Kinder

„Sprachlerntagebuch“: So will eine Kita Integration schaffen

Integrationsbeauftragte Annette Widmann-Mauz besucht Neuköllner Kita und fragt, wie Integration im Bezirk gelingen kann.

Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Annette Widmann-Mauz (rechts) und die Neuköllner SPD-Abgeordnete Derya Çağlar in der Kita in der Emser Straße in Neukölln.

Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Annette Widmann-Mauz (rechts) und die Neuköllner SPD-Abgeordnete Derya Çağlar in der Kita in der Emser Straße in Neukölln.

Foto: Nina Kugler

Berlin.. Neukölln ist bunt, offen und multi-kulturell. Damit rühmt sich der Bezirk oft. Gleichzeitig stellt die Integration Bezirksamt, Schulen, Sozialarbeiter, Erzieher und Co. aber oft vor große Herausforderungen.

Das sieht man auch in der Neuköllner Kita in der Emser Straße. Rund 140 Kinder werden hier ab einem Jahr bis zum Wechsel in die Grundschule betreut. 92 von ihnen haben einem Migrationshintergrund. Und etwa 100 der 140 Kinder leben in Gebieten, die unter Quartiersmanagement stehen.

Verbindende Sprache ist Deutsch

Damit auf dem Hof der Kita aber kein babylonisches Sprachen-Wirrwarr herrscht, müssen alle Kinder Deutsch lernen. „Wir legen Wert darauf, dass die Kinder auch ihre Muttersprache sprechen“, erklärt die Pädagogin Beate Rintel-Sellenthin beim Besuch von Annette Widmann-Mauz, Integrationsbeauftragte des Bundes. „Aber die verbindende Sprache hier ist Deutsch.“

Widmann-Mauz ist nach Neukölln gekommen, um sich ein Bild vor Ort zu machen, wie Integration gelingen kann. Sie ist der Überzeugung, dass man schon bei kleinen Kindern anfangen müsse – und zwar bei der Sprachförderung. Denn nur, wer Deutsch spräche, könne sich auch vollständig integrieren, so die Integrationsbeauftragte.

Um zu dokumentieren, wie gut jedes einzelne Kind Deutsch lernt, gibt es beim Eintritt in die Kita an der Emser Straße ein sogenanntes „Sprachlerntagebuch“. Erzieher halten darin fest, mit welchen Sprachkenntnissen ein Kind ankommt, wie sie sich entwickeln und wo es gegebenenfalls noch Nachholbedarf gibt, erklärt Rintel-Sellenthin. Am Ende könne das sogar dabei helfen zu entscheiden, wann ein Kind eingeschult wird oder dann ein Leitfaden für die Grundschullehrer sein. Diese Sprachtagebücher werden auch von anderen Berliner Kitas genutzt.

Kriminalitätsschwerpunkt Schillerkiez

Die Emser Straße liegt im Quartiersmanagement-Gebiet vom Schillerkiez. Etwa 23.000 Menschen leben insgesamt im Kiez. Rund 31 Prozent der Einwohner beziehen staatliche Transferleistungen. Und circa 51 Prozent haben einen Migrationshintergrund, etwa 34 Prozent davon besitzen keine deutsche Staatsbürgerschaft. Seit etwa 20 Jahren steht der Kiez unter Quartiersmanagement. Voraussichtlich 2020 soll es beendet werden.

Was erschwerend hinzukommt: Das Gebiet entlang der Emser- und Siegfriedstraße ist ein Kriminalitätsschwerpunkt. Zwischen Oktober 2018 und Februar 2019 – innerhalb eines halben Jahres – wurden hier mehr als 150 Straftaten begangen. Ganze Häuserzüge an der Siegfried- und der Emser Straße gehören stadtbekannten Clans. Auf Klingelschildern stehen Namen der Familien R. und Ch.

Nicht alle Familien reagieren auf Angebote

Natürlich gibt es hier auch Familien, die sich der Zusammenarbeit mit Kitas oder Sozialarbeitern verweigern. „Tote-Käfer-Familie“, nennt die Neuköllns Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU) sinnbildlich. Er begleitet Widmann-Mauz in die Neuköllner Kita. Und berichtet: „Etwa 10 Prozent der Familien mit Kindern erreichen wir als Bezirksamt nicht.“ Diese Familien würden ihre Kinder weder zum Arzt schicken, noch in die Kita, noch auf freiwillige soziale Angebote, wie etwa die Stadtteilmütter, reagieren. Das frustriert. Aber, so sagt Liecke: „Unsere Kompetenz endet an der Haustür. Die Welt in Neukölln ist eben nicht heil. Bei der Integration haben wir noch Luft nach oben.“

Auch in der Kita in der Emser Straße ist es manchmal schwierig, mit Eltern in Kontakt zu kommen, weiß Erzieher Cem Erkisi zu berichten. Denn manche Eltern sprechen nur schlecht oder gar kein Deutsch. „Ein professioneller Dolmetscher ist schon echter Luxus.“ Häufig werden diese Eltern deshalb gebeten, Freunde, Bekannte oder Nachbarn zu Gesprächen mitzubringen, die dann übersetzen können.

12 Prozent der Kinder sprechen schlecht bis gar kein Deutsch

Die Einschulungsuntersuchungen von 2017 belegen die schwierige Lage in Neukölln: 12 Prozent der Kinder im Bezirk sprechen nämlich kaum oder kein Deutsch. Fast die Hälfte aller Kinder mit Migrationshintergrund spricht zumindest fehlerhaft deutsch. Und: Eine Tendenz zur Veränderung bei den Kindern und deren Familien ist kaum sichtbar.

Bei genauerer Betrachtung zeigt die Untersuchung sogar, dass sich die Deutschkenntnisse in den niedrigen und mittleren Sozialstatusgruppen während der letzten Jahre verschlechtert haben – in den hohen hingegen verbessert. Zwei von drei Kindern in Neukölln haben einen Migrationshintergrund.