Neukölln

Bewohner des „Luftbrückenhaus“ kämpfen gegen Verkauf

Ein unbekannter Investor hat den Wohnblock am Tempelhofer Feld gekauft. Die Mieter sind beunruhigt – auch wegen der Corona-Lage.

Das gelbe Haus an der Leine- Ecke Oderstraße in Neukölln. „Luftbrückenhaus“ wird es von vielen Berlinern bis heute genannt.

Das gelbe Haus an der Leine- Ecke Oderstraße in Neukölln. „Luftbrückenhaus“ wird es von vielen Berlinern bis heute genannt.

Foto: Nina Kugler

Berlin.  Es ist ein Wohnblock, den jeder Berliner kennt: das gelbe Haus an der Leine- Ecke Oderstraße in Neukölln, einst als das Symbol der Luftbrücke bekannt. „Luftbrückenhaus“ wird es von vielen Berlinern bis heute genannt. Es liegt am östlichen Ende des Tempelhofer Felds, am Anita-Berber-Park. Doch die Bewohner bangen um ihr Zuhause – denn das Haus wurde an einen unbekannten Investor verkauft.

Früher, so erzählen alteingesessene Mieter, konnten sie den Piloten der landenden Flugzeuge zuwinken, es roch nach Kerosin. Heute leben sie an einer der größten innerstädtischen Freiflächen der Welt. Diese einmalige Lage lockt Investoren und Spekulanten an. Denn längst haben die Mieten hier im hippen Schillerkiez ein Niveau erreicht wie am Viktoria-Luise-Platz in Schönberg.

Modernisierungsmaßnahmen in den vergangenen Jahren

„In den vergangenen Jahren hat es schon viele Modernisierungsmaßnahmen im Haus gegeben“, erzählt Sabrina, Anwohnerin und Sprecherin des Mieterzusammenschluss von „LeineOderBleibt“, am Telefon. „Das hat schon dazu geführt, dass viele Nachbarn ausgezogen sind.“

Doch nun wurde der gesamte Wohnblock verkauft. Am 14. Februar lag in jedem der 164 Briefkästen des Hauses, in dem mehr als 320 Berliner leben, ein Schreiben vom Bezirksamt. Man müsse der Hausgemeinschaft mitteilen, dass ihr Wohnblock verkauft worden sei. Der Bezirk prüfe daher das Vorkaufsrecht, heißt es in dem Schreiben.

Verkauf trotz Milieuschutzverordnung

Denn das Haus liegt im Milieuschutzgebiet im Schillerkiez, ein Vorkauf ist möglich. Zwar ist es hier eigentlich grundsätzlich untersagt, Miet- in Eigentumswohnungen umzuwandeln, Wohnungen mit einem höheren Standard zu modernisieren oder kleinere Wohnungen zusammenzulegen. Aber eben oft nur eigentlich.

Fälle wie der an der Leine-/Oderstraße kommen trotzdem regelmäßig vor. Denn eine Ausnahme im Bundesrecht führt in der Praxis dazu, dass auch in Milieuschutzgebieten regelmäßig Häuser umgewandelt werden. Und zwar dann, wenn sich die neuen Eigentümer verpflichten, sieben Jahre nur an die ursprünglichen Mieter zu verkaufen – dann muss die Umwandlung genehmigt werden.

„Trotz Corona-Zeiten versuchen wir unsere Vorkaufsrechtsprüfungen so gut wie möglich aufrechtzuerhalten“, teilt Neuköllns Baustadtrat Jochen Biedermann (Grüne) mit. „Dabei sind wir aber natürlich immer auch auf Partner, wie zum Beispiel städtische Wohnungsbaugesellschaften oder Genossenschaften, angewiesen, die als vorkaufsrechtsbegünstige Dritte zur Verfügung stehen müssen.“ Die Vorkaufsrechtsfrist endet am 14. April. Bis dahin müssen die Anwohner weiter um ihr Zuhause bangen.

Investor ist unbekannt, Spur führt nach Luxemburg

Die Bewohner, so berichtete es Sabrina, wissen noch nicht einmal, wer ihren Wohnblock gekauft hat. „Der Investor ist bisher unbekannt und verdeckt seine Identität im Grundbuchamt durch eine Sperrung des Grundbucheintrags.“ Dies sei nochmals eine neue Verschärfung der Methoden von Investoren, meint Sabrina und erzählt, dass die Hausgemeinschaft recherchiert hätte, wer der neue Eigentümer sei. „Eine Spurt führt zu einer Firma mit Sitz in Luxemburg ist. Der Käufer ist angeblich Teil eines komplizierten Konstrukts beziehungsweise verzweigten Netzwerks. Das beunruhigt uns natürlich sehr, denn das deutet auf einen aggressiven Investor hin.“

Am vergangenen Wochenende standen daher viele der Bewohner der Häuserblocks auf ihren Balkonen oder an den Fenstern und trommelten gegen den Verkauf. „Kiez-Scheppern“ nennen sie das. „Viel bleibt uns ja in Corona-Zeiten auch nicht mehr übrig“ sagt Sabrina. Sie erzählt, dass sich viele Bewohner hilflos fühlen würden, „weil man jetzt nicht mal mehr einen richtigen öffentlichen Prostet veranstalten kann.“ Corona, sagt Sabrina, sei sowieso schon für alle Menschen besorgniserregend. „Für uns kommt jetzt noch der Verkauf unseres Hauses hinzu. Für uns ist also sowohl unsere kurz-, wie auch unsere langfristige Zukunft unklar und beängstigend.“