Neubau ja oder nein?

Streit um Karstadt-Neubau am Hermannplatz

Neuköllner SPD und Linke sind sich uneins über geplanten Karstadt-Neubau am Hermannplatz. Widerstand wächst auch bei Anwohnern.

So sah es einst aus, und so soll es auch bald wieder aussehen – geht es nach den Plänen der Signa Gruppe: das Karstadt-Gebäude am Hermannplatz.

So sah es einst aus, und so soll es auch bald wieder aussehen – geht es nach den Plänen der Signa Gruppe: das Karstadt-Gebäude am Hermannplatz.

Foto: ChipperfieldArchitects

Berlin.  Bei den Neuköllner Fraktionen herrscht Unstimmigkeit über den geplanten Neubau des Karstadt-Kaufhauses am Hermannplatz – immerhin eines der größten Bauprojekte im Bezirk. Geplant ist, dass der Eigentümer, die Signa-Gruppe, das bestehende Gebäude abreißt und neu bauen wird. Das Haus soll laut Signa seine ursprüngliche Größe und sein Aussehen aus den 1920er-Jahren zurückerhalten.

Gebäude liegt gar nicht in Neukölln – Fraktionen streiten trotzdem

Kurios an der Situation ist allerdings, dass sich das Karstadt-Gebäude noch in Friedrichshain-Kreuzberg befindet, der Hermannplatz sowie die fortführenden Einkaufszentren Karl-Marx-Straße und Sonnenallee aber auf dem Bezirksgebiet von Neukölln liegen. Die Umgestaltung des Warenhauses spielt also unmittelbar in die Belange Neuköllns hinein – auch wenn die Entscheidungen darüber auf der Kreuzberger Seite fallen dürften.

Das hindert allerdings die Neuköllner Linken und SPD-Bezirksbürgermeister Martin Hikel nicht daran, über das Bauvorhaben zu streiten. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Geschäfte rund um den Hermannplatz Umsatzeinbußen oder gar Verdrängung durch den Konzernriesen zu befürchten hätten.

Bezirksbürgermeister Hikel: Chance für Gewerbetreibende

Hikel sagte dazu in der vergangenen Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung: „Die Chancen für Gewerbetreibende in Neukölln rund um die Sonnenallee, den Kottbusser Damm und die Karl-Marx-Straße ergeben sich für mich daraus, dass mit dem neu entstehenden Gebäude keine Konkurrenz zu den bestehenden Gewerbetreibenden geschaffen werden soll. Stattdessen wird das neu zu errichtende Gebäude zu mehr Besucher führen, wodurch eben auch die bestehenden Gewerbetreibenden profitieren.“

Der Bezirksbürgermeister unterstrich, dass sich die Pläne für den Neubau noch ganz am Anfang befänden, die Signa aber „ernsthaft versichert“ habe, in einem offenen Austausch mit Anwohner an der Entstehung des neuen Gebäudes zu arbeiten und einen „wirklichen offenen Prozess zu gestalten“.

Aus Karstadt-Gebäude soll keine Shopping-Mall werden

Ebenfalls als positiv bezeichnete Hikel das Versprechen von Signa, dass eine „klassischen Mall nicht Bestandteil des Konzeptes“ am Hermannplatz sei. Es sollen hingegen laut Hikel soziale Einrichtungen wie ein Ärztehaus, Konzert- und Proberäume und ein Hotel in das neue Warenhaus miteinziehen. Auch Dienstleister wie eine Schneiderei, Wäscherei oder Schlüsseldienst sollen im Karstadt-Gebäude einen Platz finden.

„Nicht zuletzt beabsichtigt der Eigentümer, Flächen für Initiativen aus dem Kiez bereit zuhalten. In Frage kommen etwa Gewerbe von Selbstständigen, die in ihren angestammten Läden im Kiez nicht mehr genug Platz haben und zusätzliche Flächen benötigen“, so Hikel.

Linksfraktion widerspricht Hikels Argumenten

Die Fraktion der Linken in Neukölln sieht die Sache gänzlich anders – sie will keinen Neubau am Hermannplatz. „Bei einem Neubau drohen Überkapazitäten und lokal steigende Gewerbemieten im Bestand“, sagte Marlis Fuhrmann, bau- und wohnungspolitische Sprecherin der Links-Fraktion in Neukölln. Die negativen Auswirkungen auf den zentralen Neuköllner Wirtschaftsstandort entlang der Karl-Marx-Straße „sowie den kleinteiligen vorwiegend migrantisch geprägten Handel zum Beispiel am Kottbusser Damm wären gravierend“, befürchtet sie.

Fuhrmann sagt: „Wir wollen diese Arbeitsplätze nicht verlieren.“ Ebenfalls befürchtet die Linke, dass mit einem modernen Shopping-Center die Mieten der angrenzenden Wohnungen steigen könnten.

Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude reiche für die Nahversorgung im Kiez vollkommen aus, so die Linke. Die Absichten von Signa, Kiez-Initiativen oder ein Ärztehaus im Gebäude unterbringen zu wollen, bezeichnete die Linke Mitte Mai, als das Projekt in Friedrichshain-Kreuzberg vorgestellt wurde, als „Planerblendwerk“.

Widerstand wächst auch bei Anwohnern

Mittlerweile formiert sich auch unter Anwohnern rund um den Hermannplatz Widerstand gegen den geplanten Neubau. Eine Gruppe aus elf unterschiedlichen Vereinen und Initiativen, die sich „Arbeitskreis Hermannplatz“ nennt, fordert in einem Schreiben, das der Berliner Morgenpost vorliegt: „Kein Abriss, kein gigantischer Neubau, keine ‘Aufwertung’ des Hermannplatzes.“

Die Gruppe schreibt weiter, dass die Mietpreise im Norden Neuköllns in den letzten zehn Jahren um 146 Prozent gestiegen seien. Auch sie befürchtet – ähnlich wie die Linksfraktion – weiter steigende Mieten rund um den Platz. „Das schon wütende Gewerbesterben und die Verdrängung von Mieter mit geringem Einkommen würde verstärkt werden. Das migrantisch geprägte Kleingewerbe der Kieze ist bedroht“, so der Arbeitskreis Hermannplatz.

Neues Konzept für den Hermannplatz

Während die Links-Fraktion einen Neubau am Hermannplatz also ablehnt, verweist Hikel auf die veraltete Umgestaltung des Hermannplatzes. Diese datiere aus dem Jahr 2008. „Im Hinblick auf aktuelle Entwicklungen – vom Berliner Mobilitätsgesetz über geplante Anbindung an das Straßenbahnnetz bis hinzu einem möglichen Neubau des Gebäudes – wird eine komplette Neuplanung erforderlich machen“, so der Bezirksbürgermeister.

Tram soll zum Hermannplatz fahren

Ein wichtiges Element ist die zukünftige Erreichbarkeit des Hermannplatzes. So ist neben den bestehenden U-Bahnlinien eine Heranführung der Straßenbahnlinie M10 vorgesehen. Der Vorschlag wurde bereits kurz nach der Wiedervereinigung verfolgt. Auf der Oberbaumbrücke wurden vorausschauend 1994 Schienen verlegt. Eine umsteigefreie Verbindung zwischen dem S- und U-Bahnhof Warschauer Straße und dem U-Bahnhof Hermannplatz ist in der „Stadtentwicklungsplanung Verkehr“ des Senats verankert. Weil die Strecke durch die vitalen Stadtteile Friedrichshain und Kreuzberg führen würde, gilt die Linie umgangssprachlich bereits als „Party-Tram“.

Eine Haltestelle Hermannplatz würde die Bedeutung des Platzes und des Warenhauses noch einmal erhöhen. Allerdings befindet sich die Planung noch in den Anfängen. Eine Umsetzung, so Hikel, wird ohnehin frühestens nach Abschluss der Bauarbeiten an der Karl-Marx-Straße erfolgen können. Diese dauern hier aber mindestens noch bis 2022 an.