Spielplätze in Pankow

Pankows Kampf gegen das Spielplatzsterben

Eltern entwerfen die Spielplätze selbst – und Stadträte wollen einen Investor enteignen, um den Abriss einer Kiezoase zu verhindern.

Reif für die Müllentsorgung: Ein Bagger entfernt die Überreste des Windmühlenspielplatzes an der Dusekestraße

Reif für die Müllentsorgung: Ein Bagger entfernt die Überreste des Windmühlenspielplatzes an der Dusekestraße

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Jetzt geht es in Pankow um jeden einzelnen Sandkasten, um jede Schaukel und jede Rutsche. Mitten im Winter tritt der Kampf gegen das Spielplatzsterben im kinderreichsten Bezirk Berlins in seine heiße Phase ein. Während der Nachwuchs in geheizten Zimmern spielt, reißen Eltern im Morgennebel marode Geräte fort, suchen Sponsoren, die einen Neuaufbau mitbezahlen könnten. Und das Bezirksamt führt juristische Gefechte gegen einen Investor, der eine der bestgepflegten Anlagen mit Wohnhäusern überbauen möchte. In Pankow ist nur ein Problem noch größer als die Wohnungungsnot: der Spielplatzmangel.

160 von 220 öffentliche Spielorte sind „sanierungsbedürftig“, sieben komplett gesperrt, 13 teilweise. Bei 76 Anlagen besteht dringender Handlungsbedarf – diese Bilanz hat Stadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) nun auf Anfrage der Initiative „Ja! Spielplatz“ zum Jahreswechsel präsentiert. 24 Millionen Euro Investitionsstau, kein eigener Bauhof, keine Handwerker, die kleine Schäden schnell beheben könnten. Eine Verbesserung der Lage? Nicht mit diesem Budget und nicht mit dieser dünnen Personaldecke, bedauert Kuhn. Auch Sondermittel des Senats würden schnell verpuffen, wenn er kein Personal anstellen darf, das sich um die Reparaturen kümmert.

Und so zieht Familienvater Uwe Scholz, der Vorsitzende der Initiative „Ja! Spielplatz“ dramatische Schlüsse. Er spricht vom „planmäßigen Verfall des öffentlichen Raums“ und warnt: „Wenn sich nichts ändert, dann befürchten wir, dass Pankow pro Jahr zehn Spielplätze verliert.“ Als verantwortlich für die Misere sehen Eltern und Bezirksverordnete vor allem das Spardiktat des Berlins Senats. Einstimmig haben die Verordneten nun einen Antrag der SPD-Fraktion verabschiedet, wonach bis 2025 mindestens 90 Prozent der öffentlichen Kinderspielplätze im Bezirk Pankow in den Bewertungszustand „2“ zu versetzen sind.

"Unter diesen Umständen ist es nicht möglich, den öffentlichen Raum zu pflegen.“

Das hieße aber: Sechs Jahre lang müsste man jedes Jahr 29 Spielplätze sanieren. Dafür bräuchte das Bezirksamt 9 bis 10 Millionen Euro pro Jahr - und 4 zusätzliche Planer, die das Vorhaben verwalten. Ressourcen, die Stadtrat Kuhn in seinem Ressort nicht hat.

Dass sich nicht noch mehr Familien über die Situation beschweren, hält Uwe Scholz für ein Zeichen von Unwissenheit. „Man sieht nur den gesperrten Spielplatz und denkt, das sei nur hier so. Wenn man den Leuten erklärt, welche Dimension das Problem wirklich hat, reagieren sie bestürzt“, sagte er kürzlich in der Bezirksverordnetenversammlung. „Unter diesen Umständen“, hält Scholz fest, „ist es nicht möglich, den öffentlichen Raum zu pflegen.“

Die gleiche Erkenntnis dämmerte im vergangenen Jahr auch dem Pankower Christoph Weyl und seiner Initiative „Kiezinseln.“ Gemeinsam wollen die Mitglieder an einem der traurigsten Beispiele des Spielplatzverfalls ein Signal setzen. Der „Windmühlenspielplatz“ an der Dusekestraße in Alt-Pankow, ein Schandfleck mit abgebrannter Hütte und vor Unkraut strotzender Sandkiste, steht nach Jahren der Vollsperrung kurz vor einer Wiederbelebung. Nur dank der „Kiezinsel“-Initiative.

Bezirksamt will Spielplatzabriss durch Enteignung verhindern

Statt der Ruinen von Hütten, Bänken und Gerüsten erblickt man dort in diesen Tagen wüstes Land. Und das ist schon ein Fortschritt. Zu verdanken ist die Abräumung der gefährlichen, kaputten Geräte Christoph Weyl und den anderen Familien, die beim Freiräumen der Fläche eigenhändig halfen.

Am Mittwoch, 23. Januar, ab 16.30 Uhr sind Familien nun in der benachbarten Kita Wichtel, Dusekestraße 14-22, eingeladen, um die neue Ausstattung des Spielplatzes zu planen. „Neben mehr Geld braucht Pankow ein Zupacken, damit Kinder und Jugendliche nicht mehr vor verschlossenen Türen stehen“, begründet Weyl seine Mühen. Ein Zupacken, das der Familienvater seit dem vergangenen Sommer aus Liebe zu seiner Tochter Carla selbst organisiert. Bürger, die dem Staat helfen und sogar Sponsorengelder beschaffen – ein Novum, das Weyls Initiative und Stadtrat Kuhn mit einem Vertrag besiegelt haben.

Eine einvernehmliche Lösung, wie man sie sich im Rathaus Pankow auch im Fall des Spielplatzes an der Ecke Liselotte-Herrmann- und Hans-Otto-Straße im Bötzowviertel erhofft. Nach einer Investition von 100.000 Euro gibt es am Zustand des Platzes ausnahmsweise gar nichts auszusetzen. Aber dass Kinder hier auch künftig auf der Brache toben können, ist nicht mehr sicher, seitdem die Gesellschaft der Grundstückseigentümer hier andere Pläne verwirklichen will. Sie möchte Wohnungen bauen. Nach jetzigem Stand hieße es: der vor drei Jahren voll sanierte Spielplatz muss weichen, damit hier Neubauriegel die Lücke im Straßenblock schließen.

Eine frisch sanierte Anlage aufgeben? Genau wie sein Kollege Vollrad Kuhn will Stadtrat Torsten Kühne (CDU), „alle rechtlichen Möglichkeiten zur Erhaltung des Spielplatzes ausschöpfen.“ Und das letzte Mittel wäre die Enteignung. Der Kampf gegen das Spielplatzsterben, das Ringen um Rutschen, Sandkisten und Schaukeln – es wird in diesem Januar in Bürgerinitiativen und Amtsstuben ausgefochten – und in dem Fall auch vor Gericht.