Obdachlosigkeit

Neues Elend am Bahnhof Pankow

Geruchsbelästigung und Pöbelei: Nach Konflikten mit Obdachlosen am Tor zum Florakiez setzen Anrainer nun auf private Sicherheitskräfte.

Brennpunkt Pankow: Zwischen Fahrradständern und Bahnhofshalle tummeln sich Pendler, Obdachlose und Trinker

Brennpunkt Pankow: Zwischen Fahrradständern und Bahnhofshalle tummeln sich Pendler, Obdachlose und Trinker

Foto: Thomas Schubert

Berlin.  Zwischen zwei Fahrradbügeln liegen ein Mann und eine Frau eng umschlungen auf dem schmutzigen Pflaster. Dass Pendler fast über die Schlafenden stolpern, scheint ihre Mittagsruhe nicht zu stören. Auf der anderen Straßenseite blockieren zwei Männer mit zottigen Bärten den Eingang des Bahnhofs Pankow. Bierflaschen, die sie geleert haben, stehen wie Trophäen auf einem Kasten, in dem das Bahnhofspersonal Ausrüstung lagert. Wer nebenan die zweistöckige Abstellanlage für Fahrräder nutzt, atmet durch den Mund, um den Geruch von Fäkalien ertragen zu können. Alltag am Bahnhof Pankow. Innerhalb von Monaten hat sich am Tor zum familiären Florakiez eine Obdachlosen- und Trinkerszene festgesetzt, wie man sie bislang nur aus dem Tiergarten, vom Bahnhof Zoo oder vom Leopoldplatz in Wedding kannte.

Geruchsbelästigung, Pöbeleien und Diebstahl: Kathrin Schmitt, die im Edeka-Markt am Garbátyplatz die Geschäfte führt, hat immer wieder mit den gleichen Sorgen zu kämpfen. Sie ärgert sich über „rumänische Banden, die bei uns durch den Laden ziehen“. Im Hochsommer hatte sich die Lage etwas gebessert, berichtet Schmitt. Doch die Besserung hat auch ihren Preis. Seitdem die Anrainer des Garbátyplatzes einen Sicherheitsdienst beschäftigen, halten sich die unerwünschten Besucher vom Eingangsbereich des Gebäudes fern: „Das ist teuer, aber gut. Wir teilen uns die Kosten mit dem Ärztehaus nebenan.“

Noch drastischer schildert die Lage Wolfgang Reinhardt, der Geschäftsführer des Dentalzentrums am Garbátyplatz. „In unserem Eingangsbereich wurde uriniert, gekotet und gedealt“, beschreibt Reinhardt, was geschah, bevor man einen Wachdienst engagierte. Das Ärztehaus sah sich zum Handeln gezwungen. Ein „Doorman“ sorge nun dafür, dass nur noch Patienten Einlass bekommen.

Wer ist verantwortlich?

Sicherheitspersonal gegen Obdachlose, Suchtkranke und Bettler – kann das die Lösung sein? Reinhardt sieht zumindest einen kurzfristigen Erfolg. Aber die Sorgen werde man deshalb nicht los. „Es gibt jetzt eine Art Pingpong-Spiel. Die Leute, die Probleme bereiten, entfernen sich von unserem Ärztehaus und ziehen auf die andere Straßenseite. Dort werden sie von den Wachleuten des Bahnhofs wieder zu uns getrieben.“

Der CDU-Abgeordnete Stephan Lenz beobachtet die wachsenden Probleme mit Sorge. In einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage bestätigt die Senatsverwaltung für Inneres, dass S-Bahn und BVG mit der ständigen Verschmutzung des Bahngeländes zu kämpfen haben. Als Kriminalitätsschwerpunkt werten Senat und Polizei die Gegend aber nicht.

Lenz stört sich vor allem an dem Verwirrspiel um die Verantwortung. „Es handelt sich hier um ein Geflecht von Zuständigkeiten: Für das S-Bahngleis zeichnet die Deutsche Bahn verantwortlich, für das U-Bahn-Gleis sowie das Gebäude die BVG, im Bahnhof ist die Bundespolizei zuständig, vor dem Gebäude – wo aktuell ein Schwerpunkt der Verschmutzung liegt – das Ordnungsamt“, sagt der Abgeordnete. Er fordert jetzt einen Runden Tisch, an dem sich die Verantwortlichen mit den Sorgen der Anrainer befassen.

Eine Idee, die Sozialstadträtin Rona Tietje (SPD) befürwortet. Sie möchte die Gespräche aber nicht nur auf den Bahnhof Pankow beschränken, sondern auch die sozialen Probleme an anderen Verkehrsknoten, zum Beispiel an der Schönhauser Allee, in den Blick nehmen. Mehrfach habe man den auffälligen Personen Hilfe angeboten, sagt Tietje – doch der Bezirk könne sie nicht zwingen, die Hilfe anzunehmen. Trotzdem ist ein neues Projekt für Straßensozialarbeit in Planung. Wenn die Verhandlungen mit einem freien Träger erfolgreich laufen, könnten ein oder zwei Sozialarbeiter regelmäßig aktiv werden.

Ein Zeichen der Verdrängung

Dieter Puhl von der Bahnhofsmission am Zoologischen Garten tischt mit seinem Team täglich 700 Gästen Mahlzeiten auf. Und sieht die Wanderungsbewegung als Zeichen einer Verdrängung. „Kurz nachdem im vergangenen Herbst der Große Tiergarten geräumt wurde, habe ich einen der Männer, die hier kampierten, auf der Insel Eiswerder getroffen“, sagt er. Dass der Mann im Rollstuhl sitzt und einen abgelegenen Fleck in Spandau als Zuflucht wählte, ist aus Puhls Sicht ein Ausdruck der Angst. Durch die Verdrängung seien alte Bündnisse unter den Betroffenen zerbrochen. Vor allem Frauen hätten es schwer, sich auf der Straße gegen grobe Männer zu behaupten, und seien auf der Suche nach neuen Orten, an denen sie gefahrlos leben können.

Wenn Wohnungslose in Pankow auftauchen, könne das aber auch an der wachsenden Zahl der Betroffenen liegen, meint Puhl. Er rechnet mit mindestens 7000 Obdachlosen in Berlin – und einer jährlichen Wachstumsquoten von zehn bis zwanzig Prozent. „Berlin handelt inzwischen – aber fünf Jahre zu spät. Die Immobilien, in denen man Obdachlose einquartieren könnte, fehlen oder sind zu teuer geworden“, kritisiert Puhl. Dass Sozialeinrichtungen wie die Bahnhofsmission neue Bedürftige anziehen, hält Puhl für ein Vorurteil. Aber er fordert seit Jahren ein Netz von Hilfseinrichtungen, das die Ballung der Szene im Stadtzentrum verringert.

Hilfe leisten für alle, die zu wenig Geld für Essen haben – in Pankow ist das die Aufgabe der Suppenküche des Franziskanerklosters an der Wollankstraße. Menschen auf Krücken, Witwen, Frührentner, Obdachlose bekommen in einer kleinen Halle mit großen Glasfenstern Suppe und das Gefühl, dass sich jemand um sie sorgt. „Soziale Armut ist die schlimmste“, sagt Bruder Andreas, ein Mann, der zur modernen Kleidung ein schweres Holzkreuz an einer Kette trägt. Er kennt die neuen Probleme zwischen den Bahnhöfen Pankow und Wollankstraße: „Es gibt sicher eine Wanderbewegung, aber kein Wachstum der Szene.“

Menschen stranden mit falschen Vorstellungen

Mit 70 Ehrenamtlichen versorgen die Franziskaner täglich zwischen 200 und 400 Personen. Es gibt frische Kleidung und die Möglichkeit zu duschen. Ein Anstieg der Besucherzahlen ist laut Bruder Andreas nicht zu verzeichnen. Was möglicherweise mit der Philosophie des Hauses zusammenhängt: Die Franziskaner laufen den Hilfsbedürftigen in Pankow nicht hinterher. Wer Hilfe wolle, solle aktiv werden und von sich aus kommen, sagt Andreas. Dass am Garbátyplatz Bettler hocken, hält er für ärgerlich: „Es muss niemand auf der Straße sitzen und um Geld bitten, weil er Hunger hat. Man kann aufstehen und sich bei uns etwas zu essen holen.“ Ob das Hilfssystem in Berlin sie anlockt? Bruder Andreas verneint. „Es sind eher die falschen Vorstellungen über das Leben in Deutschland, die Menschen aus Osteuropa hierherführen. Wenn sich die Hoffnungen auf einen Job zerschlagen, landen sie auf der Straße.“

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