Inklusion

Trotz Barrieren feiern die Cocas ihr 60. Jubiläum

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Victoria Atanasov
Die Vorsitzende des Cocas Vereins Bärbel Reichelt eröffnet die Jubiläumsfeier.

Die Vorsitzende des Cocas Vereins Bärbel Reichelt eröffnet die Jubiläumsfeier.

Foto: Victoria Atanasov

Bis auf das Jubiläum gibt es für den Cocas Verein für Behinderte und Nichtbehinderte leider wenig Grund zu feiern.

Neukölln.  Seit 1962 trifft sich der gemeinnützige Verein Cocas - Club für Behinderte und Nichtbehinderte regelmäßig im Nachbarschaftsheim Neukölln (NHN). Kürzlich haben die Mitglieder und Freunde nun das 60-jährige Bestehen des Vereins gefeiert.

1962 gründeten Erika Mentz und vier weitere Schulabgänger der Sondertagesstätte mit Schule am Mariendorfer Weg in Neukölln den Selbsthilfeverein Cocas - Club für Behinderte und Nichtbehinderte. Für sie endete damals nach acht Jahren die Schule - früher als für nichtbehinderte Personen. Cocas nannten sie sich wegen der Coca Cola aus dem Automaten nebenan.

Vorsitzende Bärbel Reichelt kam mit 17 Jahren zum Verein, heute gehört sie zu den ältesten. Der erste Besuch bei den Cocas ist ihre erste Fahrt mit der U-Bahn nach Neukölln. Seitdem gab es 43 Reisen, Bockbierfest in der Hasenheide oder einfach Filmabende im Club Grenzallee. „Damals in den 60er und 70er Jahren gab es für behinderte Menschen eigentlich gar nichts”, sagt Vorsitzende Bärbel Reichelt, „wir mussten irgendwie sehen, wie wir klarkommen und uns in einer Gesellschaft behaupten, die nicht für Menschen mit Behinderung gemacht ist.“

Zahlreiche Aktionen gegen behindertenfeindliche Strukturen

Dabei ging es immer um mehr als nur sich zu behaupten. Wie für Bärbel Reichelt geht es den meisten auch um selbstbestimmtes Leben und behindertenpolitisches Engagement. Ob mit Tapetentischen auf der Karl-Marx-Straße oder Slogans wie „Wir sind blockiert, wir blockieren zurück” und einer Aktion mit etwa 50 Rollstuhlfahrern am Kranzler Eck am Kurfürstendamm. Ihre zahlreichen Aktionen richten sich bis heute gegen behindertenfeindliche Infrastrukturen, repräsentieren behindertenpolitische Interessen und sorgen für mehr Sichtbarkeit von behinderten Menschen.

Behindertenteilhabegesetz zu personenbezogen

Mit dem Behindertenteilhabegesetz (BTHG) wurden zwar mehr Beteiligungsrechte eingeführt- und das sei auch gut so - sagt Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung Christine Braunert-Rümenapf, die bei der Feier zu Gast ist. „Man muss sich aber auch immer die Strukturen anschauen. Ein Instrument zu haben, ist eine Sache, seine Wirksamkeit eine zweite und was daraus an Veränderungen folgt, das ist die dritte.”

Während das BTHG eher auf individuelle Anliegen von Behinderten abzielt, geraten Maßnahmen für eine inklusive Infrastruktur aus dem Blick. Diese sei momentan aber erst zu etwa 70 Prozent gewährleistet, so Reichelt. Einrichtungen wie Arztpraxen, Steuerbüros oder Kanzleien sind besonders unzugänglich. Die Suche nach einer barrierefreien Wohnung vergebens. Es ist aber oft bereits der Weg dorthin, der nicht barrierefrei ist.

Ohne Mobilität keine Teilhabe

Allein auf dem Weg vom U-Bahnhof Neukölln zum Nachbarschaftsheim am Körnerpark verhindern spätestens an der Karl-Marx-Straße Ecke Kirchhofstraße zwei hohe Bordsteinkanten den barrierefreien Übergang. Dazu kommt noch das unüberwindbare Kopfsteinpflaster.

Mobilität ist für behinderte Menschen weiterhin stark eingeschränkt. „Wir haben fast 6000 Berliner Bushaltestellen, die nicht barrierefrei sind und das Bordsteinabsenkungsprogramm ist im jetzigen Haushalt nicht weitergeführt worden”, sagt Braunert-Rümenapf.

„Bei weitem sind noch längst nicht alle Ampelanlagen entsprechend ausgebaut,“ erzählt Vereinsmitglied Benjamin Arta. Die viel zu kurzen Grünphasen kann man zum Beispiel an den Straßenüberquerungen am U-Bahnhof Britz Süd beobachten. Ein Dorn im Ohr seien ihm aber auch die in Ampeln installierten Signaltöne, die an einigen Stellen sehr bedrohlich klingen oder, wie er sagt, kurz vorm Explodieren seien.

Neukölln wird behindertengerechter

In Neukölln habe sich da aber doch schon so einiges getan, sagt Bezirksstadtrat Jochen Biedermann (Grüne): „Wir haben viel in Barrierefreiheit investiert. Es ist Standard, Fahrstühle einzubauen und öffentliche Gebäude barrierefrei zu machen.“ Bordsteinabsenkungen sind allerdings teuer und der Bedarf bei Neuköllns Straßendichte groß: „Wir haben in Neukölln 320 Kilometer Straße, das ist einmal von hier bis zur Ostsee.” Geduld ist da gefragt.

Wie synergetisch Raumplanung und Barrierefreiheit in Neukölln funktionieren kann, zeigt beispielsweise das Projekt „Barrierefreie Gropiusstadt”. Auch das Nachbarschaftshaus am Körnerpark wurde im September barrierearm umgebaut. In fast allen Neuköllner U-Bahnhöfen gibt es jetzt Fahrstühle - wäre nur schön, wenn sie auch funktionieren würden.

Viele Erfolge in Sachen Mobilität und Selbstbestimmung gehen auf das Engagement des Vereins zurück. „Wenn wir das nicht alles angeleiert hätten, ich weiß nicht, wo wir heute wären“, sagt Reichelt. Ein guter Grund, sich selbst zu feiern.

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