Streit um Finanzierung

Kinderbauernhof "Pinke Panke" in der Krise

Die Familienfarm in Pankow muss drastisch sparen. Abgeordnete wollen den Einschnitt verhindern. Doch der Bezirk hat das Geld verplant.

Annett Rose und Ronja L' Agar ärgern sich darüber, dass die Sparpläne ausgerechnet einen Kinderbauernhof treffen.

Annett Rose und Ronja L' Agar ärgern sich darüber, dass die Sparpläne ausgerechnet einen Kinderbauernhof treffen.

Foto: Thomas Schubert / BM

Ein zufriedenes Grunzen am Lattenzaun – gleich am Eingang grüßt Locke. Ein Wollschwein, wie es im Buche steht. Wer die Sau genüsslich im Schlamm wühlen sieht, umsorgt von zwei Pflegerinnen, der kommt nicht auf die Idee, dass der Kinderbauernhof „Pinke Panke“ gerade zum Schauplatz einer Finanzkrise wird. Aber die Lage ist ernst. Nach einer drastischen Budgetkürzung durch den zuständigen Ausschuss werden 2019 rund 40.000 Euro in der Kasse fehlen, beklagt die Leiterin Annett Rose. Mit dem unbeschwerten Spielen zwischen Schweinestall und Gemüsebeet ist es schlagartig vorbei. Ausgerechnet kurz vor Weihnachten haben sich die Hoffnung auf eine schnelle Lösung des Problems zerschlagen. „Wir haben nie damit gerechnet, dass es so hart kommt“, ärgert sich Rose.

Sie und ihr Team erleben in diesen Tagen ein Wechselbad der Gefühle. Erst verfügte der Pankower Jugendhilfeausschuss, dass der Hof im nächsten Jahr rund 40.000 Euro, also mehr als die Hälfte der bisherigen Gesamtfördersumme des Bezirks von 70.000 Euro, einsparen muss. Dann erklärte das Berliner Abgeordnetenhaus diese Kürzung im Eilverfahren für unzulässig. Und der Bezirk? Er kann nicht mehr zurück. „Der Ausschuss hat eine Entscheidung getroffen. Und die Bescheide für die Zuwendungen für die Jugendeinrichtungen im nächsten Jahr sind schon versandt“, sagt Bürgermeister Sören Benn (Linke). Derzeit erkennt er trotz des Intervention des Abgeordnetenhauses keine Möglichkeit, dem Bauernhof zu helfen. Und sieht den Jugendhilfeausschuss in die Pflicht, das Budgetproblem zu klären.

Entweder man kürzt beim Bauernhof oder bei einem Jugendclub

Dass es äußerst schwierig wird, das für 2019 verplante Geld noch einmal neu aufzuteilen, berichtet auch Sozialstadträtin Rona Tietje (SPD). „Ich hatte dem Ausschuss empfohlen, dass man Jugendprojekte im nächsten Jahr genauso fördern sollte wie in diesem“, wendet sie ein. Doch der Ausschuss entschied anders. Er wollte die Veränderung. Zuungunsten des Bauernhofs, aber zum Wohle einer anderen Einrichtung: dem Jugendclub „OC23“, eine Anlaufstelle für Kinder in schwierigen Lebenslagen in Weißensee. Dieser Club muss derzeit mit zwei Mitarbeitern auskommen. Ab dem kommenden Jahr entsteht eine halbe Stelle mehr. Es sei denn, die Entscheidung des Ausschusses kippt. Entweder nimmt man also dem Bauernhof das Geld weg oder der Jugendclub. Wie sich diese Zwickmühle auflösen lässt? Das weiß in Pankow keiner.

Annett Rose hat die Jugendeinrichtung am Bürgerpark Pankow im Jahre 1991 selbst mit aufgebaut. Sie ist stolz auf die städtische Farm, auf die Haltung von 40 Tieren, darunter alte Rassen wie das Wollschwein oder das Pommernschaf. Sie ist stolz auf die Arbeit von neun festangestellten Mitarbeitern. Rose war es gewohnt, Finanzlöcher zu stopfen. Aber so kompliziert wie diesmal war es noch nie.

Selbst die Änderung des Haushaltsgesetz durch das Abgeordnetenhaus hilf dem Bauernhof nur in de Theorie. Dabei wird es den Bezirken untersagt, eine Projektförderung zu kürzen, wenn das Land Berlin diese Summe aufstockt. Dies ist bei „Pinke Panke“ der Fall. Neben den Zuwendungen vom Bezirk bekommt der Hof 250.000 Euro vom Land. „Die Förderung vom Bezirk ist wie ein Sockel für die Förderung vom Land“, erklärt Annett Rose dieses neue Model. „Wenn das Fundament nicht da ist, kann man das Haus nicht bauen.“ Zwar dürfe der Bezirk trotzdem eigenmächtig kürzen, sagt die Leiterin. Aber dann könne ihm vom Land Berlin die doppelte Menge der gekürzten Summe abgezogen werden. Rose baut darauf, dass der Bezirk es so weit nicht kommen lässt. Dass er einen anderen Weg findet, Jugendprojekte zu fördern, ohne bei einem einzelnen zu kürzen. Und sie hat viele Unterstützer – die Familien, die ihre Kinder bei „Pinke Panke“ spielen lassen.

Protestbotschaften am Weihnachtsbaum

Am Weihnachtsbaum in der Mitte des Hofs hängen keine Kugeln, sondern Protestbotschaften enttäuschter Eltern. Sie beschriften CDs mit sarkastisch gemeinten Vorschlägen, wo der Bauernhof sparen könnte. Darunter sind grundlegende Dinge wie Klopapier, Wasser oder Strom. Aber letztlich kann es nur auf eine Kürzung beim Personal hinauslaufen, befürchtet Rose. Akut bedroht seien zum Beispiel die Angebote der Holzwerkstatt des Mitarbeiters Norbert. Einschnitte bei der Versorgung der Tiere sind allerdings nicht zu befürchten. Ihre Pflege hat nach der letzten Kürzung des Budgets ein anderer Projektpartner übernommen, betont Rose. Trotzdem muss der Kinderbauernhof, der 2002 nach einer Kürzung schon einmal vor dem Aus stand, zittern wie selten zuvor. Wenn es zu Einschränkungen kommt, wären Familien betroffen, deren Kinder bei „Pinke Panke“ spielen, während die Eltern arbeiten müssen, warnt die Leiterin.

Aber ist der Schritt des Abgeordnetenhauses, dem Bezirk seine Kürzung zu untersagen, völlig wirkungslos? Kann das Land eine Entscheidung aus dem Bezirk rückwirkend eliminieren? „Das ist ein schwerer Fall. Mir ist nicht bekannt, dass es so etwas schon gegeben hat“, sagt Bürgermeister Benn. „Ich kann nicht beurteilen, welche Folgen es hat, in die Entscheidungen des Jugendhilfeausschusses einzugreifen. Denn er hat das verbriefte Recht, die Projekte freier Träger nach fachlichen Kriterien zu fordern.“ Bis die Frage nach dem Budget endgültig geklärt ist, dürfte das Wollschwein Locke Silvesterböller knallen hören.

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