Neukölln

Neukölln: So wird gegen Jugendgewalt vorgegangen

Tour durch den Flughafenkiez: 150.000 Euro bekommt jeder Bezirk für Gewaltprävention. Sie sollen auch 2020 fließen.

Michael Thoma, Sozialraumkoordinator beim Bezirksamt Neukölln, zeigt den Boddinplatz mit dem Spritzenmülleimer

Michael Thoma, Sozialraumkoordinator beim Bezirksamt Neukölln, zeigt den Boddinplatz mit dem Spritzenmülleimer

Foto: GW/BM

Sevil Yildirin spricht mit fester, klarer Stimme. Die braucht sie vermutlich auch, sie ist als Sozialarbeiterin im Neuköllner Flughafenkiez unterwegs. Da muss sie sich durchsetzen, schließlich sind sie und ihre Mitarbeiter eine Art „Brücke“ zwischen Jugendamt und Polizei. Bei Eltern mit Migrationshintergrund hätten beide Institutionen selten einen guten Ruf, so sagt sie das. Der Boddinplatz samt Spielplatz ist ihr Einsatzgebiet.

Jugendgangs verunsichern Kiez

Ein sozialer Brennpunkt mit massiven Problemen. Junkies, Dealer, Jugendgangs, die Anwohner, Kneipenbesitzer, Familien und Kinder gleichermaßen in Angst versetzen und die Gegend verunsichern, noch dazu, wenn es abends dunkel und unübersichtlich wird. Die Gang bestand aus 35 aggressiven Jungs, mittlerweile sei sie gesprengt, erzählt sie. 14-,15-,16-jährige Jugendliche, die teilweise zu Hause rausgeflogen sind, weil es Probleme gab. Vandalismus war das kleinste Problem, das Tragen von Messern eher normal.

150.000 Euro pro Bezirk für Arbeit gegen Gewalt

Ein anderes Problem sei immer noch die Citytoilette am Platz, eine Art Drogenkonsumplatz, in die Dealer häufig ihre Kunden locken. Manchmal lägen dort gleich zehn Süchtige am Boden, teilweise mit Spritzen in den Armen. Wer schickt da sein Kind auf den Spielplatz?

Jetzt leuchtet neben der Toilette ein quietschrosa übermalter, gesicherter Spritzenmülleimer, ein erster Schritt, immerhin. Und ja, dann häufen sich antisemitische Pöbeleien, Hetze gegen Schwule und frauenfeindliche Übergriffe. Damit Mädchen gestärkt werden, gibt es den Träger MaDonna, für den Sevil Yildirin arbeitet. An diesem Mittag trifft man sie und vier Mitarbeiter am Boddinplatz, kein Dealer und kein Jugendlicher weit und breit zu sehen. Noch ist Schule, sagt Sevil, auch wenn viele ihrer Jungs sich dort wohl kaum sehen lassen.

Mit MaDonna und Projekten wie „Auf die Plätze“ ist Neukölln ein Vorzeigekiez, wenn es um Gewaltprävention geht. Deshalb luden am Montag der Bezirk, die Senatsverwaltung für Inneres und die Landeskommission Berlin zur Kieztour „Urbane Sicherheit“. Im Rahmen der Berliner Präventionstage am 20. und 21. Mai schauen sich Vertreter im Flughafenkiez um, wie „kiezorientierte Gewalt- und Kriminalprävention“ funktioniert.

Am Dienstag steht dann die Plattenbausiedlung Kosmosviertel in Treptow-Köpenick und am Donnerstag das Regenbogenviertel in Schöneberg auf dem Programm des Staatssekretärs Aleksander Dzembritzki. 150.000 Euro gibt es pro Bezirk für die Präventionsmaßnahmen, also jene Modellprojekte, die Gewalt eindämmen sollen. Wie es aussieht, werden die Gelder auch 2020 fließen, wie Orkan Özdemir, Grundsatzreferent in der Senatsverwaltung für Inneres, in Aussicht stellte.

Häusliche Gewalt und Kindsmisshandlungen

Das Ganze wird natürlich evaluiert. Für Neukölln gibt es die Dokumentation „Berliner Forum Gewaltprävention“, die beschreibt, dass in Neuköllns Mitte die Kriminalitätsbelastung „weit überdurchschnittlich“ ausgeprägt sei. Auffällig sei zudem, dass die Region eine hohe Zahl an polizeilich registrierter häuslicher Gewalt und Kindsmisshandlungen aufweist. „Unsere Aufgabe ist es auch, Jugendliche anzulocken, die Gefahr laufen, Teil einer Jugendgang zu werden“, wird uns später ein Sozialarbeiter im Kinder- und Jugendtreff Blueberry Inn in der Reuterstraße 11 erzählen.

Hier gibt es neben dem Mädchen- und Müttertreffen seit knapp einem Jahr auch die „Jungstage“, sie sind wichtig, weil Männerbilder einmal anders besprochen werden. Mittlerweile kommen bis zu 30 Jungen einmal wöchentlich. Am Ende hat Falko Liecke, Bezirksstadtrat für Jugend und Gesundheit, noch eine gute Nachricht. Das Blueberry Inn bekommt für 3,5 Millionen Euro einen Neubau mit gleich zwei Spielplätzen für unterschiedliche Altersgruppen, eine Kita kommt hinzu, so dass sich das Areal hoffentlich zum Familienzentrum entwickelt.