Berlin

Ein Abgang zum richtigen Zeitpunkt

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Sabine Flatau

Pankows Rathauschef Matthias Köhne (SPD) ist seit 2006 im Amt. Jetzt will er sich nicht mehr zur Wahl stellen

Pankows Bürgermeister Matthias Köhne (SPD) ist keiner, der großen Wirbel macht und schnell an die Öffentlichkeit geht. Anders als etwa seine Kollegin Monika Herrmann (Grüne) aus Friedrichshain-Kreuzberg oder der einstige Neuköllner Rathauschef Heinz Buschkowsky (SPD). Seit 2006 ist Köhne Bürgermeister in Pankow. Im Herbst soll Schluss sein mit dem Job. Er will sich nicht mehr zur Wahl stellen.

Für ihn stehe das schon seit fünf Jahren fest, sagt der 49-Jährige. „Ich denke, dass zwei Wahlperioden in einem herausgehobenen Amt genug sind.“ Das Ansehen von anderen Spitzenpolitikern sei rapide gesunken, weil sie den rechtzeitigen Punkt zum Aufhören nicht gefunden haben. Klaus Wowereit, sagt er, sei so ein Beispiel gewesen. „Ein hoch angesehener Regierender Bürgermeister – und zum Schluss ging es dann gar nicht mehr.“ Wowereits Rücktritt sei für viele wie eine Befreiung gewesen. „Das schmälert all das, was vorher war. Wenn man nicht rechtzeitig geht.“

Intern, in der Pankower Bezirkspolitik, wird Köhne geschätzt. Sachlich und pragmatisch, so beschreibt ihn die CDU in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Man arbeite seit Jahren in vielen Bereichen gut mit ihm zusammen. Manchmal stehe jedoch die Parteipolitik beim Bürgermeister stärker im Vordergrund als die Interessen der Pankower, so die CDU. Als „sehr genau, sehr zuverlässig“ beschreibt ihn die Fraktion der Linken, die außerdem seine Kollegialität innerhalb des Bezirksamtes betont.

Nicht nur Bürgermeister Matthias Köhne, auch Schulstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD) und Jugendstadträtin Christine Keil (Linke) werden im Herbst nicht mehr zur Wahl antreten. Jüngere rücken nach. Die SPD schlägt Rona Tietje, die Fraktionsvorsitzende in der Bezirksverordnetenversammlung, als Köhnes Nachfolgerin vor. Fraktionsvize Gregor Kijora soll Stadtrat im Bezirksamt werden. Die Linke wird Anfang 2016 ihre Kandidaten aufstellen.

Mit 28 Jahren Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Bezirk

Er selbst sei beim Amtsantritt der jüngste Bezirksbürgermeister in Berlin gewesen, sagt Köhne. „Inzwischen bin ich einer der dienstältesten.“ Er stammt aus Schleswig-Holstein und studierte in Berlin. Seinen politischen Aufstieg hat er in Pankow gemacht. 1994, mit 28 Jahren, wurde er Geschäftsführer der SPD-Fraktion in der BVV, 1995 Bezirksverordneter der SPD, dann Fraktionschef und für 14 Monate Umweltstadtrat, bis zur Bezirksfusion 2001. Dann habe ihn Klaus Wowereit, damals Regierender Bürgermeister, gefragt, ob er sein Büroleiter sein wolle, erzählt Köhne. Beide kannten sich aus der Zeit von 1994 bis 1999, als Köhne hauptberuflich Mitarbeiter der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus war. „Ich habe gesagt, nur so lange, bis ich wieder Stadtrat werden kann – dann bin ich weg.“

Weg war er schon 2002, als er erneut Umweltstadtrat in Pankow wurde. Nicht weil die Bezirkspolitik interessanter ist. „Das hat mit der eigenen Verantwortung zu tun. Ob man in der zweiten Reihe für jemand anderes etwas aufschreibt, oder ob man es selbst verantwortet.“ Was er erreicht hat, in seinem Spitzenamt? Den Abbau des immensen Schuldenbergs. „Wir standen zwischenzeitlich mit 32 Millionen Euro beim Finanzsenator in der Kreide.“ Dieser Minusbetrag sei bis Ende 2014 auf zwölf Millionen Euro reduziert worden. Weitere fünf Millionen Euro seien in diesem Jahr geplant. Es sei nicht leicht gewesen, sagt der Bezirksbürgermeister, die Verwaltung und Politik für das Kostenbewusstsein und das Konsolidierungskonzept zu sensibilisieren.

Die Bevölkerung wächst inPankow immer stärker

So ist auch der neue Pankower Haushaltsentwurf nicht unumstritten. Zwar begrüßt die Linken-Fraktion, dass er im Konsens beschlossen wurde. Doch die CDU kritisiert, Köhne wisse als Finanzstadtrat von den großen Risiken für 2016/2017 hinsichtlich der zu erwartenden Einnahmen. Er habe trotzdem zugelassen, dass der Entwurf angenommen wurde. Nun sei der Haushaltsentwurf im Abgeordnetenhaus wegen dieser Risiken kritisiert worden – was Köhne aus Sicht der CDU hätte verhindern können.

Zu seinen Erfolgen zählt Köhne auch, „dass der Bezirk stärker als früher von der Öffentlichkeit und von der Landespolitik wahrgenommen wird. An Pankow geht nichts mehr vorbei.“ Es sei der Bezirk mit der größten Bevölkerung und der stärksten Wachstumsrate.

Als Projekt, das nicht erreicht wurde, nennt Köhne den Pankower Rangierbahnhof. Das große Projekt mit Möbelhäusern, Geschäften und Wohnungen, das der Unternehmer Kurt Krieger plant. „Es ist bedauerlich, dass wir da kaum vorangekommen sind.“ Dass auch nach zwei Amtsperioden Dinge unerledigt bleiben, gehöre dazu. Die Arbeit sei „so aufreibend, dass man nur dazu kommt, das Tagesgeschäft zu erledigen“, sagt der SPD-Politiker. „Es kostet viel Zeit und Kraft, dass überhaupt der Laden läuft.“ Und das sei in Pankow der Fall – trotz langer Wartezeiten auf Termine in den Bürgerämtern.

Es habe einen Mentalitätswechsel gegeben: Die Erkenntnis, dass der geplante Personalabbau im wachsenden Berlin nicht funktioniert, sei akzeptiert. Das sei ein Erfolg der Bezirke in den vergangenen Jahren. Sieben zusätzliche Mitarbeiter dürfen im Pankower Bürgeramt eingestellt werden.

Bei der Bezirksamtssitzung mit den Stadträten, dienstags, am langen Tisch in Köhnes Büro, sind vier Parteien vertreten. „Mir war immer wichtig, dass wir so viel wie möglich im Konsens beschließen“, sagt er. Das sei nicht immer gegangen. „Aber es hat niemals irgendwelche Zerwürfnisse gegeben. Oder dass Leute kaltgestellt worden sind.“ Im Alltagsgeschäft, sagt der Bürgermeister, „gibt es eine super Zusammenarbeit zwischen den fünf Bezirksamtsmitgliedern. Das zeichnet uns aus.“

Nur selten sind Meinungsverschiedenheiten nach außen gedrungen. Etwa beim Streit um das Eco-Mobility-Festival im Helmholtzkiez, das Stadtentwicklungsstadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) 2014 durchsetzen wollte. Köhne verhinderte das. „Mit der Elektromobilität hatte ich kein Problem“, sagt er. „Nur damit, dass man einem ganzen Stadtteil, rund 24.000 Leuten, wochenlang irgendwas vorschreibt. Ohne vorher mit ihnen geredet zu haben.“

Der Bürgermeisterjob ist zeitintensiv. Köhne sagt, er habe vor Jahren einmal Buch über seine Arbeitszeit geführt. Das Ergebnis: 60 bis 80 Stunden in der Woche. Er beschwere sich nicht darüber, sagt er, „ich habe es ja freiwillig gemacht“. Aber auf die Dauer laugt es aus. „Man hat nur noch wenig soziales Leben dadurch. Das ist schwierig.“

In seiner knappen Freizeit treibt Köhne Sport. Er läuft zwei- bis dreimal wöchentlich, früh am Morgen. Im Winter durch den Schlosspark, weil er beleuchtet ist. Am Wochenende durch die Schönholzer Heide, raus nach Buch oder im Jahn-Sportpark. 30 bis 40 Kilometer in der Woche. Er nimmt regelmäßig am Berliner Halbmarathon teil. Das Laufen „hält fit“, sagt Köhne, „ich habe dann einen klaren Kopf und kann viele Dinge noch mal durchdenken, die anliegen“. Was er nach dem Herbst 2016 beruflich macht, wisse er noch nicht. „Ich warte erst mal ab, was es für Möglichkeiten gibt“, sagt Köhne.