Engagement

Geschlossen wegen Coronavirus: Gäste retten Posh Teckel

Wegen des Virus schließen Judith Schmitt und Bernd Ehnes ihr Lokal. Damit es überlebt, sammeln ihre Fans überraschend für die Miete.

Von der Hilfsaktion überrascht: Bernd Ehnes und Judith Schmidt, Betreiber des „Post Teckel“.

Von der Hilfsaktion überrascht: Bernd Ehnes und Judith Schmidt, Betreiber des „Post Teckel“.

Foto: Privat

Berlin. Bernd Ehnes hatte die Gefahr vorausgesehen. „Die Katastrophe rückte spürbar näher“, sagt er. Seit der vergangenen Woche verfolgte der Co-Chef der Neuköllner Hipster-Bar „Posh Teckel“ die Übertragungen der Bundes-Pressekonferenzen und das, was die entscheidenden Minister in Talkshows sagten. „Irgendwann habe ich auch bei unserer Brauerei angefragt, ob man uns im Ernstfall entgegenkommen würde“, sagt der 41-Jährige. Als dann aber das Bar-Verbot tatsächlich am Sonnabend verhängt wurde, gab es finanzielle Rettung aus ganz anderer Richtung, als Ehnes und Partnerin Judith Schmitt erwartet hatten. Von den Gästen.

Der „Posh Teckel“ wurde vor bald fünf Jahren eröffnet. Für das 30-Plätze-Lokal an der Neuköllner Pflügerstraße 4 hatte sich Schmitt in den Pubs von Manchester inspirieren lassen. Stylishes Interieur, rare Band-Souvenirs auf Bar und Regalen und die Musik der Großen des englischen Gitarren-Pop ziehen Stammgäste an, die mit diesem Sound in den 80er- und 90er-Jahre aufgewachsen sind. Ihre Hilfsaktion kündigten sie Ehnes mit entsprechend britischer Höflichkeit an.

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Nach Corona weiterzechen

„Ein guter Bekannter aus dem Teckel fragte telefonisch, ob wir etwas dagegen hätten, wenn Gäste für uns sammeln“, sagt Ehnes. Aufwand und Dimension der Aktion habe er da noch gar nicht vorausgesehen. Kurz darauf konnten Follower des Pubs online den Spendenaufruf lesen: Harte Zeiten stünden Schmitt und Ehnes bevor. „Wir können bald unsere Lohntüten nicht mehr bei Judith und Bernd (...) lassen.“

Das habe zur Folge, dass sie ihre Mieten für Bar und ihre darüber liegende Wohnung sowie die laufenden Kosten nur schwer bezahlen könnten. Auch den beiden Barkeepern stünden Ausfälle bevor. Beherzter Appell der Stammgäste: „Lasst uns ‘nen Euro auf die Theke legen, damit wir nach dem Shutdown wieder an der einzig wahren Theke sitzen können.“

„Das war sehr rührend“

Der Aufruf blieb nicht ungehört. Bis Dienstagabend waren online 1700 Euro zusammen gekommen. „Da gab es wohl eine Menge Leute, denen der Laden sehr am Herzen liegt“, sagt Ehnes. „Das war sehr rührend.“

Die Aktion war die Lösung eines Dilemmas für Ehnes-Schmitt. Als Betreiber eines Lokals hatten sie zuletzt bei schlechtem Gewissen gearbeitet. Einerseits konnten sie es sich nicht leisten, den Betrieb einzustellen. Anderseits leben sie davon, Menschen zusammen zu bringen - was in Coronazeiten für Gäste und Personal gefährlich ist. „Wir fühlten uns als Teil des Problems“, sagt Ehnes. Als Wirtschaft mit Speisen hätte der Teckel offen bleiben können. Schmitt und Ehnes entschieden sich dagegen.

Eigenwillige Persönlichkeiten

Finanzielle Unterstützung für den Schritt bekommen sie nicht allein von den Gästen des Lokals. Schmitts Faible für Dackel ist über Berlins Grenzen hinweg bekannt. Der Name ihres Lokals heißt etwa „piekfeiner Dackel“. Auf Bildern zeigt sie online mit - natürlich wieder - britischer Exzentrik skurril inszenierte Fotos ihres Dackels Ella. Jährliche Dackeltreffen der Bar-Chefs, bei denen auch öffentlich promeniert wird, ziehen neben Berliner Fans so eigenwillige Persönlichkeiten wie Vertreter des Dackelmuseums Passau und jenen Winzer aus Rheinhessen an, der „Dackelwein“ produziert. Zur Hand voll Gerichten, die Franke Ehnes in der Bar serviert, zählen neben dessen heimischen Schäufele und gebackenem Karpfen auch Pommes frites in Dackelform. „Dackel-Freunde, die die Bar möglicherweise gar nicht kennen, spendeten ebenfalls“, sagt er.

Die Summe reiche ersteinmal, um die Mieten für den April zu zahlen. Schmitt-Ehnes müssen kurzfristig kalkulieren, für Rücklage reiche der Umsatz nicht, was manchen verwundern mag, der die umfangreiche Berichterstattung über Bar und Paar kennt. „Die öffentliche Wahrnehmung ist schizophren“, sagt Ehnes. „Wir sind eine Bar mit 30 Sitzplätzen, aber alle Welt denkt, wir hätten da eine Gelddruckmaschine.“

Hunderttausenden geht es ebenso

Langfristig sind die Geldsorgen jetzt nicht fort. Auch die jetzt diskutierten günstigen öffentlichen Kredite für Gastronomen wie ihn würden das Problem nur aufschieben. Die von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) erwogene Schaffung eines Fonds für Unternehmen, die angesichts der verschärften Corona-Lage ihre Miete nicht mehr zahlen können, hält Ehnes für die richtige Antwort auf die Krise.

Während die Unterstützung der Teckel-Fans ihn und Schmitt sogar ein wenig optimistisch stimme, sagt Ehnes: „Menschen mit Unternehmen, die jetzt dieselben Zukunftssorgen haben wie wir gibt es im Land zu Hunderttausenden. Wenn denen nicht geholfen wird, verlieren die vollends das Vertrauen in die Politik. Und das wäre nicht mehr umkehrbar.“

Bis die Hilfe von außen kommt, finden Ehnes und Schmitt andere Wege, um sich zu ihren Gästen zu gesellen. Zum Beispiel über das Internet. Das sonntägliche Pop-Quiz, bei denen die Besucher tischeweise gegeneinander antreten findet jetzt online statt (Anmeldung unter Facebook: „Welcome to the working week“). Der allwöchentliche Siegerpreis allerdings ist ausgesetzt bis das Virus niedergekämpft ist und die Quiznacht in den Posh Teckel zurück kehrt: Alle Getränke für den Siegertisch gehen dann wieder aufs Haus.