Kriminalität

Die Hermannstraße ist geprägt von kriminellen Clans

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Ob zu Schlägereien, Razzien oder sonstigen Einsätzen im Clan-Milieu: Die Berliner Polizei muss immer wieder in Neukölln anrücken (Archivbild).

Ob zu Schlägereien, Razzien oder sonstigen Einsätzen im Clan-Milieu: Die Berliner Polizei muss immer wieder in Neukölln anrücken (Archivbild).

Foto: Paul Zinken / dpa

Drogendelikte, Straßenkriminalität und Clans: Die Hermannstraße und der Hermannplatz in Neukölln sind Kriminalitätsschwerpunkte.

  • Die Hermannstraße in Berlin-Neukölln gilt als sogenannter kriminalitätsbelasteter Ort.
  • Laut Polizei wird der Bereich Hermannstraße/Bahnhof Neukölln maßgeblich durch Clan-Kriminalität sowie durch Straßenkriminalität und Betäubungsmittel-Handel geprägt.
  • Viele polizeibekannte Clan-Mitglieder wohnen dort.
  • Aktuelle Zahlen zeigen: Die Pandemie hatte auf die Kriminalität im Bereich Hermannstraße offenbar keine Auswirkungen.

Berlin. Dienstag in den Neukölln-Arcaden: Nachdem ein junger Mann gegen 15.20 Uhr in einem Drogeriemarkt beim Stehlen beobachtet wurde, zieht er ein Messer und bedroht den Sicherheitsmitarbeiter. Er kann festgenommen werden. Gegen 21.30 Uhr überfallen zwei bewaffnete Maskierte den Netto-Supermarkt auf der Sonnenallee, schlagen einen Mitarbeiter, nehmen Geld mit und entkommen unerkannt. Bereits um 17.30 Uhr musste die Feuerwehr eine brennende Turnhalle der Eduard-Mörike-Grundschule an der Stuttgarter Straße löschen, nachdem dort zwei Kinder gezündelt haben.

Die drei Vorfälle scheinen zwar miteinander nichts zu tun zu haben. Es zeigt jedoch exemplarisch einen Teil der Realität im Stadtteil Neukölln, der seit Jahren als Kriminalitätsschwerpunkt gilt. Im vergangenen Jahr registrierte die Berliner Polizei dort 27.497 Straftaten, das Dunkelfeld ist wahrscheinlich deutlich höher. Zwei Areale werden dabei als sogenannte kriminalitätsbelastete Orte (kbO) eingestuft: der Hermannplatz samt des südöstlich davon gelegenen Kiezes um die Donaustraße zwischen Sonnenallee und Karl-Marx-Straße und die Hermannstraße einschließlich des S- und U-Bahnhofs Neukölln.

„Der kbO Hermannstraße/Bahnhof Neukölln wird maßgeblich durch das Phänomen der Clankriminalität sowie durch Straßenkriminalität und Betäubungsmittel-Handel geprägt“, fasst die Polizei auf Anfrage zusammen. Polizeibekannte Clanmitglieder würden in diesem Bereich wohnen, Geschäfte und weitere Objekte ebenfalls „kbO-Bezüge“ aufweisen. In diesem Bereich führt die Polizei gemeinsam etwa mit dem bezirklichen Ordnungsamt und Zoll regelmäßige Gewerbe- und Verkehrskontrollen durch.

Hermannstraße in Berlin-Neukölln: Pro Tag mehr als zehn Straftaten

Die Pandemie hatte auf die Kriminalität im Bereich Hermannstraße offenbar keine Auswirkungen. Im Jahr 2020 erfasste die Polizei mit 4421 fast genau so viele Straftaten wie 2019 (4587). Im gerade abgelaufenen Jahr wird allerdings ein Rückgang zu verzeichnen sein. So wurden in den ersten neun Monaten lediglich 2843 Straftaten erfasst – 617 weniger als im Vorjahreszeitraum (3460). Zwischen Januar und September 2021 wurden damit jedoch immer noch im Schnitt mehr als zehn Straftaten pro Tag begangen.

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Der Rückgang ist in mehreren Bereichen sichtbar – etwa beim Ladendiebstahl. 246 entsprechende Delikte wurden zwischen Januar und September 2021 festgestellt und damit deutlich weniger als im Vorjahreszeitraum (461) und im Vergleichszeitraum 2019 (589). Ähnliches gilt etwa beim Taschendiebstahl. Nachdem die Fallzahlen von 2019 auf 2020 stiegen, war nun wieder ein Rückgang zu verzeichnen. Mit 170 Fällen in den ersten neun Monaten dieses Jahres sind es deutlich weniger als im Vorjahreszeitraum (245).

Beim Taschendiebstahl lassen sich dabei durchaus die Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 und im Winter 2020/21 ablesen. Danach stiegen die Zahlen allerdings nicht erneut an. Anders scheint es beim Ladendiebstahl, wo im vergangenen Jahr ein konstanter Rückgang auf einen Tiefstand zu verzeichnen war, es ab dem Sommer 2021 aber wieder einen deutlichen Anstieg gegeben hat. Relativ konstant bleiben die Zahlen hingegen beim Diebstahl an oder aus Autos sowie beim Betrug.

In Berlin gibt es sieben kriminalitätsbelastete Orte

Die Polizei hat innerhalb der Grenzen eines kbO weitreichendere Befugnisse als außerhalb. So dürfen die Beamtinnen und Beamten ohne konkreten Verdacht Ausweise kontrollieren sowie Personen und ihre Sachen durchsuchen. Kritiker monieren, dass es dadurch zu Racial Profiling kommt – also Menschen bestimmter Hautfarbe oder Ethnie besonders häufig kontrolliert werden. Die Linke fordert daher seit Jahren die Abschaffung. Aktuell ist die Videoüberwachung einiger dieser Orte im Gespräch.

Neben der Hermannstraße und dem Hermannplatz stehen fünf weitere Orte auf dieser Liste:

Um zu verhindern, dass Straftäter sich bewusst außerhalb aufhalten, werden die exakten Grenzen nicht genannt.

Kriterium für die Einstufung eines Bereichs als kbO ist, dass es dort vergleichsweise häufig zu Straftaten von erheblicher Bedeutung kommt – neben organisiertem Taschendiebstahl oder Drogenhandel zählen dazu auch Raub und vor allem Körperverletzungsdelikte.

Zwei Clan-Schlägereien innerhalb einer Woche

Beim Raub gab es im kbO Hermannstraße zuletzt einen Anstieg. So waren in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres mit 43 Fällen zehn mehr verzeichnet worden als im Vergleichzeitraum 2020. Und während die Zahlen der einfachen Körperverletzung rückläufig sind, scheinen die der gefährlichen und schweren zumindest auf gleichbleibendem Niveau im Vergleich zum Vorjahr zu bleiben.

Für Schlagzeilen sorgten zuletzt mehrere Auseinandersetzungen und Schlägereien im Clanmilieu im Nahbereich des kbO Hermannstraße. Zweimal infolge gingen Ende September und Anfang Oktober mehrere Männer vor einem Spätkauf an der Ecke Nogat- und Karl-Marx-Straße unter anderem mit Pfefferspray und Macheten aufeinander los – in einem Fall waren laut Polizei mehr als 100 Personen beteiligt. Inzwischen wurde reagiert: „Zur Verhinderung weiterer gewaltsamer Auseinandersetzungen wurden Präsenzmaßnahmen angepasst“, heißt es von der Polizei.