Einzelhandel

Wie winzige Buchläden dem Online-Handel trotzen

Zwei Geschäfte in Pankow bekamen die Anerkennung als „ausgezeichnete Orte der Kultur.“ Sie bezeichnen sich als Tankstellen des Geistes.

Krischa Hasselbach setzt in ihrer "Buchdisko" einen Schwerpunkt auf Lyrik und kleine Verlage

Krischa Hasselbach setzt in ihrer "Buchdisko" einen Schwerpunkt auf Lyrik und kleine Verlage

Berlin. Lesen ist eine leise Angelegenheit. Aber für Krischa Hasselbach gibt es keine Literatur ohne Melodien, die beim Lesen im Kopf entstehen. Die Vorstellung des klingenden Lesens mag einer der Gründe sein, weshalb Hasselbach ihre kleine Handlung in der Florastraße „Buchdisko“ taufte. Ein anderer Grund: Wer mag, kann im kleinen Ladenlokal tatsächlich auch tanzen.

Buchvorstellungen sind hier keine Angelegenheit für Grübler, sondern Anlass für eine Party. „Manchmal dauert die Lesung 30 Minuten und der gesellige Teil der Veranstaltung Stunden“, erklärt die Eigentümerin ihr Konzept. Hasselbachs Erfahrung nach können sich Lesungen tatsächlich als bedrückend erweisen, sowohl für Autoren als auch für Zuhörer. Die frühere Dramaturgin aber ist ein fröhlicher Mensch und kann ihre Gäste beruhigen: „Bei mir gibt es ein Recht auf eine angstfreie Lesung.“

Hasselbach will Bücher verkaufen, aber anders die großen Ketten oder das große Onlineversandhaus aus Seattle. Und auch nicht so, dass dieses „anders“ angestrengt wirkt. Diese eigene Linie und ihr Herz für junge, unverbrauchte Autoren brachten ihr jetzt eine Auszeichnung ein. Im Rahmen des Deutschen Buchhandlungspreises kürte Kulturstaatsministerin Monika Grütters die „Buchdisko“ in der Florastraße zum „ausgezeichneten Ort der Kultur“ – so wie rund 100 andere Geschäfte in Deutschland. Darunter auch eine Kiezhandlung, die nur wenige hundert Meter von der „Buchdisko“ entfernt liegt: „Pankebuch“ in der Wilhelm-Kuhr-Straße am Bürgerpark. Ein Zufall?

Lesungen mit toten Autoren und Lindgrens Lehren

Tatsächlich kennen sich die Damen, die in Alt-Pankow an ihren Tresen stehen. „Krischa und ich sind Freundinnen“, sagt Petra Wenzel, die Mitbetreiberin von „Pankebuch“, nachdem man das Lädchen im Souterrain betreten hat gleich zur Begrüßung. „Wir sind hier die Tankstellen des Geistes.“ Nur der Treibstoff, der ist völlig verschieden. Während Krischa Hasselbach auf kleine Verlage und einen Lyrik-Schwerpunkt vertraut, vertreibt „Pankebuch“ skandinavische Bücher.

Eine solche Spezialisierung funktioniert vor allem deshalb, weil das Geschäft der Inhaberin Katrin Mirtschink die Nordischen Botschaften in Berlin vor einigen Jahren als Partner gewann. Wenn die Diplomaten Literaten wie den Dänen Thøger Jensen für eine Lesung zu Gast haben, hilft „Pankebuch“ bei der Planung und liefert die entsprechenden Bücher.

Was ist typisch für Literatur aus Nordeuropa? „Die Bücher sind oft sympathisch schmal. Keine elegischen Schinken mit 600 Seiten“, antwortet Wentzel. „Und die Geschichten sind oft nicht auserzählt. Es gibt sogar leere Seiten. Da hat man als Leser Platz.“ Der Fantasie Raum geben, das funktioniere in modernen Filmen ebenso wie in Romanen. So wild und rau die Natur sich im Norden darstellt, so oft dient die Urgewalt auch als Stoff für die Literatur. Isländische Prosa lesen kann so manche Rundreise ersetzen, meint Wenzel.

Literatur für wilde und unbeschwerte Kinder

Eine Verbindung zum Florakiez in Pankow ergibt sich wiederum aus der kinderfreundlichen Grundeinstellung der Skandinavier. Die freigeistige Haltung von Astrid Lindgren und die Romantik eines Hans-Christian Andersen kommt bei den vielen jungen Familien an. „Die Kinder sollen wild und wunderbar sein“, zitiert Wenzel Astrid Lindgren. Aus ihrer Sicht das richtige Gegenprogramm zur kontrollversessenen Erziehung von Pankower Helikopter-Müttern.

Das Geschäft mit den Kinderbüchern überlässt Krischa Hasselbach komplett ihrer Kollegin von „Panke-Buch.“ „Das geschieht ganz bewusst“, sagt die 39 Jährige. Dafür habe sie der Nachbarhandlung den Theaterschwerpunkt voraus. „Weil bei uns besonders viele Schauspieler ein- und ausgehen, können wir auch Lesungen veranstalten mit Autoren, die gar nicht mehr leben.“

So gab einer der dramaturgisch bewanderten Sprecher dem verstorbenen Wolfgang Herrndorf seine Stimme, dessen Roman „Tschick“ sich weltweit zwei Millionen mal verkaufte. Auch Größen der klassischen Moderne wie Elias Canetti erwachten mit Hilfe von Schauspielern an der Florastraße wieder zum Leben. Aber berühmt braucht man in der „Buchdisko“ gar nicht zu sein, um Zuhörer zu finden. Krischa Hasselbach lädt auch Autoren ein, die noch experimentieren und gar kein Werk vollendet haben. Der Literat im Werden kann ein Held sein – wenn er sich traut.

Auch Petra Wenzel sucht gerne die Nähe von Normalsterblichen in ihrer Umgebung. So hat „Pankebuch“ die neu eröffnete Parkbibliothek im Bürgerpark mit Büchern bestückt. Eine Kiezbuchhandlung muss etwas geben, um zu verkaufen, hat sie gelernt. Von Ellenbogenmentalität will die 57-Jährige nichts wissen. Sie sagt: „Konkurrenz ist von gestern. Wenn das Buch eine Zukunft haben soll, dann nur mit Kooperation.“

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