Jubiläum

Deutschlands älteste Feuerwache steht in Pankow

Vor 125 Jahren wurde die Feuerwache an der Oderberger Straße in Betrieb genommen. Sie ist fester Bestandteil des Kiezes, Anwohner kommen gern zum Plaudern vorbei. Hinter den alten Tore stehen heute moderne Fahrzeuge – doch auch den Rettungswagen fehlt noch was.

Foto: mgo/dvb/nid / DDP

Es ist ein bisschen so, als würden in einem Raumschiff die Türen mit Klinken geöffnet: Das mehr als drei Meter hohe Stahltor der Feuerwache an der Oderberger Straße öffnet sich nicht automatisch, sondern nur per Hand. Bei einem Einsatz hetzt einer der Feuerwehrmänner zum Tor, um es in Windeseile aufzureißen. Dann werden die Außenspiegel der Einsatzfahrzeuge zurückgeklappt. Kaum eine Handbreit Platz bleibt dem Fahrer, um das Auto an den Türpfosten vorbei ins Freie zu bugsieren.

Steht man vor dem Klinkersteinbau in Prenzlauer Berg, glaubt man nicht, dass hinter dem Tor rot leuchtende Feuerwehrfahrzeuge auf den Einsatz warten. Eher noch vermutet man dort altmodische Spritzenwagen, denen Pferde vorgespannt wurden. Das wäre ein Irrtum, aber der würde zur Feuerwehr an der Oderberger Straße passen, denn sie ist die älteste Wache einer Berufsfeuerwehr in Deutschland, die noch aktiv ist.

Geborstene Gasflaschen

Vor genau 125 Jahren wurde sie in Betrieb genommen. Seither haben dort Feuerwehrprofis ihren Sitz. Die Wache scheint das einzig Beständige in der sich ständig verändernden Straßenschlucht zwischen Kastanienallee und Mauerpark zu sein. Und dennoch, auch in diesem eher unscheinbaren Haus hat es im Laufe der Jahrzehnte Veränderungen gegeben.

Einige Nebengebäude auf dem Hof der dreigeschossigen Wache wurden umgebaut oder abgerissen. Beispielsweise die Schmiede; sie war überflüssig geworden, als motorisierte Fahrzeuge die Pferdewagen ablösten. Ebenso überflüssig der Stellmacher, der die hölzernen Wagen in Schuss gehalten hatte. Relikte der Schmiede wie die einstige Feuerstelle sind noch in der heutigen Kleiderkammer zu sehen. Und wo der Stellmacher gearbeitet hatte, ist jetzt eine kleine Werkstatt eingerichtet. Auch jault längst keine Sirene mehr beim Alarm, stattdessen geben die Pieper, die die Männer bei sich tragen, das Signal zum Ausrücken - Sinnbild der Moderne, die dort Einzug gehalten hat.

"Ich liebe diese Wache, denn wir sind mitten im Kiez", sagt Andreas Graf. Er ist seit mehr als 20 Jahren bei der Feuerwehr und kann sich keinen anderen Job vorstellen. Keine weitere Wache in Berlin sei so mit dem Wohngebiet verwurzelt. "Anwohner kommen zum Plausch mit uns oder wollen einfach mal hinter die Kulissen schauen", erzählt der 44-Jährige Oberbrandmeister. Und wenn man beim Frühstück auf der Dachterrasse der Garage sitzt und den Blick über die Grundstücksmauer hinweg schweifen lässt, dann vermittelt das üppige Hof-Grün des legendären "Hirschgartens" ländliche Idylle im Großstadtgewusel.

Kurz nach der Wende kamen die Feuerwehrleute kaum zur Ruhe. "Da ist kein Tag vergangen, an dem nicht ein Feuer auf einem Dach oder in einem Keller gelöscht werden musste", sagt Graf. Manchmal seien von Bauarbeiten zurückgebliebene Gasflaschen in die Luft geflogen. Denn zu der Zeit wurden im Kiez zahllose Häuser komplett saniert und modernisiert. Einige dieser geborstenen Gasflaschen stehen heute im Eingangsbereich der Feuerwache.

Radfahrer behindern Einsätze

Das Jubiläum der Wache verführt zum Rückblick. Wichtiger ist den Feuerwehrmännern natürlich, was aktuell anliegt. Oberbrandmeister Graf spannt den Bogen. Bis 1991 rückte die Feuerwehr im ehemaligen Ost-Berlin ausschließlich zur Brandbekämpfung aus. Dann kam die Notfallrettung hinzu. 60 bis 70 Prozent seiner Dienstzeit verbringe er heute auf einem Rettungswagen, so Graf. Drei davon stehen auf der Wache. Bei der Ausstattung der Fahrzeuge vermisst der Feuerwehrmann ein wichtiges Detail: eine Klimaanlage. Bei Temperaturen von mehr als 40 Grad im Rettungswagen stelle das eine zusätzliche Belastung beispielsweise für Patienten mit Kreislaufproblemen dar. Und noch etwas stört ihn.

"Oft ist es ein Graus, mit dem schweren Auto durch den Kiez zu fahren", sagt der Weißenseer. Viele Auto- und Radfahrer behindern die Rettungsfahrzeuge bei ihren Fahrten. "Hier in Prenzlauer Berg gibt es zwei Arten von Radlern", sagt er. Da seien zunächst die typischen "Alt-Pe-Berger", schwarz gekleidet, ohne Licht am rostigen Drahtesel und Helm auf dem Kopf. Und dann gibt es die Neu-Prenzelberger. Schicke teure Räder mit Beleuchtung, der Fahrradhelm wird getragen - und zusätzlich Kopfhörer. "Beide Sorten von Radfahrern hören nichts und scheinen auch manchmal blind zu sein."

Extreme Anspannung

Dennoch nehmen die Fahrer der Rettungs- und Löschfahrzeuge Rücksicht auf die Anwohner. "Das Martinshorn schalten wir nur in wirklichen Notsituationen ein", sagt Graf. Und das sei dann der Fall, wenn bereits bei Einsatzbeginn klar ist, dass ein Menschenleben in höchster Gefahr ist.

Gerade in diesen Situationen wird Extremes von den Rettern abverlangt. So berichtet Rettungsassistent Christoph Webner (47) von einem Einsatz, der beinahe dazu geführt hätte, dass er seinen Helm an den Nagel hängt. "Als ich zum Einsatzort kam und es hieß, ein Kind ist in einen Verkehrsunfall verwickelt, hatte ich sofort weiche Knie bekommen. Ein Junge lag regungslos auf der Straße. Der Fahrer eines Lkw hatte den Schüler beim Abbiegen übersehen." Der Junge hatte genau die Haarfarbe wie Webners Sohn. Er war auch im gleichen Alter und trug einen ähnlichen Schulranzen. "Ich dachte zunächst, es wäre mein Sohn", sagt der Rettungsassistent. Aber es war ein anderer. Schon schlimm genug.

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