Vor dem Aus

Verein „Aufbruch Neukölln“ bekommt kein Fördergeld mehr

„Aufbruch Neukölln“ steht vor dem Aus: Der Verein ist laut Senatsverwaltung für Integration nicht mehr förderungswürdig.

Kazim Erdogan leitet den Verein „Aufbruch Neukölln“ seit rund zwölf Jahren.

Kazim Erdogan leitet den Verein „Aufbruch Neukölln“ seit rund zwölf Jahren.

Foto: Reto Klar

Berlin. Den Neuköllner Verein „Aufbruch Neukölln“ gibt es seit den 1990er-Jahren. Nun steht er vor dem Aus. Der Grund: Die Senatsverwaltung für Integration hält ihn nicht mehr für förderungswürdig. Der Antrag auf Fördergeld wurde diese Woche abgelehnt. „Im Januar 2020 könnten bei uns die Lichter ausgehen“, sagt Vereinsvorsitzender Kazim Erdogan der Berliner Morgenpost. Zuvor berichtete der „Tagesspiegel“ darüber.

Seit vier Jahren erhält „Aufbruch Neukölln“ Fördergelder vom Land Berlin. Zuletzt seien es rund 70.000 Euro gewesen, sagt Erdogan. „Das sind unsere einzigen Einnahmen.“ In dieser Höhe reichte der Verein auch dieses Jahr wieder einen Förderantrag bei der Senatsverwaltung ein – und bekam prompt eine Absage. Warum, kann sich Erdogan kaum erklären. „Das muss ein Fehler im neuen System sein“, sagt er.

Verein hat lange Erfolgsgeschichte – und ist dennoch nicht mehr förderungswürdig

Erdogan sagt, dass in diesem Jahr neue Förderrichtlinien in Kraft getreten seien. Und dass dieses Jahr niemand von der Senatsverwaltung persönlich vor Ort war, um zu prüfen, ob der Verein weiterhin förderungswürdig sei. „Sie kennen uns nur von den eingereichten Unterlagen, nur vom Papier also.“

Dabei ist der Verein weit über die Bezirksgrenzen hinaus bekannt. Vor mehr als zehn Jahren gründete Erdogan beispielsweise eine Selbsthilfegruppe für türkischstämmige Männer in Neukölln. Offen sprechen sie bis heute in den geschützten Räumen von „Aufbruch Neukölln“ in der Uthmannstraße über alle möglichen Themen: Liebe und Sexualität, Kindererziehung und Respekt, Ehe und Gewalt – in der muslimischen Kultur bis heute oftmals noch ein Tabu.

Senat bescheinigte Erdogan noch vergangenes Jahr hervorragende Arbeit

Erdogan selbst erhielt 2007 den Hauptstadtpreis für Integration und Toleranz, 2012 das Bundesverdienstkreuz und ist zudem seit 2017 Preisträger des Roman Herzog Preises – um nur einige der mehr als ein Dutzend Preise zu nennen, die der Vereinsvorsitzende für seine Arbeit in Neukölln bekommen hat. „Noch letztes Jahr war eine Mitarbeiterin der Senatsverwaltung bei uns. Und hat uns hervorragende Arbeit bescheinig“, erzählt Erdogan und wundert sich über den negativen Förderungsbescheid.

Berlins Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial erklärt gegenüber dieser Zeitung schlicht, dass Erdogans Verein „im Auswahlprozess nicht weiter berücksichtigt werden“ konnte. Insgesamt bewarben sich nach Angaben von Niewiedzial für die Jahre 2020/21 für die Projektförderung 160 Bewerber mit einem Gesamtantragsvolumen von mehr als 23 Millionen Euro – zu vergeben hat die Senatsverwaltung für Integration aber nur 5,7 Millionen Euro.

Kleiner Hoffnungsschimmer bleibt bestehen

Erdogan hofft nun, dass es sich bei dem Nein der Senatsverwaltung um ein Versehen handelt und dass sein Verein doch noch gefördert werden könnte. Ansonsten bliebe ihm noch die Möglichkeit gegen den negativen Förderungsbescheid zu klagen. „Aber das werde ich in keinem Fall tun“, versichert er. „Ich möchte nicht nur Dank einer Gerichtsentscheidung arbeiten dürfen.“

Tatsächlich bleibt „Aufbruch Neukölln“ noch ein kleiner Hoffnungsschimmer, denn Niewiedzial erklärt, dass das „Auswahlverfahren nicht abgeschlossen“ sei und dass man sich „mit Herrn Erdogan zusammensetzen und gemeinsam nach einer Lösung suchen“ wolle.

Mehr über den Bezirk Neukölln lesen Sie hier.