Verhaltenstipps

Wie man Weihnachten nach der Trennung feiert

Es soll das Fest der Liebe sein. Aber wie lässt sich Weihnachten feiern, wenn die Liebe verflogen ist?

Sozialpädagogin Helga Richter berät Paare in einer Praxis in Pankow.

Sozialpädagogin Helga Richter berät Paare in einer Praxis in Pankow.

Berlin. Gerade in Pankow sind Patchwork-Familien inzwischen so normal, dass sich neue Feiertagstraditionen entwickeln. Die Paarberaterin Helga Richter (54) sagt im Gespräch mit der Berliner Morgenpost, wie getrennt lebende Eltern Streit unterm Weihnachtsbaum vermeiden können. Und wie man dem Kind erklärt, dass der Vater zur Bescherung fehlt.

Berliner Morgenpost: Was sind die typischen Probleme, die ihre Klienten zur Weihnachtszeit an Sie herantragen?

Helga Richter: Vor allem bei getrennten Paaren, die Kinder haben oder bei Patchwork-Familien, stellt sich die Frage: Wie organisieren wir ein Weihnachtsfest in dieser Situation? Gerade beim ersten Weihnachten nach der Trennung kann es eine Routine noch gar nicht geben. Es gibt hier keinen festen Grundsatz nach dem Motto: Das macht man so. Es kann ein schwieriger Spagat sein, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse mit den Erwartungen von Kindern und Ex-Partnern übereinzubringen. Hier eine Balance zu finden und sich selbst nicht zu überfordern – das ist die Krux.

Aber gibt es nicht konkrete Regeln, an die sich Paare mit Kindern halten können, die frisch getrennt sind?

Jeder verbindet mit Weihnachten eine Vorstellung, die in der eigenen Kindheit geprägt wurde. Das tragen wir in uns. Wenn nun eine Kernfamilie so nicht mehr existiert, steht alles auf dem Kopf. Wichtig ist, sich die Zeit für die Planung zu nehmen und vorher möglichst mit allen Beteiligten darüber zu sprechen, vor allem die Kinder, einzubeziehen und darauf einzustimmen, ihnen zu sagen: Weihnachten wird dieses Jahr anders sein. Papa oder Mama ist nicht mehr bei uns. Wenn es Eltern gelingt, ihre eigenen Wünsche im Interesse der Kinder zurückzustellen und für sie ein neues Weihnachtsfest zu kreieren, ist ein wichtiger Schritt gelungen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es ein friedvolles Fest wird, ist höher, je mehr sich jeder gehört fühlt.

Wie kann so ein Kompromiss aussehen?

So viele Menschen wie beteiligt sind, so viele Möglichkeiten gibt es. Wenn zum Beispiel die Kinder nach der Trennung bei der Mutter wohnen und das Jugendamt das so entscheiden hat, kann die Mutter überlegen: Kann ich nicht an einem der Weihnachtstage großzügig sein? Kann ich einen Vertrauensbonus geben und dem Ex-Partner sagen: an dem Tag ist das Kind trotzdem bei dir. Diese Großzügigkeit, gerade in der frühen Trennungsphase, bekommt man fast immer zurück.

Wie sollte man reagieren, wenn das Kind traurig ist, dass die Familienidylle zum Fest der Liebe nicht mehr stattfindet?

Ja, das gibt es natürlich. Dann steht auf dem Wunschzettel: Ich will, dass ihr wieder zusammen seid. Wenn ich dem Kind nur sage, was diesmal anders wird, ist es ganz schwer, sich damit auszusöhnen. Aber wenn ich dem Kind erkläre: Ich kann verstehen, dass du traurig bist, wenn ich ihm einen positiven Ausblick auf eine gemeinsame Zeit mit dem anderen Elternteil vermittle, dann ist das ein Trost. Zudem erhält das Kind die "Erlaubnis" sich darauf zu freuen und gerät so weniger in einen Loyalitätskonflikt. Wichtig ist es, dass der Elternteil, der an Heiligabend nicht dabei sein kann, dem Kind seine Trauer darüber nicht aufbürdet. Es kann auch helfen, wenn die getrennten Eltern für solch einen Heiligabend eine Abmachung treffen und fragen: Wenn es schwierig wird, kann ich dich anrufen?

Es gibt ja die These, dass es zu Festtagen in Familien besonders oft Streit gibt. Können sie das aus ihrer Erfahrung bestätigen?

Ja. Und das liegt an unseren Wünschen und Erwartungen. Da steht eine Mutter den ganzen Tag in der Küche, und dann schmeckt der Braten nicht. Aber die Erwartung war: Das wird ein Fest der Harmonie, an dem sich alle mögen. Und es gibt keinen Rückzugsraum und keine Pausen. Man ist im Tunnelblick und meint: So und nicht anders muss mein Weihnachten sein. Es kann helfen, vorher zu sagen: Es wird diesmal anders sein. Es wird nicht perfekt sein. Ich werde mir eine Auszeit nehmen und meine Erwartungen nicht so hoch ansetzen.

Wie kann ein Coach dabei helfen, dass eine Trennung möglichst unproblematisch verläuft?

Beispielsweise geht es in der Nachtrennungsphase auch darum, wie sich die Kommunikation ändert sollte. Beide müssen begreifen: Wir sind kein Paar mehr. Das Vertrauen ist weg. Aber es ist nun besonders wichtig, verlässlich zu bleiben. Gehässige Posts bei Facebook sind in dieser Zeit sehr schädlich. Und per Chat einen Konflikt zu diskutieren funktioniert nie. Der Interpretationsspielraum der Nachrichten ist einfach zu groß. Sehr wohl aber kann man sich über den Messenger verabreden und fragen: Wann hast du Zeit, damit wir über das Problem reden können?

Sollte man seinen Partner bei Facebook löschen?

Bevor man das macht, sollte man sich im echten Leben darüber verständigen. Auch wenn jemand zum Beispiel ein Problem mit gemeinsamen Bildern hat, sollte er sagen: Ist es für dich ok, wenn wir die Bilder löschen? Ich finde sie jetzt nicht mehr angemessen. Wenn man nicht spricht, und einfach löscht, fühlt sich der andere überrollt. Das macht es schwierig.

Lässt sich eine Trennung überhaupt rational planen?

Ja. Aber nicht immer kommen beide gleichzeitig an den Punkt zu sagen: Es läuft nicht mehr. Oft trägt sich ein Partner schon länger mit dem Trennungsgedanken und traut sich nur wegen seines schlechten Gewissens nicht, es auszusprechen. Dann kann derjenige vorangehen und sich kontrolliert in den Trennungsprozess begeben.

Gerade viele jüngere Menschen haben Schwierigkeiten, sich bei der Partnerwahl überhaupt festzulegen. Würden Sie sagen, dass es in Berlin einen Trend zur Beziehungsunfähigkeit gibt?

Es ist kein Berliner Problem, sondern ein gesellschaftliches. Was es schwierig macht, sich festzulegen und Krisen durchzustehen, das sind die vielen Optionen, die wir heute haben. Unsere Kinder werden nach dem Grundsatz erzogen: prüfe, wähle aus, teste. Und wir sind immer weniger in der Lage zu sagen: Ich nehme etwas in Kauf für unsere Beziehung. Man könnte ja doch noch jemanden finden, der zum Beispiel einen besseren Job hat als der jetzige Partner. Eine gute Partnerschaft zeichnet sich dadurch aus, dass man schwierige Situationen gemeinsam bewältigt. Für junge Menschen ist das heute besonders schwierig. Vielleicht auch, weil wir Eltern meinen, es sei besser, belastende Situationen von unseren Kindern fernzuhalten. Und da schließt sich der Kreis. Eltern, die sich trennen wollen, müssen nicht fürchten, dass Kinder bleibende Schäden davontragen. Das belegen Langzeitstudien. Trennungskinder können im Gegenteil sogar lebenstüchtiger sein als die behüteten Kinder in Langzeitehen. Entscheidend ist allein, wie gut es den Eltern gelingt, sich auch nach einer Trennung die Verantwortung für ihr Kind zu teilen.

Helga Richter ist Diplomsozialpädagogin, Ehe-, Familien- und Lebensberaterin und betreibt mit mehreren Partnerinnen die Praxis "Lebensrat" in Pankow. www.lebensratinpankow.de

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