Neukölln

Heißt die Wissmannstraße bald Nduna-Mkomanile-Straße?

Drei Frauen kommen als neue Namensgeberin für die Neuköllner Wissmannstraße infrage. Die CDU lehnt das gesamte Verfahren ab.

Die Wissmannstraße in Neukölln ist überklebt: Die Initiative "Decolonize Berlin" will damit auf umstrittene Straßennamen hinweisen.

Die Wissmannstraße in Neukölln ist überklebt: Die Initiative "Decolonize Berlin" will damit auf umstrittene Straßennamen hinweisen.

Foto: Sibylle Haberstumpf

Nduna Mkomanile – wie wird denn das bloß ausgesprochen? „Tut mir leid, ich weiß es auch nicht“, gibt der Neuköllner Lokalpolitiker Gerrit Kringel (CDU) zu. Tatsächlich liest sich der Name Nduna-Mkomanile-Straße wirklich alles andere als eingängig. Trotzdem könnte die Wissmannstraße in Neukölln schon bald so heißen.

Weil der Kolonialist Hermann von Wissmann Massaker in Deutsch-Ostafrika befohlen haben soll, soll sein Name aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Das wurde schon 2019 von der Bezirksverordnetenversammlung in Neukölln beschlossen.

Gesucht wurde nun von einer eigens eingerichteten Jury eine neue Namensgeberin, die sich entweder besonders um den Bezirk verdient gemacht hat – oder Widerstand gegen koloniale und rassistische Strukturen geleistet hat. Letzteres hat Nduna Mkomanile vor mehr als 100 Jahren offenbar getan. Viel ist über die Frau aus dem heutigen Tansania nicht bekannt, nicht einmal ihr Geburtsdatum. Was aber überliefert ist: Im Jahr 1906 wurde sie beim Maji-Maji-Aufstand von Deutschen gehängt, gegen die sie sich zur Wehr gesetzt hatte.

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Wissmannstraße in Neukölln: 429 Vorschläge für einen neuen Namen

Nduna Mkomanile steht auf Platz eins der Jury. Der Name stelle sicher, dass die „Verbindung zum deutschen Kolonialrassismus“ erhalten bleibe, aber statt eines Täters eine Befreiungskämpferin geehrt werde, ist die Begründung dafür.

Der Name mache die Rolle von Frauen als Akteurinnen im antikolonialen Widerstand sichtbar und zeuge dem Engagement der tansanischen Community in Berlin Respekt, sagte Jurymitglied Mnyaka Sururu Mboro von „Berlin Postkolonial“.

Nduna Mkomanile war auch der Name, der bei allen eingereichten Vorschlägen am häufigsten fiel – 77-mal von 429 Ideen. Bei dem Projekt Straßenumbenennung sollte es auch um die Bürgerbeteiligung gehen. Neuköllner, Anwohner und Initiativen konnten ihre Ideen einbringen.

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CDU hält das Jury-Verfahren für „zweifelhaft“

Einig ist sich die Neuköllner Lokalpolitik in Sachen Wissmannstraße nicht. Die CDU-Fraktion kann mit den Jury-Vorschlägen nichts anfangen. „Wir lehnen das gesamte Verfahren ab, es ist ideologisch motiviert“, sagt Fraktionschef Kringel. Das Vorgehen der Jury sei zweifelhaft. „Es ist völlig intransparent, welche Anwohner nun eigentlich beteiligt wurden.“ Alle Anwohner seien es sicher nicht gewesen – dies hatte CDU zwar im Vorfeld erreichen wollen, doch ein entsprechender Antrag wurde in der Bezirksverordnetenversammlung abgelehnt.

Voll hinter der Jury steht indes die Grünen-Fraktion, die seit Jahren für die Umbenennung der Wissmannstraße kämpft. Samira Tanana erklärt: „Der Name des Kolonialverbrechers Wissmann wird durch eine ‘Woman of Color’ aus dem antikolonialen und antirassistischen Kontext ersetzt. So geht kritische Aufarbeitung von Kolonialismus und Erinnerungskultur im öffentlichen Raum.“

In ganz Berlin wird über Straßen-Umbenennungen diskutiert

Auf den Plätzen zwei und drei im Jury-Ranking landeten übrigens ebenfalls afrikanische Frauen: Die Wissmannstraße könnte auch nach Lucy Lameck (1934 bis 1993) benannt werden. Sie war eine der ersten weiblichen Abgeordneten im tansanischen Parlament, stellvertretende Ministerin für Kommunalentwicklung und Gesundheit und setzte sich für die Verbesserung der Position von Frauen ein.

Als dritter Vorschlag steht mit Fasia Jansen (1929 bis 1997) eine afro-deutsche politische Liedermacherin und Friedensaktivistin auf dem Zettel, die im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten zur Zwangsarbeit im Konzentrationslager Neuengamme gezwungen wurde. Sie erhielt 1991 das Bundesverdienstkreuz.

Straßen umzubenennen – in ganz Berlin nimmt die Diskussion darüber Fahrt auf. Bündnisse wie „Decolonize Berlin“ werfen die Frage auf, wie die Bezirke mit Namen umgehen sollen, die auf koloniale oder militaristische Geschichte verweisen oder rassistisch anmuten. Während bei der Mohrenstraße in Mitte oder der Onkel-Tom-Straße in Zehlendorf über eine mögliche Umbenennung bislang nur diskutiert wird, ist man in Neukölln bei der Wissmannstraße nur eben schon bedeutend weiter.

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Namen werden am 7. Oktober im Bildungsausschuss diskutiert

Welcher Name auf neue Straßenschilder gestanzt und auf Ausweisen, Verträgen und anderen Dokumenten sämtlicher Anwohner der rund 500 Meter langen Wissmannstraße geändert werden muss, steht aber trotzdem noch nicht endgültig fest. Entscheiden müssen noch die Bezirksverordneten. Doch es könnte schnell gehen. Die Namen werden im Ausschuss für Bildung, Schule und Kultur am 7. Oktober diskutiert. Danach könnte die Grünen-Fraktion einen Antrag für eine der nächsten Bezirksverordnetenversammlungen am 3., 11. oder 25. November stellen, so Sprecherin Jutta Brennauer.

Auch Bildungsstadträtin Karin Korte (SPD) sprach von „drei herausragenden Frauenpersönlichkeiten“, auf die sich Jury letztlich geeinigt habe. Aber noch einmal zum Jury-Favoriten Nduna Mkomanile: Könnten Schreibweise und Aussprache dieses Namens einige Anwohner sprachlich vor eine Herausforderung? Das sieht CDU-Mann Gerrit Kringel auf Nachfrage nicht als das Wichtigste an. „Aber es ist ein Faktor“, sagt der Fraktionschef.

Die Jury bestand aus drei Bewohnern der Wissmannstraße, dem Leiter des Museums Neukölln, Udo Gößwald, dem Kulturwissenschaftler Bernd Kessinger, Mnyaka Sururu Mboro vom Verein „Berlin Postkolonial“ und Anette Heit aus der Werkstatt der Kulturen. Wissenschaftlich geprüft wurden alle Namensvorschläge von Andreas Eckert, Direktor des Instituts für Asien- und Afrikawissenschaften der Berliner Humboldt-Universität.

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