Neukölln

Streit um einen neuen Radweg auf der Sonnenallee

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Dominik Bardow
Die Buslinie M41 auf der Sonnenallee in Neukölln. Der Berliner Fahrgastverband IGEB fordert Vorfahrt für Rad und ÖPNV.

Die Buslinie M41 auf der Sonnenallee in Neukölln. Der Berliner Fahrgastverband IGEB fordert Vorfahrt für Rad und ÖPNV.

Foto: IGEB

Es ist eng auf Neuköllns wichtigster Straße. Nun soll noch ein Radweg hinzukommen. Zulasten von Autos und Bus? Behörden streiten es ab.

Berlin. Es ist ja nicht so, als ob es rund um den Hermannplatz in Neukölln nicht schon genug Streit um den Verkehr gäbe. Autos parken auf Fahrradwegen, Radfahrer weichen auf Gehwege aus, der Bus M41 quält sich durch den Verkehr der Sonnenallee und die Karl-Marx-Straße ist voller Baustellen. Dazu kommt nun ein Streit um einen neuen Radweg auf der Sonnenallee, der dann Bus- und Autospuren kosten könnte.

Am Montag meldete sich der Berliner Fahrgastverband IGEB auf Twitter und mit einer Pressemitteilung zu Wort: „Der Bezirk Neukölln plant auf der Sonnenallee beidseitig einen geschützten Radfahrstreifen. Nicht berücksichtigt werden dabei aber die Belange des öffentlichen Nahverkehrs. Die eminent wichtige Buslinie M41 müsste sich eine Fahrspur mit dem Autoverkehr teilen“, heißt es dort.

Bezirksamt sieht sich als falscher Adressat

Zudem würde die gemäß beschlossenem Nahverkehrsplan vorgesehene Umstellung des Busverkehrs auf Straßenbahnbetrieb verbaut. Dabei sei eine Straßenbahn von Treptow über die Sonnenallee nach Kreuzberg eines der wichtigsten Projekte in Berlin. Daher fordert die IGEB „eine Änderung der Planung, die nicht nur Belange des Radverkehrs, sondern auch die der BVG und ihrer Fahrgäste berücksichtigt“.

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Das Bezirksamt reagierte noch am Montagabend und antwortete auf Twitter: „Wir planen hier gerade gar nichts, weder gibt es Planungen des Bezirksamtes noch eine Anordnung. Wir klären gerade mit der Senatsverwaltung was da vonstatten geht, aber wir sind tatsächlich hier der falsche Adressat.“ Darauf schrieb die IGEB zurück: „Guter Aufschlag im Berliner Behörden-Pingpong.“ Wer ist da also zuständig?

Wer hat Vorfahrt im Straßenverkehr? Autos, ÖPNV oder Fahrräder?

Am Dienstag reagiert das Bezirksamt Neukölln auf Anfrage zunächst nicht, dafür die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt. Eine Sprecherin sagt, das Projekt sei am Montag auf der Webseite der infraVelo aufgetaucht, eine Tochtergesellschaft der landeseigenen Grün Berlin GmbH, die das Land Berlin unterstützt, neue Radinfrastrukturen zu schaffen und den Umweltverbund zu stärken.

Laut infraVelo sei es ein reines Bezirks-Projekt, da die Sonnenallee aber eine Hauptstraße sei, müsste die Senatsverwaltung involviert sein, so die Sprecherin, sie habe noch keine Rückmeldung aus Fachbereichen. Was auf den ersten Blick wirkt wie eine peinliche Verwaltungsposse um unklare Zuständigkeiten, trifft ein Riesenthema in Berlin: Wer hat Vorfahrt im Straßenverkehr? Autos, Öffentlicher Nahverkehr oder Fahrräder?

Die IGEB, die Interessengemeinschaft Eisenbahn, Nahverkehr und Fahrgastbelange Berlin e.V., vertritt Interessen des ÖPNV, aber auch der Radfahrer, wie IGEB-Mitglied Christian Linow auf Nachfrage sagt: „Es geht nicht darum, dass Auto zu verteufeln, jeder muss Kompromisse machen, um alles in Einklang zu bringen, damit alle Gewinner sind“, sagt er. Bei dem Projekt Sonnenallee hat er da seine Zweifel.

Zunächst nur bis Köllnische Heide, aber bald bis Hermannplatz?

Betroffen sind laut infraVelo zwar zunächst nur einige Hundert Meter auf der südlichen Sonnenallee zwischen dem S-Bahnhof Köllnische Heide bis zum Baumschulenweg und ehemaligem Mauerstreifen. Aber bei der intransparenten Verkehrsplanung sei nicht auszuschließen, dass die Radspur nach Nordwesten bis Hermannplatz verlängert werde, sagt Linow. Das ergebe sogar Sinn aus Sicht des Gesamtradwegenetzes.

Die Sonnenallee hat bis zu sechs Fahrstreifen, von denen zwei meist beparkt und vier befahren werden. Aus den kryptischen Plänen der infraVelo-Seite, die keine Karte anbietet, schließt die IGEB, dass der jeweils ganz rechte Streifen für Radverkehr reserviert und von einer offiziellen Parkspur geschützt werde. Dann bliebe für Bus- und Autoverkehr nur eine freie Spur, dabei sei die Linie M41 bereits überlastet.

Künftig sogar mehr Parkplätze statt neuer Tramlinie

„Wenn man jetzt Tatsachen schafft und sich alle mit der neue Flächenaufteilung arrangieren, wird es schwierig für eine Straßenbahn“, sagt Linow. Es könnte gar mehr offizielle Parkplätze geben als bisher. Der IGEB schwebt ein anderes Modell vor: „Wenn man jetzt hingegen schon eine künftige Straßenbahn in der Planung berücksichtigt, müsste man später nur noch Gleise legen, wo vorher eine Busspur war.“

Linow hat selbst Grafiken mit Entwürfen für eine neue Verkehrsstruktur in der Sonnenallee entworfen. Sein Traum wäre eine Straßenbahnlinie von Schöneweide bis Potsdamer Platz, welche die M41 ersetzt. Denn schon jetzt seien der Bus und die Linie 171 mit 50.000 bis 60.000 Fahrgästen täglich überlastet. Eine solche Tram hätte aber nichts mit der viel diskutierten Verlängerung der M10 bis zum Hermannplatz zu tun.

Am Dienstagnachmittag meldet sich schließlich das Bezirksamt und bestreitet auch gegenüber der Morgenpost die Zuständigkeit für das Projekt. Dann meldet sich die Senatsverwaltung für Verkehr, man habe den Hinweis der IDEG geprüft. Die BVG hätte keine Einwände gegen einen Radfahrstreifen. Allerdings sollen auf der Sonnenallee neue Bushaltestellen entstehen, auf dem Radfahrstreifen selbst. Diese solle der Bezirk schnellstmöglich planen und umsetzen, die Senatsverwaltung unterstütze ihn.

Ob damit das Thema Verkehr auf der Sonnenallee geklärt ist? Es dürfte sicher weiter gestritten werden.

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