Prenzlauer Berg

Get your Guide plant neuen Campus in Berlin

Das Start-up zieht 2019 in ein altes Umspannwerk. Die Reiseführer-Plattform wächst stark und will jetzt Anbieter wie Eventim angreifen.

Get your Guide-Geschäftsführer Johannes Reck hat große Pläne

Get your Guide-Geschäftsführer Johannes Reck hat große Pläne

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin.  Die Reiseführer-Plattform Get your Guide will die Mitarbeiterzahl in Berlin innerhalb der nächsten zwei Jahre mehr als verdoppeln. Am neuen Standort, den das Unternehmen im Frühjahr 2019 beziehen soll, sei Platz für insgesamt 800 Mitarbeiter, sagte Gründer und Get-your-Guide-Chef Johannes Reck der Berliner Morgenpost. Derzeit seien in Berlin rund 350 Menschen für die Plattform tätig, die über das Internet Aktivitäten und Attraktionen an Touristen vermittelt.

Das neue Zuhause des Start-ups soll das alte Umspannwerk Ampere an der Sonnenburger Straße in Prenzlauer Berg werden. In dem Industriedenkmal hatte bis vor drei Jahren noch der Internet-Modehändler Zalando seinen Sitz. Jetzt will Get your Guide dem Areal neues Leben einhauchen. Mehr als zehn Millionen Euro investiert das Unternehmen, um das Gebäude nach seinen Vorstellungen umzubauen. Federführend ist dabei das Berliner Architekturbüro Kinzo. Get your Guide plant langfristig: Nach Informationen der Berliner Morgenpost hat das Unternehmen einen Mietvertrag mit einer Laufzeit von zehn Jahren unterschrieben, der etwa 50 Millionen Euro schwer sein soll. Der neue Firmensitz soll auch ein Argument im Kampf um Fachkräfte sein, sagte Johannes Reck. Get your Guide werde zwar in allen Bereichen neue Leute einstellen. Deutliche Personalzuwächse soll es aber vor allem im Produktdesign sowie in der Softwareentwicklung geben, so der Unternehmer, der Get your Guide 2009 in der Schweiz mit drei weiteren Geschäftspartnern gegründet hat. Mittlerweile hat die Firma 14 Standorte weltweit. Der Hauptsitz ist seit 2013 in Berlin. Derzeit hat das Unternehmen in der Stadt zwei Standorte in den Bezirken Kreuzberg und Prenzlauer Berg. Beide Büros sollen im nächsten Jahr in das neue Hauptquartier umziehen.

Fachkräfte müssen aus dem Ausland angeworben werden

Der Markt für die Spezialisten sei in Berlin aber nahezu leer gefegt, so Reck. Get your Guide rekrutiere Fachkräfte wie Entwickler und Informatiker deswegen vor allem in anderen Ländern. „Es gibt hier einen riesigen Engpass. Nahezu 90 Prozent unserer neuen Mitarbeiter müssen wir aus dem Ausland nach Berlin bringen“, sagte der Get-your-Guide-Gründer. Bei dem Unternehmen seien derzeit rund 30 Angestellte damit beschäftigt, Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben. In Berlin arbeite Get your Guide zudem mit Agenturen zusammen, die neuen Mitarbeitern dabei helfen, Wohnungen zu finden oder Visa zu bekommen.

Die Internet-Plattform war zuletzt stark gewachsen. Allein im vergangenen Jahr hatten rund sechs Millionen Kunden einen Ausflug oder eine Attraktion über Get your Guide gebucht. Die Schwelle von 20 Millionen verkaufter Aktivitäten seit der Gründung solle 2019 übersprungen werden, kündigte Reck an. Derzeit bietet das Portal rund 40.000 Erlebnisse in über 2000 Orten auf der Welt an, von der Rundfahrt bis zum Museumsbesuch. Get your Guide erhält für die Buchungen eine Provision von den Veranstaltern. Umsatzzahlen werden vom Unternehmen nicht veröffentlicht. Get your Guide arbeitet derzeit noch nicht profitabel. „Wir könnten sofort Gewinne einfahren. Der Fokus liegt in den kommenden Jahren aber klar auf Wachstum“, erklärte Reck.

Laut Experten ist der weltweite Markt für Erlebnisse und Ausflüge während des Urlaubs gut 150 Milliarden Euro schwer. Der Großteil des Geschäfts findet allerdings noch nicht online statt. Im vergangenen Jahr, so Schätzungen, sind nur gut vier Milliarden Euro mit dem Verkauf von touristischen Erlebnissen im Internet umgesetzt worden. Neben Get your Guide ist vor allem die Bewertungsplattform Tripadvisor stark in dem Segment vertreten. Zwischen 2011 und 2014 gab es zwischen beiden Plattformen sogar eine Kooperation. „Je erfolgreicher die Wettbewerber sind, desto besser. Es geht darum, das Kundenverhalten zu verändern“, erklärte Johannes Reck. Touristen müssten nicht stundenlang in der Schlange stehen. Sinnvoller sei es, Aktivitäten vorab zu buchen. Die Erlebnisse seien der Kern einer Urlaubsreise, so der Gründer. „Get your Guide ist sehr gut positioniert. Wir gehen davon aus, dass die goldenen Jahre noch vor uns liegen“, sagte Reck.

Gegenüber der Berliner Morgenpost kündigte der Geschäftsführer zudem an, die Angebote auf dem Erlebnis-Marktplatz weiter ausbauen zu wollen. Künftig werde Get your Guide auch Aktivitäten im Bereich Kochen, Livesport und -musik sowie Transfers etwa vom Flughafen in die Stadt anbieten, sagte Reck. Get your Guide werde dabei auch in Bereiche vorstoßen, die bislang von anderen Plattformen besetzt würden. Eventim etwa verdient vor allem mit dem Verkauf von Tickets für Konzertveranstaltungen Geld.

Get your Guide wurde 2009 in Zürich von den Studienfreunden Tao Tao, Martin Sieber, Johannes Reck und Tobias Rein gegründet. Seitdem hat das Unternehmen viel Geld von Risikokapitalgebern eingesammelt. Zuletzt hatten im vergangenen Jahr mehrere Geldgeber insgesamt 75 Millionen Dollar Wagniskapital zur Verfügung gestellt. Get your Guide strebe in den nächsten Jahren den Gang an die Börse an, auch um den Gesellschaftern die Möglichkeit zum Verkauf ihrer Anteile zu geben. „Einen klaren Zeitplan für den Gang an die Börse gibt es nicht“, erklärte Reck. Um schnelles Geld geht es dem Gründer ohnehin nicht: Längst hätten die Get-your-Guide-Geschäftsführer ihr Unternehmen verkaufen können. Zahlreiche Konkurrenten aus der Tourismusbranche sollen bereits Interesse signalisiert haben. Offerten, etwa von der Buchungs-Plattform booking.com, lehnten die Gründer bislang allerdings stets ab.

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