Mieterhöhung

Wirtin des Cafe "Niesen" trotzt Sänger von Rammstein

Im Café „Niesen“ von Christine Wick in Prenzlauer Berg gibt es nach dem Konflikt mit Rammstein-Sänger Till Lindemann nun Konzerte.

Das Café Niesen lässt wieder von sich hören. Beim ersten Konzert verarbeitete die Band Nanogott die Schließung des Lokals in lustigen Songs. Links Rammstein-Sänger Till Lindemann, rechts Christine Wick.

Das Café Niesen lässt wieder von sich hören. Beim ersten Konzert verarbeitete die Band Nanogott die Schließung des Lokals in lustigen Songs. Links Rammstein-Sänger Till Lindemann, rechts Christine Wick.

Berlin. Kein Tresen, keine Tische, keine Kaffeemaschine. Christine Wick hat niemanden mehr zu bewirten. Alles was ihr bleibt, ist ein großer leerer Raum. Im Mietstreit mit Rammstein-Sänger Till Lindemann sah sie keine andere Wahl als ihr Café „Niesen“, eines der ältesten Lokale am Mauerpark, zu schließen. Es ging um einen neuen Vertrag mit neuen Konditionen. Nur um den Preis einer Mieterhöhung um 55 Prozent hätte sie nach Silvester weitermachen dürfen, sagt Wick. Alle Verhandlungen mit Lindemann als Eigentümer und der Hausverwaltung seien gescheitert.

Als dann noch das Pankower Ordnungsamt erschien, um Berichte über einen Mausbefall zu überprüfen, wollte die Gastronomin nicht mehr bis Silvester warten. Und führte das Ende am 16. Oktober, auf den Tag genau 13 Jahre nach der Eröffnung des ersten Berliner Cafés mit kinderfreiem Bereich, selbst herbei. Das „Niesen“ war Geschichte. Für exakt einen Monat und zwei Wochen.

Wirtin macht weiter, solange sie die Schlüssel hat

Am Dienstagabend sitzt Christine Wick auf einem Fensterbrett in ihrem leer geräumten Café und trinkt Bier. Die Tür des Ladenlokals an der Schwedter Straße ist wieder aufgesperrt. 50 Konzertgäste hocken auf Bierbänken. Es gibt Rosinenbrötchen und Hummus. Eine Band namens Nanogott eröffnet eine neue Veranstaltungsreihe, die Wick und ihre Freunde spontan ersonnen haben. Sie heißt „Im leeren Niesen.“

Nanogott beginnen ihr Programm mit einem Gutenachtlied. Ein Abgesang auf das Café. Und nach einer halben Stunde singt Nanogott-Frontmann Michael Schacht eine Ballade für einen gewissen Till. „Ich hab’ mal zu dir aufgeschaut. Hab’ dich angebetet,“ spricht Schacht zu seinem früheren Idol. Im Publikum erklingt sarkastisches Gelächter. Es gibt hier nur einen Till, der gemeint sein kann. Für die Zuhörer ist klar, dass er das Aus des Cafés zu verantworten hat – auch wenn es zu dieser Geschichte auch eine andere Interpretation gibt.

Darstellerin Sophia Thomalla, Ex-Freundin von Till Lindemann, stellte sie bei Instagram ins Netz. Und erhielt Hunderte zustimmende Kommentare. Thomalla warf Wick vor, eine Mäuseplage verursacht zu haben – die hygienischen Zustände im „Grusel-Café“ nannte sie „widerlich.“ Immer wieder hätten Lindemann und sie versucht, sich mit der Wirtin zu einigen. Wick stritt alles ab. Und zeigte Thomalla wegen Verleumdung an.

Auch die Hausverwaltung meldete sich nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung zu Wort und gab an, dass die Miete nicht von 12,85 auf 20 Euro pro Quadratmeter steigen sollte, sondern auf 18 Euro. Und diese Steigerung sollte erst in zwei Jahren in Kraft treten. So steht Aussage gegen Aussage – bis heute.

Aber wie kam es nach dem Zerwürfnis zur neuen Veranstaltungsreihe?

Wick hat immer noch die Schlüssel für das Lokal. Und Lust auf gesellige Veranstaltungen. So einfach ist das. Sie sagt: „Ich habe mir gedacht, es wäre doch schade, den großen Raum leer stehen zu lassen. Wir haben ja jetzt richtig Platz.“ Die Café-Ausstattung hat sie verkauft, um sich eine neue Existenz als Malerin zu finanzieren. Es seien „wunderbare Zeiten gewesen“, als Künstler und Kinder aus dem Kiez bei ihr ein und aus gingen. „Jetzt wollen wir die Chance nutzen, Konzerte zu geben und Kunstwerke zu zeigen.“

Und nicht nur das. Am Sonntag ab 10 Uhr sind die Nachbarn im Café „Niesen“ zum Trödelmarkt willkommen, eine Woche später zeigt ein Experte in den Räumen, wie man sein Bier selbst braut. Bei all diesen Dingen geht es um Geselligkeit im Kiez, nicht um Mausbefall und Mieten. Rache am Rammstein-Sänger will Wick bis heute nicht. Auch wenn die Konzertbesucher und Musiker vielleicht anders denken.

Weder Till Lindemann noch Sophia Thomalla hätten seit der Eskalation um die Mieterhöhung von sich hören lassen, sagt Wick. Es gebe nicht einmal einen Termin für die Schlüsselübergabe. So laut wie der Streit über die Medien ausgetragen wurde – das tatsächliche Aus des Cafés kam ganz still. Formell kann Claudia Wick ja noch bis zum Ende des Jahres Gastgeberin bleiben. Also macht sie einfach weiter. Im leeren „Niesen“.

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