Stadtentwicklung

Neues Leben für die alte Bötzow-Brauerei

Das größte Bauprojekt in Prenzlauer Berg nimmt Gestalt an. Es gibt schon ein Café und jede Menge Hightech. Wohnungen sind geplant.

Ottobock-Mitarbeiter Sebastian Zavelberg präsentiert im neuen Foyer des Unternehmens eine Bein-Prothese.

Ottobock-Mitarbeiter Sebastian Zavelberg präsentiert im neuen Foyer des Unternehmens eine Bein-Prothese.

Foto: Thomas Schubert

Die Losung des größten Bauprojekts von Prenzlauer Berg steht in rosafarbenen Buchstaben am Schornstein geschrieben: „Futuring“ – ein Fantasiewort auf einem Fabrikschlot im Berliner Winterhimmel. Soll heißen: Die Bötzow-Brauerei, das Baudenkmal, zu dem dieser Schlot gehört, ist auf dem Weg in die Zukunft. Und ein Stück dieser Zukunft hat Investor Hans Georg Näder, der Chef des Orthopädieunternehmens Ottobock, bereits beginnen lassen. Vor einem halben Jahr zog die Hauptstadtniederlassung des Prothesenbauers vom Potsdamer Platz nach Prenzlauer Berg in die Brauerei. Nun geht die schrittweise Belebung der Fabrik in die nächste Etappe.

Von den Zäunen und vom Pförtnerhäuschen an der Prenzlauer Allee muss sich niemand abschrecken lassen. Das Betreten des 30.000 Quadratmeter großen Brauereigeländes ist durchaus erwünscht. Man darf Platz nehmen in der „La Soupe Populaire Canteen“ – einem Café, das soeben im Erdgeschoss des Bürokomplexes von Ottobock eröffnet hat. Fünf Meter hohe Decken, roher Backstein, detailverliebtes Dekor – Hans Georg Näder und Dimitri Root, der Wirt des Lokals, haben den Räumen ein Loft-Design verordnet. An einem heiteren Januarmorgen leuchtet die Sonne in die Gesichter von Mitarbeitern, die hier einen frisch gerösteten Kaffee genießen. Aber Ortsfremde sind hier ebenso willkommen, wie Root betont. Das Licht erlischt hier erst um ein Uhr in der Nacht. Und wenn es hell und warm wird, tafelt man draußen auf dem Hof.

„Wir starten mit einem Bar- und Café-Konzept. Im März gibt es dann auch warme Küche“, so Root. Auf die Teller kommen Berliner Spezialitäten, die der Wirt modern interpretieren will. Für ein gutes, schnelles Essen soll man beim Mittagstisch nicht mehr als zehn Euro bezahlen, kündigt er an.

Ein Garten für Patienten, die das Gehen neu lernen

Nach dem Ende des 40 Millionen Euro teuren Umbaus der 155 Jahre alten Indus­trieanlage zum neuen Stadtquartier mit Büros, Wohnungen, einer Kunsthalle und einem Biergarten sollen weite Teile des Geländes zum öffentlichen Raum gehören. Einen „Interaktionsort“ zu schaffen – so war es als Ziel im Entwurf des Architekten David Chipperfield schon 2012 formuliert worden. Zwar soll der Gesamtumbau des Areals erst 2022 zum Abschluss kommen. Aber die Ingenieure von Ottobock haben ihren fertig sanierten Gebäudetrakt bereits in Besitz genommen. Wo früher Fabrikarbeiter Hopfen und Malz anrührten, sitzen nun die Ingenieure der Rollstuhl-Entwicklung und tüfteln an den Modellen von morgen. Was Spezialisten hier auf den Testrampen erproben, trägt das Siegel „made in Berlin“.

„Gemeinsam mit den Teams in Thüringen entwickeln wir intelligente Rollstühle mit leichteren Materialien oder smarteren Technologien“, erklärt Christian Stenske, der Geschäftsführer des Bereichs „Human Mobility“. Wer sich in der Entwicklungshalle mit Loft-Ambiente zur Besprechung oder zum Telefonat zurückziehen will, nutzt eine Kabine, die früher eine ganz andere Verwendung hatte. Es handelt sich um eine ausrangierte Ski-Gondel. Zugaben solcher Art gehören bei „Bötzow Berlin“, so der Name des neuen Quartiers, dazu.

Ebenfalls fertig: das Foyer von Ottobock. Hier treffen rohe Backsteinwände und Säulen auf Sichtbeton und massiven Stahl. Mittendrin: die Kunst. Eine „Homunculus“-Skulptur mit übergroßen Händen, Gesichtszügen und Geschlechtsteilen soll anzeigen, welche Körperteile am stärksten mit dem Gehirn vernetzt sind.

Auch Mini-Wohnungen sollen entstehen

Vier der sieben Bestandsbauten bespielt das Orthopädieunternehmen aus dem niedersächsischen Duderstadt selbst. Weitere Häuser werden nach und nach modernisiert und an andere Firmen vermietet, sagt die Koordinatorin Susanne Schirmer. Als einen der wichtigsten Ankermieter hat Näder inzwischen das Börsenunternehmen Sartorius benannt, mit dem Ottobock schon in anderen Städten zusammenarbeitet. Von der Idee, ein Medizinhotel zu erbauen, habe der Bauherr aber inzwischen Abstand genommen, so Schirmer. Dafür ist nun eine Wohnnutzung angedacht. Die aktuellen Modelle zeigen Neubauten für „Micro Living“ an der Prenzlauer Allee. Dabei steht die genaue Zahl der Mini-Wohnungen noch nicht fest. „Es ist ein lebendes, atmendes Projekt“, beschreibt Unternehmenssprecher Mark Schneider die Weiterentwicklung von Näders Plan.

Im Sommer 2019 steht die vielleicht wichtigste Neuerung bevor: Dann werden die ersten Patienten auf dem Gelände erscheinen. Für manch einen beginnt mit der Anpassung von künstlichen Gliedmaßen ein neues Leben. „Eine Amputation zu erleiden bedeutet ein traumatisches Erlebnis. Manche unserer Patienten kommen aus Kriegsgebieten“, gibt Ottobock-Mitarbeiter Sebastian Zavelberg zu bedenken. Im rückwärtigen Teil der Brauerei entstand deshalb ein Garten. Hier werden Patienten in geschützter Umgebung die Bewegungen mit Prothesen neu erlernen. Sie sollen erste Schritte und Handgriffe mit künstlichen Gliedern unternehmen.

Längst hat die Digitalisierung auch die Orthopädiebranche erfasst. So zeigt Ottobock in der Brauerei auch Kniegelenke mit Prozessorsteuerung. „Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, können damit wieder laufen“, sagt Mark Schneider. Speziell für Industrieanwendungen entwickelt das Unternehmen ein „Exoskelett“. Diese Apparatur können sich Arbeiter über die Schultern hängen, und dank mechanischer Unterstützung lassen sich dann damit Handgriffe über Kopf leichter verrichten. „Es fühlt sich an, als würden die Arme schweben“, beschreibt Zavelberg den Effekt. So erleichtert das „Exoskelett“ nicht nur die Arbeit, sondern beugt auch Muskel- und Knochenverletzungen vor.

Wurzeln des Unternehmens liegen an der Spree

Vom Umzug von wichtigen Entwicklungsabteilungen nach Prenzlauer Berg erhofft sich Ottobock auch eine neue Anziehungskraft. Bestenfalls werde man mit dem Sitz im Industrieloft für Talente interessant, die sich ein Leben am Stammsitz in Duderstadt nicht vorstellen können, sagt Unternehmenssprecher Schneider. Dabei liegen die Wurzeln an der Spree. 100 Jahre nach der Gründung in Kreuzberg feiert der Prothesenbauer im Frühjahr am neuen Stützpunkt in Prenzlauer Berg das große Jubiläum.

Zum Festakt will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Stammsitz in Duderstadt besuchen, sagt Schneider. Dann wird Hans Georg Näder das neue Buch „Futuring human mobility“ mit einer dazugehörigen Ausstellung präsentieren, die auch "auf Bötzow" zu sehen sein wird. Ein Werk, bei dem Robotikexperten, prominente Prothesenträger, Nobelpreisgewinner und der Designchef von Daimler zu Wort kommen. Persönlichkeiten wie Architekt David Chipperfield oder Maler Neo Rauch sprechen über die Zukunft der Mobilität. Das menschliche Vorankommen wird aus vielen Perspektiven beleuchtet. Im Buchprojekt verbinden sich Ästhetik und Technik – so wie es beim Umbau der Brauerei geschieht.

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