Aktion

Paddler sammeln Müll auf dem Landwehrkanal

Unkonventionelle Wege der Abfallbeseitigung: In Neukölln verleiht eine Initiative Boote, damit der Landwehrkanal gesäubert wird.

Insgesamt elf Boote mit 32 Paddlern sind auf dem Landwehrkanal unterwegs, um diesen von Abfall zu säubern.

Insgesamt elf Boote mit 32 Paddlern sind auf dem Landwehrkanal unterwegs, um diesen von Abfall zu säubern.

Foto: Nina Kugler

Berlin. Es ist eine der ganz besonders hippen Gegenden von Berlin: Am sogenannten „Länderdreieck“, wo Kreuzberg, Treptow und Neukölln aufeinandertreffen – nur noch geteilt durch den Landwehrkanal. Hier sitzen im Sommer Menschenmassen am Ufer, man hört sie öfter Englisch als Deutsch sprechen. Von den umliegenden Spätis holen sie sich Club Mate zum trinken und Eis zum schlecken.

Für den Massenansturm gibt es hier eigentlich zu wenige Mülleimer – und so landet der Abfall nicht selten auf dem Boden. Oder im Landwehrkanal. Tempotaschentücher, Coffee-to-go-Becher, Plastiktüten oder Verpackungen treiben dann gemächlich auf der Wasseroberfläche umher.

Neuköllner Initiative startet „Paddel-Putz-Aktion“

Kein schöner Anblick, findet die Neuköllner Initiative „Schön wie wir – für ein lebenswertes Neukölln“. Und hat deshalb eine Paddel-Putz-Aktion gestartet. Die Idee: Die Initiative, die beim Bezirksamt angesiedelt ist, verleiht kostenlos Boote an Berliner, dafür müssen die aber – ausgestattet mit Cachern, Zangen, Holzklammern und Müllsäcken – den Kanal reinigen.

Lilly Gerlach macht derzeit ein Praktikum bei „Schön wie wir“ und hat die Idee für die Fluss-Reinigung mitentwickelt. Ihr sei klar, dass in Neukölln sicherlich die Gehwege oder Parks schlimmer vermüllt sind als der Landwehrkanal, sagt sie. „So eine Wasser-Aktion ist aber natürlich attraktiver und macht auch mehr Spaß.“ Die Initiative bekomme mehr Aufmerksamkeit durch solche Aktionen, sagt Gerlach. Und damit verbunden sei dann die Hoffnung, dass jeder, der mitmacht, auch im eigenen Kiez künftig mehr auf Sauberkeit achten werde. „Heute wollen wir vor allem ein Signal setzen“, sagt sie. Die Paddel-Putz-Aktion werde daher auch eher eine einmalige Aktion bleiben, erklärt Gerlach weiter.

Dem Ruf der Initiative gefolgt sind am Donnerstag rund 50 Berliner, vornehmlich aus Neukölln. 32 Menschen finden Platz in insgesamt elf Booten, 25 weitere stehen auf der Wartelisten, falls doch noch kurzfristig jemand abspringen sollte. Auch Sarah und Juliette paddeln heute mit. Die beiden haben gerade ihr Abitur gemacht und haben nun Zeit, Vormittags auf dem Landwehrkanal zu paddeln und Müll einzusammeln. Sie sagen, sie wollen ihre freie Zeit sinnvoll nutzen. „Man sieht schon oft Müll auf dem Wasser treiben“, sagt Sarah, die noch bei ihren Eltern am Ufer wohnt. „In Berlin gibt es schon sehr viel Müll. Das stört mich.“

Tatsächlich ist Neukölln der Bezirk in Berlin, in dem die Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR) am häufigsten illegal abgelegten Sperrmüll abtransportiert. Allein im vergangenem Jahr waren es 9400 Kubikmeter. Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) sprach sich deshalb für härtere Strafen gegen Müllsünder aus. Doch Neuköllns Rathauschef ist auch offen für unkonventionelle Ansätze. Er selbst paddelt in einem Schlauchboot mit, fischt Plastiktüten aus dem Landwehrkanal und erklärt: „Das ist heute eine Aktion, die Aufmerksamkeit für ein sauberes Neukölln bringt.“ Er erzählt, dass er sich daran erinnere, dass früher im Winter oftmals Möbel auf dem zugefrorenen Landwehrkanal gestanden hätten – und im Frühjahr dann, wenn das Eis wieder taute, wie durch Geisterhand plötzlich verschwunden seien. Er lacht bei dieser Anekdote, wird aber gleich wieder ernst. Denn der Bezirksbürgermeister weiß: „Hier entsorgen viele ihren Müll.

In Mitte und Pankow sollen Touristen Müll sammeln

Neukölln ist nicht der einzige Berliner Bezirk, der beim Thema Sauberkeit unkonventionelle Wege geht. Die Bezirksämter Mitte und Pankow teilten diese Woche mit, dass künftig Touristen Müll in Parks einsammeln sollen. Im Rahmen von kostenlosen Touren sollen Touristen nicht nur das Gebiet rund um die Gedenkstätte Berliner Mauer erkunden, sondern auch an einer einstündigen Parkreinigung teilnehmen. Anschließend werden Teilnehmer mit einem Picknick und einem kleinen Geschenk belohnt. Die Aktionen sollen im August und September im Mauerpark und im Ernst-Thälmann-Park stattfinden.

Eine Idee, die Neuköllns Bezirksbürgermeister pfiffig findet. „Das finde ich gar nicht so abwegig“, sagt er. „Als Pilotprojekt ist das sicher gut und interessant.“ Allerdings sieht er seinen Bezirk als Vorreiter für kreative Ideen zur Müllbeseitigung. Dass in Neukölln Touristen Parks reinigen werden, steht daher vorerst nicht auf seiner Themenliste. Hikel sagt: „Wir gehabten selbst ja schon so viele Projekte in Neukölln. Wir haben zum Beispiel die Lastenräder, die zur Sperrmüllbeseitigung kostenlos ausgeliehen werden können. Und wir haben unsere Kiezhausmeister, die in Neukölln das Bewusstsein für einen sauberen Kiez stärken und Anwohner bei der Müllbeseitigung unterstützen. Und heute paddeln wir.“

Nach rund zwei Stunden sind die Paddler dann zwar erschöpft, aber auch zufrieden mit der Ausbeute des Tages. Mehrere Säcke voll mit Müll haben sie aus dem Landwehrkanal gefischt. Besonders häufig, so die Beobachtung, werden Mülltüten, Flaschen und Verpackungen achtlos ins Wasser geworfen. Trotzdem überwiegt am Ende die Freude: Mit der Paddel-Putz-Aktion konnte Neukölln wieder etwas schöner gemacht werden.