Neukölln

Die neuen Pläne für Karstadt am Hermannplatz

Die abgerissenen Gespräche mit den Bezirken will die Signa mit einer neuen, öffentlichkeitswirksamen Initiative wiederbeleben.

Die  Eigentümer wollen das jetzige Kaufhaus aus den 50er-Jahren durch dieses Gebäude ersetzen, das an die Architektur der 20er-Jahre angelehnt ist.

Die Eigentümer wollen das jetzige Kaufhaus aus den 50er-Jahren durch dieses Gebäude ersetzen, das an die Architektur der 20er-Jahre angelehnt ist.

Foto: ChipperfieldArchitects

Berlin.  Vor gut einem Jahr hatte die österreichische Signa-Gruppe des Karstadt-Kaufhof-Eigners René Benko erstmals ihre Pläne für ein neues Karstadt-Gebäude am Hermannplatz vorgestellt. Die Aufregung war groß, das Vorhaben weckte sowohl im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, in dem das Gebäude steht, als auch im Bezirk Neukölln, an den es unmittelbar grenzt, Gentrifizierungs- und Verdrängungsängste.

Zuletzt war Anfang dieses Jahres im Neuköllner Stadtentwicklungsausschuss von dem 450-Millionen-Euro-Projekt zu hören, als Timo Herzberg, CEO von Signa Deutschland den Verordneten das Vorhaben präsentierte. Seitdem herrschte Funkstille – auch, weil der zuständige Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Florian Schmidt (Grüne) für die Signa nicht zu erreichen ist. „Das letzte Gespräch war im Oktober vergangenen Jahres, seitdem ist Herr Schmidt für uns nicht zu sprechen – seine Prioritäten sind offenkundig andere“, sagt Herzberg der Berliner Morgenpost. Die abgerissenen Gespräche will die Signa nun mit einer neuen, öffentlichkeitswirksamen Initiative wiederbeleben.

Karstadt am Hermannplatz: Neubaupläne wurden überarbeitet

Worum es dabei geht, stellt Signa-Projektmanager Thibault Chavanat vor. „Wir waren in den vergangenen Monaten nicht untätig, haben Einwände und Wünsche aus der Bevölkerung und aus der Politik aufgenommen und unseren Vorschlag entsprechend überarbeitet“, erläutert Chavanat. Um den Dialogfaden wieder aufzunehmen, werde Signa an diesem Montag im Internet das Informationsformat „Nicht ohne Euch“ starten. Auf einer neu gestalteten Homepage, auf Facebook, Twitter und auf Instagram präsentiert Signa nun das überarbeitete Konzept für das Projekt. Und hofft, dass die Kritiker in den Bezirksämtern und der Bevölkerung das Angebot wahrnehmen.

Denn nach wie vor, betonte Chavanat, bestehe dringender Handlungsbedarf: Karstadt habe am Hermannplatz in den vergangenen Jahren deutlich an Umsatz verloren. Um den Standort für ein Warenhauskonzept der Zukunft zu sichern, müsste der Komplex dringend zukunftsfähig gemacht werden.

Karstadt-Arbeitsplätze sollen gesichert werden

Daran ändert auch die Corona-Krise nichts. Die angeschlagene Kaufhauskette Galeria Karstadt Kaufhof hatte Anfang April ein sogenanntes Schutzschirmverfahren beantragt. Solche Verfahren bewahren in die Krise geratene Unternehmen vor dem Zugriff der Gläubiger, ohne dass die Betriebe bereits Insolvenz anmelden müssen. Ende Juni läuft das Verfahren aus. Bis dahin muss das Sanierungskonzept stehen, sonst rutscht die Warenhauskette in die Insolvenz.

Unter anderen Einsparungen und auch die Schließung von unrentablen Filialen sollen das verhindern. Die Schließung von Karstadt am Hermannplatz sei aber nicht geplant: „Unsere erklärten Ziele für die Entwicklung unseres Projekt am Hermannplatz sind die nachhaltige Sicherung des Warenhausstandortes und die Sicherung der bestehenden Arbeitsplätze“, so Geschäftsführer Herzberg.

Wie genau das gelingen soll und weitere Arbeitsplätze, die Realisierung bedarfsgerechter Nutzungskonzepte sowie eine frühzeitige Beteiligung der Anwohner an den Plänen für die Entwicklung des rund 14.000 Quadratmeter großen Grundstücks aussehen könnten, zeigt ein Flächenplan, den die Signa an diesem Montag ins Netz stellt (siehe Grafik). Unterteilt in vier Punkte stellt die Signa dort den jeweiligen Planungsstand vor. „Wir müssen jetzt über jeden einzelnen dieser Punkte mit der Politik diskutieren“, sagt Projektmanager Chavanat.

  • Punkt 1 „Das historische Fragment des alten Karstadt-Kaufhauses von 1929 soll, wie in einem Workshop mit dem Landesdenkmalamt verabredet, denkmalgerecht saniert werden“, so der Projektmanager. Zudem solle es künftig zu 100 Prozent für gemeinwohlorientierte Nutzungen, wie zum Beispiel für lokale Initiativen und Vereine, für Soziales und Bildungsangebote, für Familien oder für Kinder zur Verfügung stehen. Diese Flächen – insgesamt 3600 Quadratmeter Nutzfläche – würden zu angemessen Mieten angeboten, versichert Chavanat. Wie hoch genau die Miete sein soll, könne er heute noch nicht sagen, schließlich werde das Gebäude voraussichtlich erst in fünf Jahren vermietet werden.
  • Punkt 2 Auch der zum Signa-Immobilienkomplex gehörende angrenzende Altbau, in dem heute im Erdgeschoss Büro- und Lagerflächen für Karstadt sowie in den oberen Etagen acht Wohnungen untergebracht sind, wolle man denkmalgerecht sanieren, so der Projektmanager weiter. Geplant seien auf 1500 Quadratmetern bezahlbare Mietwohnungen in gemeinnütziger Trägerschaft. Von den Wohnungen stünden aktuell drei leer. Mit den Bewohnern der anderen fünf Wohnungen, ehemaligen Karstadt-Mitarbeitern, werde man zu einvernehmlichen Lösungen kommen, ist Chavanat überzeugt.
  • Punkt 3 „Das ist unser direktes Angebot an die Berliner“, betont der Projektmanager. Vorgesehen sei ein öffentlicher Ideenwettbewerb für Hoffläche, die mit 7000 Quadratmeter die Hälfte des gesamten Areals umfasst. Dort, wo heute noch die Anlieferung und das „bestenfalls zu 50 Prozent ausgelastete“ Parkhaus den Platz belegen, könnte „eine typische Berliner Mischung mit Gewerbe entstehen. Parkplätze und Anlieferung sollen dagegen in den Untergrund verbannt werden. „Wir haben die gelbe Fläche in unserer Illustration extra als Baustelle mit einem Kran gekennzeichnet, weil wir deutlich machen wollen, dass wir ein riesiges Potenzial für tolle neue Ideen sehen, die in einem offenen und konstruktiven Austausch entstehen können“, sagt Chavanat. Laut Flächennutzungsplan ist hier bislang eine fünf- bis sechsgeschossige Bebauung vorgesehen.
  • Punkt 4 Das eigentliche Herzstück der Planungen ist und bleibt allerdings das Karstadt-Gebäude, das Signa in seiner jetzigen, aus den 1950er-Jahren stammenden Form abreißen und, angelehnt an das historische Warenhaus, mit der Architektur der 1920er-Jahre wieder errichten möchte. Karstadt und seine Untermieter, die heute über rund 30.000 Quadratmeter Verkaufsfläche verfügen, sollen in einer „zukunftsfähigen Größe“ bestehen bleiben. Zusätzliche Flächen für Einzelhandel seien jedenfalls nicht geplant. In den Geschossen über dem Warenhaus sollen Gewerbe- und Büroflächen entstehen. Darüber hinaus ist eine öffentliche Dachterrasse mit Gastronomie-, Kunst- und Kulturangeboten geplant.

„Nur zusammen mit der gewachsenen Struktur im Kiez kann ein Karstadt der Zukunft funktionieren“, so Herzberg weiter. Bei der weiteren Konkretisierung der Ideen und Vorstellungen setze Signa deshalb weiter auf den Austausch mit der Politik, den Behörden, den Beschäftigten von Karstadt, den lokalen Gewerbetreibenden und den Anwohnern. Signa gehe von einem Diskussionsprozess mit Bürgerbeteiligung bis Ende dieses Jahres aus. Würden die Pläne wie von Signa geplant realisiert, würde dies eine Erhöhung der bisherigen Geschossfläche um rund 20 Prozent bedeuten, ein neuer Bebauungsplan ist also zwingend erforderlich. „Dieser dauert in Berlin mindestens zwei Jahre. Der Neubau würde dann drei bis vier Jahre dauern“, ergänzt Chavanat.