Silvester-Krawalle

Warum es in der Gropiusstadt besonders eskalierte

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Nicole Dolif

Eine Spurensuche mit SPD-Politiker Marcel Hopp in seinem Wahlkreis, der gleichzeitig auch sein Zuhause ist.

Berlin.  Eine alte Dame zieht langsam einen Einkaufstrolley über den Rotraut-Richter-Platz direkt hinter der U-Bahnstation Wutzkyallee, ansonsten liegt der Platz mitten in der Gropiusstadt an diesem Vormittag wie ausgestorben da. Wären da nicht die liegengebliebenen Böller und Schreckschusswaffen-Patronen auf der kleinen Grünfläche und die notdürftig reparierten Scheiben am Döner-Imbiss Lara. Sie lassen noch vage erahnen, was sich hier in der Silvesternacht abgespielt hat. Imbiss-Chef Kenan Alkan ist noch immer geschockt, wenn er auf die Nacht angesprochen angesprochen wird. „Das war Ausnahmezustand“, sagt er, „so etwas habe ich noch nicht erlebt.“

Um Mitternacht sammelten sich rund 200 Jugendliche auf dem Platz vor dem Wutzky-Center, einige von ihnen griffen plötzlich den Imbiss mit Böllern an. Sieben große Scheiben gingen zu Bruch. Auch die herbeigerufenen Polizisten wurden attackiert, ein Beamter erlitt schwere Verbrennungen. „Auch zwei meiner Mitarbeiter wurden verletzt“, sagt Alkan, „sie können nicht mehr hören und müssen operiert werden.“ Bundesweit haben die Ausschreitungen in Berlin zum Jahreswechsel Schlagzeilen gemacht. In mehreren Bezirken griffen vor allem junge Männer Sanitäter, Polizisten und Feuerwehrleute mit Flaschen und Böllern an, errichteten brennende Barrikaden und lockten teilweise Rettungskräfte sogar gezielt in Hinterhalt.

Jedes zweite Kind lebt in Armut

Doch an kaum einem Ort eskalierte die Gewalt so sehr wie in der Neuköllner Gropiusstadt. Rund 37.000 Menschen leben in den Hochhäusern zwischen Britz, Buckow und Rudow. „Etwa jedes zweite Kind lebt hier in Armut“, sagt Marcel Hopp, bildungspolitischer Sprecher der SPD. Die Gropiusstadt ist sein Wahlkreis, aber sie ist auch sein Zuhause. Der 34-Jährige ist hier aufgewachsen und zur Grundschule gegangen. Er hat mit seinen Freunden die Sommerferien im Lipschitzbad verbracht und an verregneten Nachmittagen in den Gropiuspassagen und U-Bahnhöfen abgehangen. Später war er jahrelang Lehrer an der Clay-Oberschule, viele seiner Schüler kamen aus der Gropiusstadt. „Einige von ihnen waren bei der Randale wahrscheinlich sogar dabei“, sagt er.

Hopp lebt auch heute mit seiner Familie in der Gropiusstadt. Der Rotraut-Richter-Platz ist nicht weit von der Wohnung entfernt. Er steht vor dem Imbiss und betrachtet die zerstörten Scheiben. „Diese Ausschreitungen müssen natürlich Konsequenzen haben“, sagt Hopp. „So ein Verhalten ist nicht zu tolerieren.“ Es waren vor allem junge Männer mit Migrationshintergrund, die in der Silvesternacht über die Strenge geschlagen haben. „Dennoch stehen wir hier nicht vor einem reinen Migrantenproblem“, sagt Hopp, „das greift zu kurz und die Situation ist vielschichtiger.“

Kulturelle Unterschiede, Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit

Natürlich würden auch kulturelle Unterschiede eine Rolle spielen. Viele Familien seien patriarchisch geprägt, Gewalt gehöre dort oft zur Männlichkeit. Doch was seiner Meinung nach viel schwerer wiegt, ist die Perspektivlosigkeit, mit der die Jugendlichen in Neukölln aufwachsen. In beengten Verhältnissen, mit wenig finanziellen Mitteln. „Sie erfahren häufig schon früh Ausgrenzung und Diskriminierung“, sagt Hopp, „sie machen die Erfahrung, dass niemand richtig an sie glaubt.“ Aus seiner Grundschulklasse war er damals der einzige, der aufs Gymnasium kam. „Um die anderen hat sich einfach niemand gekümmert“, sagt er.

Hopp will damit die Ausschreitungen der Jugendlichen nicht rechtfertigen, aber er sucht nach Erklärungen für das Verhalten. „Nur dann können wir ja eine Lösung dafür finden“, sagt Hopp. Den von der Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) angekündigten Gipfel gegen Jugendgewalt findet er deshalb konstruktiv. „Da kommen Leute aus verschiedenen Bereichen zusammen, die unterschiedliche Sichtweisen einbringen“, sagt er, „so muss man da rangehen. Nur härtere Strafen allein bringen doch gar nichts.“

Nur vier Sozialarbeiter für ganz Neukölln-Süd

Der Weg von der Wutzkyallee zum Lipschitzplatz führt durch eine Grünanlage. Hopp schaut auf die Rasenfläche, überall liegen noch Patronenhülsen von Schreckschusswaffen herum. Kostenfreie, geheizte Räume, in denen die Jugendlichen auch einen Ansprechpartner finden, gibt es kaum. Stattdessen hängen die Jugendlichen allein in Parkhäusern und Treppenaufgängen herum. „Für Räume mit Sozialarbeitern müssen wir Geld ausgeben“ sagt Hopp. Im Gemeinschaftshaus am Bat-Yam-Platz nahe der U-Bahnstation Lipschitzallee haben die Straßensozialarbeiter von Gangway zwei Räume im Erdgeschoss. Die vier Streetworker sind für den gesamten Bereich Neukölln-Süd zuständig. Viel zu wenig, findet Hopp. Straßensozialarbeit ist Beziehungsarbeit, sie baut sich auf Vertrauen auf. „Da kann nicht einer sich um 200 Jugendliche kümmern“, sagt einer der Sozialarbeiter. Er ist sich mit seinen Kollegen einig, dass die Wurzeln für solche Gewaltausbrüche wie in der Silvesternacht nicht in der Flucht- oder Migrationsbiografie der Menschen liegen. Vielmehr müsse das Thema Männlichkeit im Mittelpunkt stehen. „In vielen Gewalthandlungen wird auch deutlich, wie wenig viele Männer mit Gefühlen wie Überforderung, Angst, Wut, Verzweiflung, Perspektivlosigkeit und Ohnmacht umgehen können“, schreiben sie in einer Stellungnahme. Hopp sieht das ähnlich. „Da muss auf jeden Fall viel passieren“, sagt er.

Die Schüler wissen, wer Randale gemacht hat

Es ist Mittagszeit. Aus dem U-Bahnhof Lipschitzallee treten drei Jugendliche. Sie haben große Pause und wollen schnell etwas essen. Hopp winkt ihnen, er kennt die drei, sie waren von der siebten bis zur zehnten Klasse seine Schüler. Ob sie an Silvester auch in der Gropiusstadt unterwegs waren? „Nein“, sagen sie, „aber wir kennen natürlich viele Leute, die dabei waren. Die geben auch noch immer damit an, was in der Nacht alles los war.“ Randale mache nun mal auch Spaß, erklärt der 17-jährige Erim und grinst. Wenn es aber um Angriffe auf Rettungskräfte geht, hört es für die drei auf. „Das darf nicht sein“, sagen sie. Wie es bei ihm sonst so laufe, fragt Hopp den Jungen mit der Kapuze über der Wollmütze . „Gut“, sagt er, „ich mache gerade Fachabi.“ Hopp strahlt überrascht. „Das ist ja toll“, sagt er. „Ich kenne aber einige solcher Beispiele“, sagt er. „Ein ehemaliger Mitschüler, der hier früher Tischtennisplatten in die Luft gesprengt hat, arbeitet heute erfolgreich in einem Handwerksbetrieb, das hätte damals niemand gedacht“, sagt er. Er ist überzeugt davon, dass es möglich ist, den Jugendlichen eine Perspektive zu geben. „Wir müssen uns nur darum kümmern“, sagt er, „und zwar möglichst schnell, denn das nächste Silvester kommt bestimmt.“