Neukölln

Kiezhausmeister: Unterwegs für ein sauberes Neukölln

Die Kiezhausmeister kämpfen gegen illegal entsorgten Müll, indem sie das Bewusstsein der Bewohner dafür stärken.

Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel (3.v.l, SPD) gemeinsam mit fünf der sechs Kiezhausmeister des Bezirks.

Neuköllns Bürgermeister Martin Hikel (3.v.l, SPD) gemeinsam mit fünf der sechs Kiezhausmeister des Bezirks.

Foto: Reto Klar

Berlin. Ein altes Sofa und ein Schrank stehen auf dem Bürgersteig der Altenbraker Straße in Neukölln. „Nicht richtig!!!“, wurde in gelber Farbe auf die verdreckte Matratze geschrieben, die auf dem Müllhaufen liegt. Ein ähnliches Bild bietet sich dort an fast jeder anderen Straßenecke. Ein Haufen weggeworfener Kleidung, ausrangierter Elektroschrott, Baumüll, leere Farbeimer oder Koffer – dazwischen beziehen nicht selten Ratten Quartier. „Neulich haben wir mehrere Hundert Schuhe und so große Baumwurzeln gefunden“, sagt Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) und hält seine Hände knapp 1,50 Meter in die Höhe.

Beim illegal abgeladenen Sperrmüll ist Neukölln Spitzenreiter. Insgesamt 9480 Kubikmeter schaffte die Berliner Stadtreinigung (BSR) im vergangenen Jahr fort. „Das ist letztendlich ein Wohngebäude inklusive Hof randvoll gefüllt mit Müll“, sagt Hikel. Um dagegen zu wirken, wurde im Februar das Projekt der Kiezhausmeister gestartet, das am Freitag vorgestellt wurde. Sie sollen präventiv tätig werden. Ein Test mit dem „Ziel eines höheren Bewusstseins, dass wir alle für einen sauberen Kiez verantwortlich sind“, so der Rathauschef.

Fortsetzung des Projekts im nächsten Jahr ist geplant

Das Projekt ist Teil der Kampagne „Schön wie wir – für ein lebenswertes Neukölln“. Finanziert wird es in diesem Jahr mit 279.988,50 Euro aus dem Landesförderprogramm „Saubere Stadt Berlin“. Die Kiezhausmeister sind zwar bis Ende des Jahres befristet. Allerdings verhandelt der Bezirk momentan mit dem Land über Gelder für 2020. Insgesamt acht Mitarbeiter gibt es, darunter eine Projektleiterin, eine Kommunikationsbeauftragte und sechs Kiezhausmeister. Die sind tagtäglich in blauen Hemden deutlich sichtbar in den Kiezen vor allem Nord-Neuköllns unterwegs. Dabei werben sie zum einen für ein anderes Projekt im Rahmen der Kampagne „Schön wie wir“. So fahren sie oft mit einem oder mehreren der sieben Lastenräder umher, die das Bezirksamt Anfang des Jahres anschaffte. Die kann sich jeder Neuköllner kostenlos ausleihen, um seinen Müll zum nächsten Schrottplatz zu bringen. Einige davon sind mit Elektromotoren ausgestatten und können etwa eine Waschmaschine transportieren.

Zudem führen die Kiezhausmeister Putzaktionen mit Vereinen durch oder beraten über Mülltrennung. „Mir geht es vor allem um das Miteinander in einer Zeit, wo keiner an andere denkt“, sagt Attila Mackowiak. Hier wolle er vernetzen und den Kiez enger zusammenbringen, so der 53-Jährige, der selbst in Neukölln aufgewachsen und jetzt als Kiezhausmeister zurückgekehrt ist. Den Müll sammeln er und seine Kollegen selten selbst ein. Nur kleinere Mengen werden mitgenommen. Aus den Gebüschen des Anita-Berber-Parks zwischen Hermannstraße und Tempelhofer Feld klauben sie regelmäßig Hinterlassenschaften von Drogensüchtigen und entsorgen sie fachgerecht. „Ungefähr 17 Spritzen, Kanülen und ähnliches finden wir pro Runde“, sagt Mackowiak. Im Kern gehe es aber darum, bei den Bürgern ein Bewusstsein für das Problem zu wecken.

Nach dem Auffinden eines Sperrmüllhaufens würden als erstes die Passanten angesprochen, erklärt Mackowiaks Kollegin Petra Schmidt. „Wir appellieren an die Bürger, dass sie sich die Ordnungsamt-App runterladen und erklären sie.“ Damit kann jeder ein Foto des Corpus Delicti machen und samt Ortsbeschreibung an den Bezirk melden. Der beauftragt entweder die BSR oder, im Fall von Sondermüll, Spezialfirmen mit der Entsorgung. „Wir wollen ja alle, dass Neukölln sauber wird, also nehmen wir auch alle in die Pflicht“, so Schmidt weiter, die seit 20 Jahren in Neukölln lebt, wo das Müllproblem in den vergangenen Jahren schlimmer geworden sei.

Kiezhausmeister organisieren sogenannte Sperrmüllfeste

Außerdem organisieren die Kiezhausmeister sogenannte Sperrmüllfeste. Das nächste ist für Sonnabend, den 24.8., am Weichselplatz geplant. Dabei steht die BSR mit zwei großen Entsorgungswagen an einem festen Ort. Nachbarn können vermeintlichen Sperrmüll daneben abstellen. Wer etwas Interessantes oder Begehrenswertes darin findet, kann es umsonst mitnehmen. Was übrig bleibt, wird entsorgt. Ein erstes Fest fand Ende Mai auf dem Wartheplatz direkt vor der Wohnung von Helga Schwetzke statt. „Das können Sie immer machen“, sagt die 85-Jährige, die seit 60 Jahren dort wohnt. Denn jetzt liege schon wieder eine Matratze auf dem Hof. Überall fliege Papier herum, die Mülltüten würden aus dem Fenster geworfen und alte Kleidung würde im Flur abgeladen. „Wer will denn getragene Unterwäsche oder Jeans haben?“, schimpft die Rentnerin.

Prävention sei aber nur ein Baustein für ein müllfreies Neukölln, sagt Bezirksbürgermeister Hikel. Vereinzelt laden Privatleute ihren Unrat ab. „Oftmals sind es aber Gewerbetreibende, die sich auf Kosten der Allgemeinheit erleichtern.“ Es dürfe keine Verwarnungen mehr geben. Vielmehr müsste gleich Bußgeld verhängt werden. „Und das kann nicht hoch genug sein, denn es braucht Abschreckung.“ So sei zuletzt jemand dabei erwischt worden, wie er mehr als 60 Autoreifen auf der Straße entsorgen wollte. Das Bußgeld habe um die 1000 Euro betragen. „Zu wenig“, sagt Hikel. „60 mal 250 Euro wären angebrachter gewesen.“