Kriminalität

Wie Neukölln jetzt Intensivtäter enger betreuen will

Neuköllns Stadtrat Falko Liecke will verstärkt mit jugendlichen Intensivtätern arbeiten. Dazu braucht er die Zustimmung der Eltern.

Neuköllns Stadtrat Falko Liecke (CDU) will Jugendlichen in die Legalität zurückführen.

Neuköllns Stadtrat Falko Liecke (CDU) will Jugendlichen in die Legalität zurückführen.

Foto: Sergej Glanze

Berlin. Als sich Ende September in Neukölln zwei Jugendliche in einem Leihwagen eine Verfolgungsfahrt mit der Polizei lieferten, saß hinter dem Steuer der 16-Jährige O. Er ist den Behörden in Neukölln bestens bekannt. Sozialarbeiter sagen, wenn O. jetzt keine intensive Betreuung bekommt, wird er später mal ein Intensivtäter werden. Noch sei es aber nicht zu spät.

Fälle wie der von O. sollen in Neukölln in Fallkonferenzen besprochen werden. An einem Tisch sitzen dann Polizei, Jugendamt, Schulamt und Staatsanwaltschaft. Bevor die Behörden aber über Fälle wie den von O. sprechen dürfen, brauchen sie aus Datenschutzgründen die Einwilligung der Eltern. Im Fall von O. ist das Umfeld einer der bekanntesten Clans Neuköllns, die unter anderem auch mit dem Raub der Goldmünze aus dem Bode-Museum in Verbindung gebracht werden.

Fallkonferenzen sollen sich in Neukölln mit Intensivtätern befassen

In der Praxis sieht das dann so aus, dass der Bezirk bei der Familie anfragt, ob man auch über den Sohn, der auf dem besten Weg ist, ein Intensivtäter zu werden, in einer Fallkonferenzen sprechen dürfe. Bei O. haben die Eltern diese Zustimmung tatsächlich gegeben. Der Neuköllner Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU) sagt, dass keine Familie möchte, dass die eigenen Kinder kriminell werden.

Aktuell gibt es in Neukölln etwa 50 kiezorientierte Mehrfachtäter, Schwellentäter (fünf Straftaten und mehr) und Intensivtäter (mehr als zehn Straftaten). Diese Zahl ist seit Jahren konstant. „Wir werden uns von 50 jetzt die fünf bis zehn intensivsten Fälle rausziehen und dazu Fallkonferenzen machen“, sagt Liecke. Der Fall O. sei der Start der neuen Vorgehensweise. „Jetzt geht es darum, alle Eingriffsmöglichkeiten zu prüfen, damit er wieder auf einen guten Weg kommt“, sagt Liecke.

O. wird bereits sehr eng von einem Sozialarbeiter betreut. In Neukölln gibt es dafür die AG Kinder- und Jugendkriminalität. „Wir konkurrieren mit der Rolex und dem schnellen Mercedes. Und wir können mit einer Busfahrerausbildung nicht wirklich dagegen halten. Jedenfalls nicht aus Sicht dieser Jugendlichen“, sagt Liecke der Berliner Morgenpost. Man sei aber gut aufgestellt, wenn es darum gehe, auch schwierigen Fällen eine Perspektive zu geben. „Für die Kinder der Clans brauchen wir aber vor allem den Druck von allen Seiten. Wenn es maximal unattraktiv ist, kriminell zu werden, dann sind die Alternativen, die wir anbieten können, zunehmend verlockend“, sagt Liecke.

22 kriminellen Jugendlichen eine Perspektive geboten

Seit dem Beginn der Arbeit der AG Kinder- und Jugendkriminalität vor zwei Jahren konnten 22 kriminelle Jugendliche auf den Weg der Legalität zurückgebracht werden. Als Erfolg gilt: Wenn Jugendliche ein Jahr straffrei und eine Anschlussperspektive wie einen Schulabschluss oder eine Ausbildung haben.

Große Hoffnung setzt der Bezirk in die Polizeistrukturreform. In der neuen Direktion City sollen weite Teile Neuköllns, Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte zusammenkommen. Im Zuge der Strukturreform soll es auch ein Jugendkommissariat geben. „Wir brauchen ähnliche Strukturen in allen Bezirken“, sagt Jugendstadtrat Liecke. Für jugendliche Straftäter gilt dann nicht mehr das Tatort, sondern das Wohnortprinzip. Wohnt ein Jugendlicher in Neukölln und begeht in Mitte eine Straftat, landet sie trotzdem auf dem Tisch des Bearbeiters in Neukölln.