Projekt

Medizinunternehmen zieht in die Pankower Bötzow-Brauerei

Hans Georg Näder präsentiert einen neuen Mieter in Prenzlauer Berg. Der Umbau des Gebäudes zieht sich wohl bis 2022 hin.

Medizintechnik trifft Kunst und Lifestyle: Die Bötzow-Brauerei als Kreativquartier.

Medizintechnik trifft Kunst und Lifestyle: Die Bötzow-Brauerei als Kreativquartier.

Foto: Chipperfield / Bötzow Berlin / BM

Berlin. 2019 ist das Jahr, auf das alles hinauslief. Als der Unternehmer Hans Georg Näder seinen Masterplan für den Umbau der Bötzow-Brauerei präsentierte, galt diese Jahreszahl nicht nur als Termin der Fertigstellung. Es war auch die Zielmarke für eine persönliche Mission. Aber jetzt, da das Jahr 2019 eine Woche alt ist, erstreckt sich hinter dem Pförtnerhaus der Fabrik noch immer eine Baustelle. Ein Teil der historischen Backsteinhäuser wartet weiter auf seine Sanierung. Und es wird klar: Näder braucht mehr Zeit als er es sich 2012 zu Beginn des Sanierungsprojekts erhofft hatte.

Zu groß waren die Herausforderungen, den brachliegenden, denkmalgeschützten Industriekomplex an der Prenzlauer Allee mit seinen sieben Häusern – die einstmals größte Privatbrauerei Berlins – im Schnelldurchgang zum Leben zu erwecken. Näder, der Chef des renommierten Orthopädieunternehmens „Ottobock“, will sein 40 Millionen Euro teures Prestigeprojekt nun bis 2022 zum Abschluss bringen. Aber schon in den kommenden Monaten feiert „Ottobock“ sein 100-jähriges Bestehen. Allzu gerne hätte der Hersteller von Prothesen, Rollstühlen und Orthopädieprodukten also die Festivitäten zeitgleich mit der Eröffnung des Kreativquartiers „Bötzow Berlin“ begangen.

„Sartorius“ ist schon mit kleinem Start-up vertreten

Nun ist die Situation eine andere. Und die Bötzow-Brauerei als Herzstück von „Ottobock“ bleibt vorerst ein unvollendetes Aushängeschild. Damit die Wiederbelebung der Fabrik im zweiten Anlauf gelingt, setzt Näder jetzt auf einen starken Partner: „Sartorius“, ein börsennotierte Medizinunternehmen wird neuer Ankermieter, teilt der Investor mit.

Das ist zwar eine Planänderung, aber keine Überraschung. Denn „Sartorius“ betreibt schon jetzt eine kleinere Niederlassung im fertig sanierten Teil des Geländes. Genauer: einen Start-up-Bereich namens „Lab Twin.“ Er befindet sich seit dem vergangenen Sommer in den gleichen Räumen, wo Spitzenkoch Tim Raue zuvor sein Restaurant „La Soupe Populaire“ betrieb. „Sartorius passt perfekt zum Spirit von Bötzow. Pioniergeist und Kreativität treiben uns an, Innovationen zu entwickeln und Neues anzubieten“, erklärt Hans Georg Näder seine Entscheidung, die Partnerschaft, die man schon an anderen Standorten pflegt, auch in Berlin einzuführen.

„Sartorius“ beschäftigt weltweit 8000 Mitarbeitern, verzeichnete zuletzt einen Jahresumsatz von rund 1,4 Milliarden Euro und ist spezialisiert auf Pharmaprodukte- und Laborzubehör und war zuletzt auf der Suche nach einem neuen Sitz in der Hauptstadt. In der Bötzow-Brauerei bezieht das Göttinger Unternehmen laut Näder zwei Etagen in einem Loft mit 2.710 Quadratmetern.

„Wir werden dort ab 2022 Teams vor allem aus kreativen und IT-Bereichen ansiedeln, zum Beispiel aus dem Digitalen Marketing, Software Engineering, Design oder Business Development“, bestätigt „Sartorius“-Sprecherin Petra Kirchhoff auf Anfrage die Neuansiedlung. Dieses Zentrum sei kein Ersatz für den Konzernsitz in Göttingen. „Wir sehen das als eine gute und auch notwendige Ergänzung zu den Aktivitäten in unserer Zentrale. Berlin bietet ein tolles Ökosystem für kreative, technologieaffine Menschen, und wir stellen fest, dass solche Leute gern für Sartorius arbeiten möchten, aber nicht unbedingt am Standort Göttingen“, sagt die Sprecherin.

Die neuen Liegenschaften werden das vorhandene Labor von „Sartorius“ ergänzen. „Das ,Lab Twin’ hat auf dem Areal seit Sommer ein gutes Zuhause gefunden und wird dort ansässig bleiben“, sagt Kirchhoff. Insgesamt sollen mit dem Einzug der zusätzlichen ,Sartorius’-Abteilungen im Jahre 2022 80 bis 100 Arbeitsplätze entstehen. „Ottobock“ wiederum will nach der Eröffnung des Bötzow-Quartiers Hunderte Mitarbeiter an der Prenzlauer Allee beschäftigen. Schon jetzt betreibt Näders Unternehmen in der Brauerei mehrere Abteilungen. 2018 zog unter anderem die Rollstuhlentwicklung ein. Und in diesem Frühjahr will „Ottobock“ im fertig sanierten Haus 4 erstmals Patienten empfangen, kündigt Firmensprecherin Merle Florstedt an - „die Patientenversorgung wird in die Mitte gerückt.“

Näder selbst sieht „Ottobock“ als „waschechtes Berliner Start-up“, das sich seit seiner Gründung in Kreuzberg vor 100 Jahren gerade neu erfinde. Die Geschichte habe 1919 damit begonnen, dass der Orthopädiemechaniker Otto Bock Kriegsversehrte mit modernen Prothesen und orthopädischen Hilfsmitteln versorgte. So entstand die Orthopädische Industrie GmbH - der Vorläufer des Unternehmens, das Bocks Namen trägt. Hans Georg Näder ist Vorsitzender des Verwaltungsrates und vertritt die Inhaberfamilie.

Trotz der geplatzten Eröffnung in diesem Jahr wird das Unternehmen im Jubiläumsjahr in der Brauerei Gesicht zeigen. Geplant ist eine Ausstellung zur Firmengeschichte auf einem Abschnitt des Geländes, das demnächst für Außenstehende zugänglich sein wird.

Nach der vollständigen Eröffnung werden weite Teile der Brauerei zum öffentlichen Raum. Laut Näders Masterplan sollen zwischen den neu genutzten Fabrikgebäuden auch eine Kunsthalle, ein öffentliches Schwimmbad mit Wellnessbereich und ein Biergarten entstehen. Dies kann man als Verbeugung vor dem Erbauer Julius Bötzow verstehen, der nach der Eröffnung der Brauerei im Jahre 1864 an gleicher Stelle 6000 Gäste bewirten ließ.

Wie ein Investor beim Umbau einer historischen Brauerei die alte Biergartentradition in Pankow und Prenzlauer Berg aufleben lässt, kann man derzeit wenige Kilometer weiter nördlich auch im Fall der Willner-Weißbierbrauerei an Berliner Straße beobachten. Hier lässt der Entwickler Shaul Shani bis 2020 die alte Produktionsstätte des Getränkeherstellers Emil Willner zu einem innovativen Gewerbe- und Kulturstandort herrichten. Der historische Biergarten bleibt ebenfalls erhalten. Hightech und Hopfen, meinen die Investoren, das passt zusammen.

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