Hermannstraße

Neuköllner Friedhöfe liegen brach - und das sorgt für Streit

Entlang der Hermannstraße in Neukölln liegen Friedhöfe brach, hier sollen Neubauten entstehen. Doch darum wird gestritten.

Auf den Friedhöfen an der Hermannstraße in Neukölln wird teilweise schon gebaut.

Auf den Friedhöfen an der Hermannstraße in Neukölln wird teilweise schon gebaut.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE FOTO SERVICE

Berlin. Die Hermannstraße in Neukölln ist quirlig: Vor den Spätis wird an Biertischgarnituren Bier getrunken, auf den Terassen der Restaurants gegessen, laut hupen die vorbeirauschenden Autos, gehetzt drängen sich Menschen aneinander vorbei.

Doch es gibt auch Oasen der Ruhe und Stille. Auf Höhe der U-Bahnhaltestelle Leinestraße liegen links und rechts der Hermannstraße Friedhöfe. Kaum betreten, schließt sich hinter einem der städtische Dauerlärm. Dann schreitet man über wildwachsende Wiesen und vorbei an halb verwilderten Hecken – Gräber findet man hier auf den Friedhöfen nur noch sporadisch.

Berlin gehen die Gräber auf den Friedhöfen aus

Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Berliner hauptsächlich in Särgen bestatten ließen. Rund 28 Prozent der Gestorbenen wurden 1991 noch in Erdgräbern beerdigt, 2017 waren es schon zehn Prozent weniger – nicht einmal jeder Fünfte lässt sich also in der Hauptstadt heute noch in einem Sarg bestatten, wie die Senatsverwaltung für Umwelt auf Anfrage der Berliner Morgenpost erklärt.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Den Berliner Friedhöfen gehen die Gräber aus. Und das, obwohl die Stadt immer weiter wächst. Gewandelt haben sich in den vergangenen Jahrzehnten die Bestattungsformen. Rund 43 Prozent der Berliner entschieden sich 2017 (im Gegensatz zu 21 Prozent im Jahr 1991) für ein platzsparendes Urnengrab.

Viele der neu nach Berlin Hinzugezogenen lassen sich zudem später doch wieder in ihrem Heimatort bestatten. Berliner Muslime werden auf islamischen Friedhöfen, wie der am Columbiadamm, beigesetzt. Und auch Seebestattungen oder eine Grabstelle in einem Friedwald werden immer populärer.

Kirche steht vor doppeltem Problem

Die Evangelische Kirche, der etwas mehr als die Hälfte der rund 200 Berliner Friedhöfe gehören, stellt das vor gleich zwei Probleme. Während es immer weniger Bedarf an Flächen für Bestattungen gibt, bekommt sie dafür auch noch weniger Geld. Denn: Eine Erdbestattung kostet im Schnitt circa 1500 Euro, ein Urnenplatz hingegen nur 500 Euro, ein Gemeinschaftsurnengrab ist sogar noch günstiger zu haben.

Und so schwindet der Bedarf an Friedhöfen in der Bundeshauptstadt konsequent. Seit 2000 sind Berlinweit fünf Friedhöfe in landeseigener Trägerschaft für Bestattungen geschlossen worden. Insgesamt gibt es in Berlin mittlerweile 39 für Bestattungen geschlossene Friedhöfe, teilt die Sprecherin der Umweltsenatsverwaltung, Dorothee Winden, mit.

Senat beschließt 2006 was mit Friedhofsflächen geschehen soll

Die Evangelische Kirche hat deshalb beschlossen: Ehemalige Friedhofsflächen sollen verkauft und teilweise auch bebaut werden. Aber Friedhöfe unterliegen besonderen Bedingungen. So einfach wie auf anderen Flächen kann hier nicht gebaut werden.

Die Senatsverwaltung für Umwelt hat sich deshalb schon im Jahr 2006 mit der Frage befasst, was mit Friedhöfen geschehen soll, auf denen keine Bestattungen mehr stattfinden werden. In dem damals beschlossenen Friedhofsentwicklungsplan des Landes steht, dass der Großteil der ungenutzten Flächen als Grünfläche erhalten bleiben muss.

Gegenüber der Berliner Morgenpost teilt Sprecherin Dorothee Winden mit: „Gemäß des Berliner Friedhofsgesetzes können Friedhofsflächen nach Ablauf von Ruhe- und Pietätsfristen – mindestens 30 Jahre nach der letzten Bestattung – einer anderen Nutzung zugeführt werden.“ Grundsätzlich, so betont die Sprecherin weiter, sei zwar eine Folgenutzung als Grünfläche vorzusehen.

Aber: „Bei überwiegendem öffentlichen Interesse kann auch eine andere Folgenutzung ermöglicht werden.“ Unter „anderer Folgenutzung“ versteht die Senatsverwaltung eine teilweise Bebauung der Flächen.

Evangelische Kirche will sozialverträglich bauen

Die Gelände aber einfach nur an den meistbietenden Investor zu verkaufen, sei nicht im Sinn der Evangelischen Kirche, betont Tillmann Wagner, Geschäftsführer des Evangelischen Friedhofsverbands Berlin Stadtmitte. „Wir heben nicht alle Friedhofsflächen auf und holen das Maximum raus“, versichert er im Gespräch mit der Berliner Morgenpost.

Von den sieben Friedhöfen entlang der Hermannstraße gäbe es derzeit nur für zwei Pläne sie zu bebauen. „Wir schauen nach der sozialen Infrastruktur der Träger“, sagt Wagner weiter.

Wie das aussehen könnte, kann man derzeit schon an mehreren Friedhöfen entlang der Hermannstraße sehen. Der Bund Deutscher Gartenfreunde baut hier gerade seine neue Hauptgeschäftsstelle, daneben errichtet die Schöpflin Stiftung ein Haus des gemeinnützigen Journalismus. Dort werden ausländische Reporter arbeiten, in deren Ländern keine Pressefreiheit herrscht. Direkt am U-Bahnhof Leinestraße baut der Evangelische Friedhofsverband Stadtmitte selbst sein neues Verwaltungsgebäude mit Läden und Büros.

Ebenfalls vorstellen kann sich Wagner am Rand der einzelnen Friedhöfe zudem Wohnungen für Flüchtlinge, Demenz-WGs oder Inklusions-Wohnungen. Insgesamt kämen in ganz Berlin nur 13 Prozent der Friedhofsflächen des Evangelischen Friedhofsverbands Berlin Stadtmitte als Bauland infrage, erklärt Wagner. Und auch davon würden nur Teilflächen bebaut. Insgesamt, so teilt die Umweltsenatsverwaltung mit, wurden seit dem Jahr 2000 in ganz Berlin Teilflächen von sieben Friedhöfen bebaut.

Streit in Neukölln: Umweltschutz oder Neubauten?

Trotzdem ist im Bezirk Neukölln ein Streit darüber entbrannt, ob man die Friedhofsflächen überhaupt bebauen sollte. Konkret geht es hier um zwei Friedhöfe, den St. Jacobi Friedhof sowie den Friedhof der Jerusalems- und Neuen Kirche. Beide liegen an der Hermannstraße. Und für beide Friedhöfe hat der Bezirk vor einigen Jahren ein Änderungsverfahren des Flächennutzungsplans beschlossen – was eine teilweise Bebauung der Flächen zur Folge hätte.

Das Änderungsverfahren allerdings hängt derzeit bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen fest, da „eine vielfältige, auch politische Diskussion über die zukünftige Nutzung von nicht mehr benötigten Friedhofsflächen begonnen“ habe, so die Senatsverwaltung.

Umweltstadtrat: Artenvielfalt schützen

In dieser Diskussion geht es unter anderem auch um Umwelt- und Artenschutz. So warnt Neuköllns Umweltstadtrat Bernward Eberenz (CDU) ausdrücklich: „Eine – auch nur teilweise – Bebauung hätte unvermeidlich negativen Einfluss auf die biotopische Qualität und würde auch die binnenklimatisch günstige Wirkung auf die umliegenden Kieze reduzieren.“ Er verweist auf ein einmaliges, artenreiches Biotop – „hoch entwickelt mit altem Baumbestand und einer auch ansonsten reichen Flora und Fauna.“ Auch seien die Flächen für Kalt- und Frischluftschneise im Bezirk verantwortlich.

Eigentlich habe jeder Berliner das Anrecht auf sechs Quadratmeter wohnortnahe Grünfläche, erklärt Eberenz weiter. In Nord-Neukölln seien es derzeit aber nur gut vier Quadratmeter – „Tendenz weiter fallend durch Zuzug und laufende Nachverdichtungen und Neubautätigkeit.“ Er warnt davor, dass Berlin „ein grundlegendes Element urbaner Lebensqualität verloren gehen“ könnte, wenn man die verbliebenen Grünflächen nicht weiter schützen würde.

Baustadtrat: Flächen werden dringend für Neubauten gebraucht

Dagegen hält hingegen Neuköllns Baustadtrat Jochen Biedermann (Grüne). Er sagt: „Uns fehlen im Norden Neuköllns Grünflächen – das ist richtig.“ Er erklärt aber, dass ein großer Teil der Friedhofsflächen als Grünflächen erhalten bleiben sollen. So blieben 32 Prozent Friedhöfe, 44 Prozent sollen zu Grünfläche umgewandelt werden und 24 Prozent seien als Bauland vorgesehen. „Vor diesem Hintergrund halte ich den Neubau einer Gemeinschaftsschule, von Wohnungen, einer Unterkunft für Geflüchtete und von Räumen für soziale Träger für angemessen und erforderlich.“ Zudem gäbe es auch gar keine anderen Flächen, die dafür infrage kämen. Biedermanns Fazit: „Der Schutz vorhandener Grünflächen und der wirklich notwendige Neubau finden an der Hermannstraße insgesamt gut zusammen.“

So oder so: Der Streit wird wohl nicht in Neukölln entschieden, das letzte Wort dürfte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen haben. Und die teilt ganz nüchtern mit: „Das Flächennutzungsplan-Verfahren ruht gegenwärtig. Ein Abschluss kann derzeit nicht prognostiziert werden.“