Jubiläum

Wilhelmsruh feiert sein 125-jähriges Bestehen

Anwohner organisieren ein Fest zu Ehren des Ortsteils. Es entsteht die längste Kaffeetafel von Pankow.

Claudia Hakelberg und Helmut Hilse vom Festkomitee planen die Feierlichkeiten seit dem Winter

Claudia Hakelberg und Helmut Hilse vom Festkomitee planen die Feierlichkeiten seit dem Winter

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Es war einmal ein Briefträger, der seine liebe Mühe hatte, sowohl mit seinen schweren Taschen als auch mit einem Zustellgebiet, das sich von Blankenfelde bis nach Reinickendorf erstreckte. Weil er Wilhelm hieß und offenbar immer am gleichen Ort eine Pause einlegte, kannte man seinen Rastplatz bald unter einem bestimmten Namen: Wilhelmsruh.

Oder geht die Bezeichnung des heutigen Pankower Ortsteils doch auf einen Kleingärtner der Kolonie „Sperlinglust“ zurück, der ebenfalls auf den Namen Wilhelm hörte und seine Umgebung möglichst leise mochte? Die Geschichten vom Postboten und dem Kleingärtnern sind nur zwei der Legenden, die erklären, wie der frühere Villenvorort nordwestlich von Pankow zu seinem Namen kam.

Wer Claudia Hakelberg nach solchen Herleitungen befragt, erhält als Antwort ein Achselzucken und ein Lächeln. Hakelberg ist eine Frau, die lieber über das Nachbarschaftsleben von heute Gedanken macht als zu Gründungsmythen. Und sie ist Teil eines Festkomitees, das am Sonnabend das 125-jährige Bestehen von Wilhelmsruh mit einem Straßenfest begeht. „Das wird ein Fest von Bürger für Bürger“, kündigt sie an.

Wilhelmsruh wächst wieder

Dem Jubiläum liegen keine Legenden zugrunde, sondern geschichtliche Fakten. Der Bäckermeister Herrmann Günther erbat mit einem Schreiben vom 11. Oktober 1892 beim Amtsvorsteher von Pankow, die neue Villenkolonie ganz offiziell als eigenständigen Ort anzuerkennen. Etwa ein Jahr danach wurde seiner Bitte entsprochen.

125 Jahre danach ist der Pankower Ortsteil so stark im Wachstum begriffen wie selten zuvor. Keine Baulücke bleibt frei. Und vor allem Familien entdecken die geruhsamen Seitenstraßen, abseits des Fluglärms in südlicheren Kiezen.

Alte und neue Wilhelmsruher zusammenzubringen – das ist laut Claudia Hakelberg ein wichtiger Begleiteffekt des Festes. Dafür engagiert sich unabhängig von den Feierlichkeiten auch der 120 Mitglieder starke Verein „Leben in Wilhelmsruh.“

Musikgruppen aus dem Stadtteil besingen Wilhelmsruh

Gelegenheit zum Kennenlernen bietet sich am Sonnabend von 10 bis 18 Uhr an der längsten Kaffeetafel von Pankow. Damit das Komitee diesem Anspruch genügen kann, braucht es möglichst viele Teilnehmer, die ihre Tische und Stühle selbst herbeitragen. Wer seine Backkunst beweisen möchte, kann außerdem ab 9 Uhr im Gemeindehaus an der Goethestraße 3 Kuchen spenden.

Im gesperrten Bereich der Hauptstraße zwischen Edelweiß- und Schillerstraße gibt es nicht nur genügend Platz zum Beisammensitzen. Neben der Kaffeetafel bleibt hier auch Raum für die Stände von Ortsvereinen und Parteien, eine Ausstellung zur Geschichte von Wilhelmsruh und ein Bühne. Hier sorgen Gruppen aus dem Stadtteil für den passenden Sound.

Vor fünf Jahren begrüßte man zum 120-jährigen Bestehen schon einmal rund 3000 Besucher. Diesmal könnte diese Zahl noch überboten werden. Dass jetzt erneut Feierlichkeiten stattfinden können, war aber eine Zeitlang ungewiss. Das Spendensammeln gestaltete sich schwierig – „zwischendurch stand das ganze Fest auf der Kippe“, verrät Helmut Hilse, der sich im Festkomitee und im Ortsverein engagiert. Die Beharrlichkeit, meint Hilse, hat sich gelohnt: „Wir haben durchgehalten. Und nun wird gefeiert“

Kiezbibliothek steht auf der Kippe

Nachdem das Programm auf der Hauptstraße um 18 Uhr endet, feiern die Wilhelmsruher auf dem Gelände der Bibliothek an der Hertzstraße 61 weiter. Sie ist nicht nur der kulturelle Kern des Ortsteils, sondern auch der größte Sorgenfall.

Im Juni 2020 läuft der bestehende Mietvertrag aus – „und er wird wahrscheinlich nicht verlängert werden“, befürchtet Hilse. „Dann hängen wir in der Luft.“ Wenn Wilhelmsruh in Zukunft attraktiv bleiben soll, dann braucht es auch Orte der Kunst und Kreativität, heißt es vom Komitee. Und wenn man am Sonnabend in Gesprächen mit Bezirkspolitikern eine Lösung fände, könnten die Korken gleich doppelt knallen.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.