Reichspogromnacht

Gedenkstunde am 9. November: Warnung vor neuen Brandstiftern

Aktuell wie lange nicht mehr: Am Jahrestag der Reichspogromnacht fand eine Gedenkstunde in der Synagoge Rykestraße statt.

Drei Altbundespräsidenten am Rande der Gedenkstunde: Horst Köhler, Christian Wulff und Joachim Gauck (v.l.).

Drei Altbundespräsidenten am Rande der Gedenkstunde: Horst Köhler, Christian Wulff und Joachim Gauck (v.l.).

Foto: FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Prenzlauer Berg. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, beginnt seine Rede zur zentralen Gedenkstunde an die Reichspogromacht in der Synagoge Rykestraße mit der Schilderung eines Anschlags. Mitten in der Nacht, ein Gullydeckel fliegt durch das Fenster einer Synagoge. Schuster zitiert die Gemeindevorsitzende: „Wut und Hass, die eine solche Kraft entwickeln, erschrecken mich.“ Nur, so Schuster weiter, der Gullydeckel flog nicht 1938, er flog 2014.

Mehr als tausend Menschen in der Synagoge Rykestraße

80 Jahre nachdem die Nationalsozialisten Synagogen und jüdische Gebetsräume in ganz Deutschland in Brand setzten und damit das größte Menschheitsverbrechen der Geschichte, die Shoah, einläuteten, wurde hier im Hauptsaal der Synagoge in Prenzlauer Berg nicht nur an die Verbrechen der Nationalsozialisten erinnert – es wurde auch über die Gegenwart gesprochen. Darüber, dass auch heute Antisemitismus und Unrecht geschehen, darüber, dass auch heute der Kampf für Respekt und Toleranz in Deutschland gekämpft werden muss.

Mehr als tausend Menschen gingen am Freitagvormittag durch die breite Toreinfahrt in der Rykestraße, nahmen im prunkvollen Saal der Backsteinsynagoge im neoromanischen Stil Platz. Auch sie ging vor 80 Jahren in Flammen auf, der Brand wurde aber rasch gelöscht, damit das Feuer nicht auf Wohnhäuser übergriff. Danach wurde das Gebäude als Lager der Wehrmacht missbraucht. Erst 2007 wurde die Basilika wiedereröffnet. Sie gilt als eine der größten Synagogen Europas.

Frage, ob jüdisches Leben in Deutschland heute möglich ist

In den ersten Reihen an diesem 9. November: Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und Außenminister Heiko Maas. Auch prominente Vertreter des Senats waren unter den Zuhörern – der Regierende Bürgermeister Michael Müller und andere.

Während die Begrüßung durch den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, durchweg positiv ausfiel, ebenso seine Antwort auf die Frage, ob jüdisches Leben in Deutschland 80 Jahre nach den Novemberpogromen noch möglich sei, stimmten seine Nachredner deutlich nachdenklichere Töne an.

Zentralratspräsident Josef Schuster mahnte, man könne heute erneut die Frage stellen, „ob wir den Mut haben, uns den Brandstiftern in den Weg zu stellen. Denn wir haben es wieder mit Brandstiftern zu tun. Mit geistigen Brandstiftern, aber auch mit wirklichen“. Schuster sprach über die AfD, die die Hetze gegen das Fremde perfektioniert habe und die Opfer und Überlebenden der Shoah verhöhne. Ein Grund für den Zentralrat, die AfD als einzige Partei nicht zum Gedenken einzuladen. „Es wäre für die jüdische Gemeinschaft unerträglich gewesen“, sagte Schuster. Der Saal applaudierte.

Merkel: Zunahme von Hetze und Gewalt im Internet

Angela Merkel spannte in ihrer Rede einen Bogen vom Erstarken des Judenhasses in der Weimarer Republik über die Pogromnacht, die schließlich in der Shoah mündete. Auch sie sprach von der Zunahme von Hetze und Gewalt im Internet und auf den Straßen, etwa bei Angriffen auf ein jüdisches Restaurant in Chemnitz. „Wir gedenken mit dem Wissen, dass Grenzüberschreitungen zu tolerieren in letzter Konsequenz mitmachen bedeutet“, sagte Merkel.

Besonders bedrückend war die Stimmung, als junge Juden aus Briefen von verfolgten Juden aus dem Jahr 1938 vorlasen. Zum Schluss sang der Rabbiner das Gebet „El male rachamim“ im Gedenken an die Opfer der Shoah.

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