Ausnahmegenehmigung

Pankow will Straßenmusik im Mauerpark erlauben

Lösung für Lärmproblem: Künftig soll es ein zweites Musikevent neben dem Karaoke geben – aber an einem anderen Tag und Ort.

Ein Präzedenzfall: Straßenmusik mit elektronischer Verstärkung soll im Mauerpark unter bestimmten Bedingungen erlaubt werden.

Ein Präzedenzfall: Straßenmusik mit elektronischer Verstärkung soll im Mauerpark unter bestimmten Bedingungen erlaubt werden.

Foto: Maurizio Gambarini

Am Sonntag zum Karaoke in den Mauerpark – kein Berlin-Reiseführer kommt ohne diese Empfehlung auf. Künftig könnte dort noch etwas anderes stehen: Denn wenn es nach dem Bezirksamt Pankow geht, soll auch am Sonnabend ein Konzertereignis stattfinden, das es so noch nirgends gibt. Die Idee lautet wie folgt: Straßenmusiker bekommen am sechsten Tag der Woche im Mauerpark einen festen Platz und dürfen mit amtlichem Segen laut sein. Auch elektronische Verstärkung und lautes Trommeln wäre möglich – bis maximal 60 Dezibel, von Frühjahr bis Herbst, immer am Sonnabend im Zeitraum von 15 bis 19.45 Uhr.

Eine Legalisierung von elektronisch verstärkter Musik, das wäre für Berlin ein Präzedenzfall. Ein Zugeständnis an die Initiative „Save Mauerpark“, die inzwischen 6000 Unterschriften für die Kunstfreiheit gesammelt hat. Aber die Maßnahme will der Bezirk nicht Touristen zuliebe ergreifen, sondern um Anwohner zu entlasten. Der Vorstoß kommt von Maria Moorfeld, der Leiterin des Pankower Umweltamts – und sorgte beim Runden Tisch zum Lärmkonflikt im Mauerpark prompt für heftige Diskussionen. „Die ungesteuerten Musikveranstaltungen brauchen geordnete Bahnen“, warb Moorfeld für den Plan, den Straßenmusikern für Konzerte am Sonnabend eine Ausnahmegenehmigung zu erteilen. Eine Erlaubnis, die es bisher nur für eine Veranstaltung gab: Joe Hatchibans Karaoke am Sonntag.

Boule-Spielfeld als Konzertort

Es soll künftig darum gehen, dass Durcheinander der Klänge zu ordnen, indem man die beiden wichtigsten Lärmquellen trennt. Sonnabend Straßenmusik, Sonntag Karaoke – das wäre der Gang der Dinge. Vorgesehen ist aber nicht nur eine zeitliche Eingrenzung für die Freiluftkonzerte, sondern auch eine räumliche. Der Vorschlag des Umweltamts ließ alle Teilnehmer des Runden Tischs aufhorchen: das Boulespielfeld, 200 Meter nördlich des Amphitheaters. Mit seiner geschützten Lage in einer Nische des Parks könnte der Konzertort die Lärmentwicklung der Straßenmusik in Grenzen halten. „Natürlich muss man über den Standort noch sprechen“, betont Moorfeld.

Doch längst nicht alle Teilnehmer des Runden Tischs sehen in dem Vorschlag die erhoffte Entlastung. „Dann haben wir ja nicht nur einen Lärmtag, sondern zweit“, beschwert sich eine Anwohnerin der Wolliner Straße. Und eine Nachbarin sagt: „Es ist offenbar nicht allen klar, unter welchem Leidensdruck wir stehen. Je höher man wohnt, desto schlimmer ist die Situation. Im Dachgeschoss hört man keine Musik. Da hallen alle Lieder durcheinander.“ Die Frau bezeichnet sich selbst als Musikliebhaberin – „aber wenn im Park gespielt wird, kann ich in meiner Wohnung nichts anderes hören.“ So wie sie plädieren Dutzende Anwohner des Brunnenviertels für ein komplettes Verbot von Verstärkermusik und lehnen eine Ausnahmeregelung ab.

Situation soll berechenbar werden

Die Leiterin des Umweltamts hält dagegen: „Andernorts und zu anderen Zeiten wird keine Verstärkermusik mehr erlaubt sein“, betont Maria Moorfeld. So wäre die Situation für Anwohner und Behörden berechenbar. Und diejenigen Künstler, die aufspielen wollen, würden vorab geprüft und mit bestimmten „Slots“ ausgestattet. So würde nacheinander gespielt werden statt gleichzeitig – und die Kräfte des Ordnungsamts hätten eine klare Richtlinie, um alle anderen Konzerte zu verbieten.

Unter welchem Druck Polizei und Ordnungsamt stehen, betont Stadtrat Daniel Krüger (parteilos, für AfD). „Wir haben in Pankow nur 30 Mitarbeiter für den Streifendienst und die müssen auch in Buch Präsenz zeigen.“ Krüger hält an seiner Forderung fest, dass spezielle „Parkwächter“ im Problemgebiet auf die Einhaltung der Regel achten müssten. Solche Wächter einzuführen, wäre wegen der gesamtstädtischen Bedeutung des Parks Sache des Senats.

Aber schon jetzt versuchen Ehrenamtliche, das Treiben im Mauerpark zu befrieden. „Wir sind in den vergangenen Wochen Kreise im Park gelaufen und haben Musiker, die es übertreiben, um Ruhe gebeten“, sagt Alexander Puell von den „Freunde des Mauerparks.“ Der Verein unterstützt die Idee, geregelte Konzerte zu veranstalten und will in den nächsten Wochen dafür werben. Auch Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) strebt seit Langem eine solche Kompromisslösung an. Er sagt: „Wir wollen nicht Sieger oder Verlierer produzieren und sollten zusehen, dass es im Park weiterhin einen urbanen Nutzungsmix gibt.“ Den Vorschlag des Umweltamts müsse man nun in der Bezirksverordnetenversammlung diskutieren.

Boule-Spieler wollen ihren Platz behalten

Und die Boule-Spieler? Sie finden erwartungsgemäß kein Gefallen daran, dass sie am Sonnabend zugunsten der Konzerte auf ihre Fläche verzichten sollen. „Ich habe Angst, dass es hier darum geht, den Mauerpark zu einer Musikoase zu machen“, warnt Boule-Liebhaber Johnann Groenewold. „Alle rennen am Wochenende in den Park, um sich darzustellen. Und man weiß nicht, wo man hinhören soll.“

Beim Runden Tisch zeigt sich: Im Konflikt um die Freiluftkonzerte gibt es nicht nur Fürsprecher und Gegner der Musik, sondern viele Schattierungen. Da sitzen leidenschaftliche Fans der Künstler neben Müttern, die den Mauerpark in seiner Buntheit lieben, aber traumatisiert sind von den vielen vermischten Melodien, die in ihrer Wohnung nur noch als Krach zu hören sind. Da sitzt ein Tonexperte, der normalerweise Flughäfen zum Thema Schallschutz berät. Und da sitzen Musiker, die endlich wieder gehört werden wollen. „Wenn andere mit Verstärkern spielen oder laut trommeln, kann ich meine eigene Kunst nicht darbieten“, sagt Daniel Ferreira. Als „menschliche Beatbox“ erzeugt er im Übrigen selbst Schlagzeug-Geräusche. Aber er benutzt dafür nur seinen Mund.

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