Gesellschaft

Landesweites queeres Jugendzentrum in Berlin eröffnet

Jugendsenatorin Sandra Scheeres eröffnete am Montag das erste queere Jugendzentrum der Stadt.

Senatorin Scheeres spricht mit jungen Menschen, die in Sachen Liebe und Geschlecht experimentieren wollen

Senatorin Scheeres spricht mit jungen Menschen, die in Sachen Liebe und Geschlecht experimentieren wollen

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Männlich oder weiblich, homo- oder intersexuell – ein Teil der Berliner Jugend will sich nicht in eine Kategorie einordnen lassen und möchte eigene Neigungen frei ausleben. Allerdings nehmen Angriffe auf Schwulen, Lesben und Transgeschlechtliche deutlich zu. 161 Straftaten gegen so genannte queere Menschen zählte die Polizei vergangenes Jahr in Berlin. „Das macht gerade den jungen Leuten Angst“, erklärte Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Montag bei der Eröffnung eines Zufluchtsorts: dem ersten queeren Jugendzentrum Berlins auf dem Gelände des alten Umspannwerks an den Sonnenburger Straße 69 in Prenzlauer Berg.

Hier befand sich bereits eine queeres Einrichtung des Jugendnetzwerks Lambda, die der Bezirk Pankow 2014 eingerichtet hatte. Mit dem Ausbau zum landesweiten Jugendzentrum gelangt das Anliegen der Regenbogen-Jugend auf eine höhere Ebene, meint Lambda-Sprecher Kay Alexander Zepp. 175.000 Euro pro Jahr hat die rot-rot-grüne Koalition im Doppelhaushalt 2018 und 2019 pro Jahr für die Erweiterung des Angebots bereitgestellt. Damit kann Lambda laut Zepp sein bisheriges Beratungsprogramm nun deutlich erweitern und neue Gruppen gründen.

Eine von ihnen hilft gezielt transgeschlechtlichen Jugendlichen unter 16 Jahren – „eine Zielgruppe, die besonders vielen Diskriminierungserlebnissen ausgesetzt ist“, berichtet Zepp. Und gibt ein Beispiel: Auch wenn sich manche Jugendliche neuerdings einem anderen Geschlecht zugehörig fühlen oder ihren Namen ändern, steht die alte Identität im Klassenbuch geschrieben – „und manche Lehrkräfte bestehen darauf, dass die Betroffenen ihren Geburtsname weiter tragen.“ Deshalb wird das neue Jugendzentrum auch Vertreter an Schulen entsenden und Aufklärungsarbeit leisten.

Im nächsten Jahr will Lambda außerdem eine Broschüre herausgeben, die zum Beispiel jungen Homosexuellen beim „Coming out“ hilft. Sie wird auch in anderen Jugendeinrichtungen verteilt. Als Zielgruppe für die Angebote von Lambda gelten Berliner im Alter von 12 bis 27 Jahren. „Es gibt in Berlin Diskriminierung und Gewalt gegen nicht strikt heterosexuell lebende Menschen“, sagte Senatorin Scheeres bei der Eröffnung des neuen Zentrums. „Das können wir nicht akzeptieren.“

Sie verweist auf eine Studie des Deutschen Jugendinstitutes, wonach 74 Prozent der befragten queeren Teilnehmer die Ablehnung ihrer Freunde fürchten, 69 Prozent Angst vor den Reaktionen der Eltern hat und 61 Prozent in der Schule ausgegrenzt wird. Entsprechend hoch sei auch die Selbstmordrate, betont Scheeres. Angesichts solcher Zahlen sieht sie Kritiker, die ein queeres Jugendzentrum für überflüssig halten, widerlegt. „Ja, das brauchen wir unbedingt“, bekräftigte Scheeres den Schritt.

Mehr über den Bezirk Pankow lesen Sie hier.

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