Jüdisches Leben

Pogromgedenken ist mehr als eine Geschichtsveranstaltung

Gedenkfeier des Bezirksamts am Jüdischen Friedhof Weißensee: Bürgermeister und Gemeindesprecher rechnen mit der Neuen Rechten ab.

Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, bei der Gedenkveranstaltung des Bezirksamts für die Opfer des Pogroms am 9. November 1938.

Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, bei der Gedenkveranstaltung des Bezirksamts für die Opfer des Pogroms am 9. November 1938.

Foto: Thomas Schubert

"Wir sind wieder mittendrin. Den Satz ,Wehret den Anfängen' kann ich nicht mehr hören." Sigmount Königsberg, der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, macht um sein Entsetzen kein Geheimnis. In Zeiten, da ein Mann, der auf der Straße eine Kippa trug, sich gegen Peitschenschläge mit einem Gürtel wehren musste, kann das Gedenken aus seiner Sicht nicht nur als geschichtliche Veranstaltung stattfinden. "Es geht darum, dass wir die freiheitliche Demokratie dieses Landes, die schwer erkämpft wurde, beschützen": Das sagte Königsberg bei der Gedenkveranstaltung des Bezirksamts für die Opfer des Pogroms am 9. November 1938.

Sowohl Königsberg als auch Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) nutzten ihre Ansprachen auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee nicht nur für einen Blick zurück auf die Judenverfolgung vor 80 Jahren. Sie übten auch scharfe Kritik an der wachsende Zahl von Übergriffen auf Juden und andere Bevölkerungsgruppen in Hier und Jetzt. Auch heute würden Minderheiten wieder stigmatisiert und entrechtet, sagte Benn nach der Kranzniederlegung am Eingang des Friedhofs. Im Vergleich zu anderen Orten auf der Welt lebten die Deutschen heute auf einer "Insel der Glückseligen", trotz gewisser Mängel.

Das Maß des Erträglichen ist überschritten

"Das Bewusstsein, in welcher privilegierten Situation wir leben, scheint aber zunehmend verloren zu gehen. Die Wertschätzung von Freiheit, Vielfalt und Wohlstand nimmt ab", warnte Benn. Der Bürgermeister will den 9. November trotz seiner großen Bedeutung ausdrücklich nicht als "Schicksalstag der Deutschen" anerkennen. "Denn Schicksal ist etwas, das einem widerfährt. Ein gut geplantes Verbrechen ist aber kein Schicksal", sagt Benn mit Blick auf brennende Synagogen und Angriffe auf Juden. "Verbrechen ist kein Schicksal. Es hat Täter, Planer, Umsetzer, Mitläufer und Zuschauer."

Alle Teilnehmer der Gedenkveranstaltung am Jüdischen Friedhof Weißensee zeigten sich betroffen von der Nachricht, dass am Freitagabend wohl tatsächlich ein Aufmarsch von rechten Gruppen in Berlin-Mitte stattfinden wird. Für die Jüdische Gemeinde und Sigmount Königsberg ist das Maß des Erträglichen längst überschritten. Er sagte: "Freiheitliche Grundrechte werden in Frage gestellt, es werden Menschen auf offener Straße angegriffen. Denkt daran: Es geht um dieses Land."

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