Street-Art

Wie Klebe-Kunst aus Neukölln die Welt erobert

Die Berliner Street-Art-Gruppe „TapeOver“ nutzt Klebeband für ihre Kunst – und ist damit weltweit sehr erfolgreich.

Robert König und Lamia Michna von „TapeOver“ in ihrem Kunstatelier an der Jonasstraße.

Robert König und Lamia Michna von „TapeOver“ in ihrem Kunstatelier an der Jonasstraße.

Foto: David Heerde

Neukölln gilt als hippster Bezirk Berlins. Nicht zuletzt, weil sich unzählige Künstler hier angesiedelt haben. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Bezirken gibt es hier noch bezahlbare Räume. Diese Erfahrung haben auch Lamia Michna (32) und Robert König (42) von der Kunst-Gruppe „TapeOver“ gemacht. Ursprünglich hatten sie ihr Atelier in Kreuzberg. „Aber die Mieten sind dort so sehr gestiegen, irgendwann mussten wir raus“, sagt Robert König.

Wirklich traurig scheint der Wahlberliner darüber aber nicht zu sein. Denn seit Anfang des Jahres haben er, Lamia Michna und die Truppe von „TapeOver“ – sie sind insgesamt zehn – ihr Studio in einem ehemaligen Prachtsaal an der Jonasstraße in Neukölln. Meterhohe Atelierräume, stuckverzierte Decken, antike goldene Engel an den Wänden.

„Das ist schon ein Schatz“, sagt Robert König und lächelt. Insgesamt fünf Mitglieder haben hier ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt, die anderen fünf schwirren durch die Welt.

Ihr Studio war eine Tanzbar, dann eine Tanzschule

In dem Prachtsaal, in dem in den 20er-Jahren ausgelassene Feiern stattfanden und ab Ende der 30er-Jahre eine Tanzschule ihr Zuhause hatte, haben deshalb heute noch acht weitere Künstler ihren Arbeitsplatz gefunden.

Zusammenarbeiten, sich austauschen, bei Projekten Hilfeleistung geben – an der Jonasstraße hat sich ein waschechtes Künstlerkollektiv zusammengefunden, das Kunst aus Neukölln in die ganze Welt bringt. Genauer gesagt: Klebekunst. „Anstatt Farbe benutzen wir Klebeband“, erklärt König. Und damit ist „TapeOver“ äußert erfolgreich.

Dabei haben Lamia Michna und Robert König ganz klein angefangen. Beinahe romantisch klingt das Kennenlernen der beiden „Tape-Over“-Gründer: König sah Michna vor etwas mehr als zehn Jahren, als sie auf der Oberbaumbrücke tapte, und war schwer angetan von ihrer Kunst. Kurze Zeit später lernten sie sich dann privat über Freunde kennen – und produzieren seitdem gemeinsam Kunst.

Für Mercedes setzten sie ein Coupé in Szene

Vieles haben sich die beiden selbst beigebracht. Welches Klebeband hält besonders lange auf Asphalt, welches an Schaufenstern? „Das lernt man dann schon mit der Zeit“, sagt König. Auf die Berliner Kulturförderung hat „TapeOver“ bisher übrigens noch nie zurückgegriffen. „Wir finden zwar toll, dass es so etwas gibt. Aber wir sind auch stolz darauf, dass wir es bisher immer allein geschafft haben.“

Der erste große Auftrag kam nach zwei Jahren, erinnert sich König. Mercedes wollte bei einer Ausstellung ein Coupé besonders in Szene gesetzt bekommen. Seitdem läuft das Klebe-Geschäft für „TapeOver“ so gut, dass Lamia Michna und Robert König von ihrer Kunst leben können. 70 bis 80 Aufträge, so schätzen Lamia Michna und Robert König, hat die Künstlergruppe nun jedes Jahr. Weltweit.

Schwieriger Spagat zwischen freier Kunst und Werbung

In Peking Schaufenster bekleben, im Senegal in Kooperation mit dem Goethe-Institut mit Straßenkindern tapen oder in Davos eine Bar verschönern – für die „TapeOver“-Crew gehört das längst zum Alltag. Jedoch, so die beiden Gründer, brauche es auch immer wieder Zeit für Kreativität.

Im August beispielsweise nehme man deshalb keine Aufträge an, sondern konzentriere sich auf die kreative Arbeit – häufig im Austausch mit anderen Streetart-Künstlern. „Wir brauchen das, auch um unsere Akkus mal aufzuladen“, sagt Lamia Michna.

Denn der Spagat zwischen Kunst und Werbeaufträgen sei nicht immer ganz einfach. Lamia Michna: „Ich finde unsere Kunst, die als Werbung verwendet wird, sehr ästhetisch. Das schaut man sich doch viel lieber an als große Werbeplakate.“

Der Laden „Klebeland“ in Wittenau weiß, was Künstler wollen

Dass Tape-Art ausgerechnet in Berlin einen so großen Erfolg hat, liegt, fragt man Michna und König, übrigens am Laden „Klebeland“ in Wittenau. Einzigartig in ganz Deutschland sei der, schwärmen beide. Den Markt teilen sich „TapeOver“ mit nicht minder bekannten Gruppen wie beispielsweise „Klebebande“, die jedes Jahr das „Berlin Mural Fest“ mitorganisiert.

Wie geht es weiter mit „TapeOver“? „Wir haben uns jetzt als Crew optimal gefunden, es gibt nie Streit, wir kommen super miteinander klar, und jeder kann das machen, was er will“, sagt König. Er habe Sorge, dass sich das ändern könnte, würden mehr Künstler hinzukommen. Trotzdem wolle man auch künftig bei bestimmten Projekten kooperieren, so Michna. So bleibt auch mehr Zeit für Herzensprojekte.

Die Augen von Lamia Michna leuchten, als sie beispielsweise von dem Auftrag erzählt, den sie 2018 von der Dresdner Semperoper bekommen haben. Sie durften das Bühnenbild von „Alice im Wunderland“ designen. „Wahnsinn, dass man in der klassischen Kunstszene so anerkannt wird“, sagt Michna. Fast eineinhalb Jahre Planung waren nötig, bis alles passte. Das Stück sei sechsmal gelaufen, und jede Vorstellung sei ausverkauft gewesen, erzählt die Gründerin. „Und im Frühjahr wird es wieder aufgenommen.“