Werksschließung

Haupt Pharma schließt Werk: 160 Arbeitsplätze bedroht

Schon lange über den Verkauf oder die Schließung diskutiert, nun steht fest: Das Werk in Neukölln soll Ende 2020 schließen.

Das Neuköllner Werk von Haupt Pharma muss Ende 2020 schließen.

Das Neuköllner Werk von Haupt Pharma muss Ende 2020 schließen.

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

Berlin. Nach mehr als 80 Jahren ist Schluss: Das Neuköllner Werk von Haupt Pharma muss Ende 2020 schließen. Und bis zu 160 Beschäftigte verlieren ihre Arbeitsplätze. Am Montag demonstrierten dagegen vor dem Werk in Britz rund 80 Arbeiter und Gewerkschaftsvertreter.

Der Aufsichtsrat der Aenova Group beschloss im September, das Neuköllner Traditionsunternehmen, das Aenova erst Anfang 2014 übernahm, zum 31. Dezember 2020 komplett stillzulegen. Die Niederlassung in Britz gehört zum Aenova Konzern, eines der weltweit führenden Unternehmen der Pharma- und Healthcare-Branche.

Ein Sprecher der Aenova Group teilte der Berliner Morgenpost mit: "Der Standort in Berlin schreibt seit mehreren Jahren hohe Verluste und ist nicht mehr wirtschaftlich weiterzubetreiben. Mehrfache Versuche, das Werk zu verkaufen, sind gescheitert." Man verhandele nun mit Vertretern der Arbeitnehmerseite, um eine möglichst sozialverträgliche Lösung zu finden.

Schließung trotz Lieferengpässe

„Es gibt für die Schließung von Haupt Pharma keine nachvollziehbaren Gründe“, kritisierte die Gewerkschaftssekretärin der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Elke Swolinski. „Wie unverantwortlich ist es, Pharmaunternehmen in Zeiten von Lieferengpässen bei Medikamenten zu schließen“, so die Gewerkschafterin weiter. Die Kernkompetenz in Neukölln liegt laut Unternehmensangaben in Pulvertechnologie und Verpackung.

Laut einer aktuellen Berechnung des Deutschen Arzneiprüfungsinstituts (DAPI) waren allein im ersten Halbjahr 2019 schon 7,2 Millionen Medikamente Deutschlandweit nicht verfügbar. Im Gesamtjahr 2018 waren es 9,3 Millionen Packungen; im Jahr 2017 waren es dagegen nur 4,7 Millionen Medikamente gewesen.

Pharmakonzerne lagern Produktion aus Kostengründen aus

Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) nennt als Grund unter anderem die Rabattverträge mit den Kassen und den damit verbundenen Preisdruck als wesentliche Faktoren für das Problem. Gerade wenn Kassen „nur mit einem einzigen Hersteller Rabattverträge schließen, ist die Gefahr von Lieferengpässen hoch“, so BAH-Sprecher Christof Weingärtner. Aus Kostengründen lassen viele Pharmaunternehmen ihre Medikamente in Schwellenländern wie China oder Indien produzieren. Tritt in einer dieser Fabriken, die Firmen in aller Welt beliefern, ein Problem auf, kommt es schnell zu Engpässen.

Bereits seit 2016 wurde über einen möglichen Verkauf oder gar die Schließung des Werks immer wieder spekuliert. Im Sommer 2018 wurde dann aber erstmalig ein Tarifvertrag für die Beschäftigten der Haupt Pharma unterzeichnet. Die IG BCE teilte damals noch mit: „Die Kolleginnen und Kollegen vor Ort haben mit dem Tarifvertrag eine klare Perspektive.“ Diese Perspektive gibt es schon eineinhalb Jahre später nicht mehr.

Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) sagte: "Die angekündigte Schließung des Unternehmens stürzt die Belegschaft natürlich in Ungewissheit über ihre Zukunft. In den letzten Jahren und Monaten haben sowohl BerlinPartner als auch das Bezirksamt Neukölln das Unternehmen umfassend unterstützt, um den Standort zu halten - von der Unterstützung bei der Qualifizierung der Belegschaft bis hin zu noch besserer Netzwerkarbeit. Ich werde auch weiterhin mit dem Unternehmen sprechen, um alle Optionen zu prüfen."

In Europa sei das Unternehmen nach eigenen Angaben Marktführer bei der Entwicklung, Herstellung und Vermarktung von Arznei- und Nahrungsergänzungsmitteln. Aenova ist mit insgesamt 22 Standorten in acht europäischen Ländern, Asien und den USA vertreten. Die Unternehmensgruppe beschäftigt weltweit mehr als 4500 Mitarbeiter bei. Im Geschäftsjahr 2018 erwirtschaftete das Unternehmen ein Umsatz von rund 730 Millionen Euro.

Zweiter Großkonzern schließt Werk in Neukölln

Es ist die zweite Werksschließung binnen weniger Monate, die Neukölln trifft. Erst im Frühsommer teilte der Tabakkonzern Philip Morris mit, sein Werk an der Neuköllnische Allee Anfang 2020 zu schließen. Von der Schließung des Werks in Neukölln sind 950 von 1050 Arbeitsplätzen betroffen. Lediglich 75 Beschäftigte werden am Standort Berlin verbleiben. Etwa 25 Arbeitsplätze werden zudem in die Verwaltung nach Dresden sowie Gräfelfing bei München ausgegliedert.