Traditionsunternehmen

Von der Hochzeitskutsche bis zum Leichenwagen

Früher Müllabfuhr, heute Hochzeiten und Beerdigungen: Das Fuhrunternehmen Gustav Schöne in Neukölln gibt es seit 125 Jahren.

Martina Rosenthal-Schöne und ihr Sohn Benjamin Rosenthal leiten das 125 Jahre alte Fuhrunternehmen.

Martina Rosenthal-Schöne und ihr Sohn Benjamin Rosenthal leiten das 125 Jahre alte Fuhrunternehmen.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Neukölln..  Im Rekordsommer 2019 ist es zu heiß für Dante und Lara. Die beiden Pferde von Familie Schöne sind auf einer Koppel außerhalb von Berlin untergebracht. Wenn es nicht ganz so warm ist, stehen sie oder ihre drei Artgenossen in Ställen auf dem Richardplatz – zwischen Sonnenallee und Karl-Marx-Straße. Familie Schöne bietet hier Kutschfahrten zu besonderen Ereignissen, wie beispielsweise zur Hochzeit, an. Und das seit 125 Jahren.

Firmengründer Gustav Schöne kam 1888 aus dem Spreewald, um in der Hauptstadt sein Glück zu suchen. Sechs Jahre später, 1894, gründete er an der Bergstraße, der heutigen Karl-Marx-Straße, einen Einmann-Fuhrbetrieb mit zwei Pferden und einer Kutsche. „Er fuhr hauptsächlich Rixdorfer Ärzte zu Rudower, Brixer und Buckower Patienten“, erzählt seine Urenkelin Martina Rosenthal-Schöne. Wenige Jahre später übernahm Gustav Schöne dann ein großes Fuhrgeschäft am Richardplatz. „Hundert Pferde standen Anfang des 20. Jahrhunderts in den Ställen auf diesem Gelände“, erzählt Rosenthal-Schöne.

1927 kam das erste Auto

Bald avancierte ihr Urgroßvater zum städtischen Dienstleister. Seine Mitarbeiter transportierten für die Müllabfuhr und die Post. Rund 80 Wagen und Kutschen waren sechs Tage die Woche im Einsatz. Ein gutes Dutzend historischer Kutschen sind bis heute übrig geblieben. Es steht gehegt und gepflegt in der großen Scheune. Die Restlichen hat Familie Schöne in ein kleines Heimatmuseum in Oderbruch gegeben.

1927 kam dann die große Wende: Der Sohn des Firmengründers kaufte das erste Auto. Mitte der 50er-Jahre fuhren Dutzende Lieferwagen und Pkws für Firma Gustav Schöne, mehr als 90 Angestellte arbeiteten in Rixdorf. Und Familie Schöne konzentrierte sich fortan auf Bestattungen. Gemeinsam mit ihren Söhnen Hendrik und Benjamin leitet die 60 Jahre alte Martina Rosenthal-Schöne das Familienunternehmen bereits in fünfter Generation.

Bestattungsinstitute beauftragen Fuhrunternehmen wie das von Familie Schöne, um Beerdigungsfahrten durchzuführen, erklärt die Matriarchin. „Wir sind sozusagen ein Subunternehmen für Bestatter.“ Längst aber hat sich das Familienunternehmen erweitert. In den alten Stallungen, umgebaut zu modernen Aussegnungshallen, können Familien von ihren verstorbenen Angehörigen Abschied nehmen. Und muslimische Berliner können hier in Ruhe rituell gewaschen werden.

Alle Kinder haben im Bläserchor gespielt

Sich tagein, tagaus mit dem Thema Tod zu beschäftigen, ist für Rosenthal-Schöne zur Selbstverständlichkeit geworden. „Ich kenne es schließlich auch nicht anders, ich bin damit ja auch aufgewachsen.“ Man müsse aber auch aufpassen, dass man – gerade die tragischen Todesfälle – nicht zu nah an sich heranlasse und „das auch nicht mit nach Hause nimmt“. Abschalten, Zeit mit der Familie verbringen, sich den schönen Dingen des Lebens widmen – was banal klingt, gibt der 60-Jährigen den nötigen Ausgleich, um ihren Beruf weiterhin mit Leidenschaft auszuüben.

Im Jahr 1737 ließ Friedrich Wilhelm I. Hunderte protestantische Böhmen in Rixdorf ansiedeln, denen in ihrer Heimat Verfolgung und der Tod drohte. Familie Schöne gehört zu den direkten Nachfahren dieser Flüchtlinge. Und bewahrt sich bis heute Traditionen von ihren Ahnen. Beispielsweise den regelmäßigen Kirchgang. „Meine Kinder haben alle im Bläserchor gespielt – das haben sie von ihrem Opa übernommen“, erzählt Rosenthal-Schöne über eine alte Familientradition.

Beerdigungen sind mittlerweile das Hauptgeschäft

Das Beerdigungsgeschäft mit den entsprechenden Dienstleistungen ist mittlerweile zum Hauptgeschäftszweig von dem Fuhrunternehmen geworden. Daneben bietet Familie Schöne aber auch noch Kutschfahrten an – beispielsweise für Hochzeitspaare. Dafür steht eine alte weiße, hölzerne Hochzeitskutsche in der Garage bereit. „Aber das machen wir mehr aus Tradition. Das ist ein Hobby“, sagt Rosenthal-Schöne.

125 Jahre – und trotzdem ist das Familienunternehmen kein Selbstläufer. „Es wird immer schwieriger, weil es jetzt neue Richtlinien für Kutschfahrten in Berlin gibt“, sagt die Geschäftsführerin. Und meint damit die neuen Vorschriften, die Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) dieses Jahr erließ – und dabei wohl vor allem die Betreiber jener Gespanne treffen will, die am Pariser Platz auf Kundschaft warten. Die neuen Regeln besagen, dass Kutschfahrten sofort einzustellen sind, sobald das Thermometer über 30 Grad klettert. „Wenn ich aber einem Brautpaar sage: ,Tut mir leid, es hat 30 Grad, ich darf jetzt nicht mehr weiter fahren’, dann begehe ich Vertragsbruch und könnte verklagt werden“, ärgert sich Rosenthal-Schöne. Die Konsequenz: Sie überlegt, die 125-jährige Tradition zu beenden.

20 Prozent Zuwachs in den vergangenen Jahren

Ansonsten aber steht der Betrieb auf sicheren Beinen. In den vergangenen drei Jahren sei er sogar nochmals deutlich gewachsen, sagt Rosenthal-Schöne. 20 Prozent Zuwachs, schätzt die Geschäftsführerin. Insgesamt 20 Mitarbeiter zählt das Familienunternehmen heute. „Wir sind gut, unsere Mitarbeiter treten ordentlich auf, und wir haben uns in der Branche einen Namen gemacht“, freut sich Rosenthal-Schöne.

Wenn die 60-Jährige in Rente geht, steht die nächste Generation schon in den Startlöchern: Ihre beiden Söhne werden den Betrieb auf jeden Fall weiterführen.