahr der Verdrängung durch das Großprojekt selbst nachfühlen, ruft einer der Gäste. „Es geht hier um Existenzen“, poltert ein anderer.

Angst vor einer Großsiedlung mit 10.000 Wohnungen

Eine Stunde lang werden die Studenten und die Workshopteilnehmer über den Sinn der Veranstaltung streiten, ohne dass ein Fragebogen ausgefüllt wird. In dieser Stunde wird deutlich, dass die Wut der Blankenburger über eine Veranstaltung im März 2018 nicht nachgelassen hat. Damals präsentierten Planer des Senats mehrere mögliche Varianten zur Bebauung der Blankenburger Rieselfelder – darunter waren auch Szenarien für ein riesiges Quartier mit 10.000 Wohnungen.

Davon hat sich der Staatssekretär für Wohnen, Sebastian Scheel, zuletzt deutlich distanziert. 5000 bis 6000 Wohnungen sehe er als Obergrenze an, sagte er bei einem Besuch in Blankenburg im vergangenen November. Noch bis ins Jahr 2020 laufen vorbereitende Untersuchungen, um die „planerische Rahmenstruktur für die heutigen landwirtschaftlichen Flächen zu entwickeln“, heißt es bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Doch viele Anrainer der mehr als 1300 Parzellen großen Erholungsanlage befürchten, dass die Bebauung massiver ausfallen wird, auch wenn die Planer solche Probleme bestreiten.

Im ruhigeren Ton spricht Ines Landgraf, die Vorsitzende der Garten- und Siedlungsfreunde der Anlage Blankenburg, über den Zorn ihrer Mitstreiter. „Wir haben uns schon an mehreren Workshops beteiligt. Die Ergebnisse haben wir bisher nicht erfahren“, begründet sie die Skepsis. Landgraf wünscht sich vor allem Klarheit über das Großprojekt und ein Gespräch mit Vertretern der Senatsverwaltung für Verkehr zur künftigen Erschließung des Blankenburger Südens. Auch die Studenten dürften gern wiederkommen und in ernsthafte Gespräche eintreten. Aber sie müssten die Nöte erst verstehen lernen, bevor sie planen wollen.

Eine zweite Chance für die „Variante X“? Jakob Wirth schöpft Mut aus den Gesprächen, die er später am Abend mit den Kritikern des Workshops führen konnte – in kleinerer Runde abseits der Thementische. „Die Erholungsanlage hat eine Wertigkeit, die in der Stadt noch nicht richtig gesehen wird“, sagt er am nächsten Morgen. „Und die Menschen suchen ein Ventil für ihren Ärger.“ Darüber wolle man nun „in Ruhe reflektieren“. Wenn die Studenten wiederkommen, dann ohne Bauklötze und Skizzen.

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