Wohnungsmarkt

Wie zwei Neuköllner Kitas gegen Verdrängung kämpfen

Die Nachbarn zweier Kitas in Neukölln kämpfen gegen deren Verdrängung. Die Politik soll den Verkauf ihres Wohnhauses verhindern.

Eltern und Kinder hoffen, dass die zwei Neuköllner Kitas im verkauften Haus bestehen bleiben.

Eltern und Kinder hoffen, dass die zwei Neuköllner Kitas im verkauften Haus bestehen bleiben.

Foto: Foto: Sergej Glanze

Berlin. Bunte Girlanden schmücken zwei Innenhöfe des Hauses an der Schöneweider Straße 20 in Neukölln, es gibt Smoothies, Livemusik und einen Flohmarkt. Doch so ausgelassen die Stimmung am Sonntagnachmittag bei dem von Anwohnern organisierten Hoffest auch ist: Die Botschaft, die die Organisatoren an die Besucher weitergeben möchten, ist ernst.

„Wir wollen unsere Nachbarschaft vor der Verdrängung retten und Mieter über ihre Rechte aufklären“, sagt Kerstin Helm (60), die seit über 18 Jahren an der Schöneweider Straße wohnt. Seitdem das Haus Mitte April an einen Investoren verkauft wurde, fürchten viele der 50 Bewohner, dass der neue Besitzer die Wohnungen teuer neu vermieten oder als Eigentumswohnungen verkaufen will.

Aber es geht nicht nur um die 26 Mietparteien. Auf den rund 2000 Quadratmetern Gesamtfläche befinden sich auch die Kleinkindbetreuung „Murmel“ und der Kinderladen „Kleine Fische“ im Erdgeschoss des Hauses mit rund 40 Kitaplätzen. Die Gewerbeflächen von etwa 300 Quadratmetern mit Gartenzugang würden dem Käufer Aussicht auf einen besonders schnellen, unkomplizierten Profit verschaffen, denn sie besitzen lediglich einen Gewerbemietvertrag mit einer Kündigungsfrist von sechs Monaten.

Kitas in Neukölln: Eltern sind sehr nervös

„Bei dem aktuellen Mangel an Kitaplätzen in Berlin wird es für die Eltern der Kinder nicht möglich sein, einen adäquaten Ersatz zu finden“, sagt Alexander Nöhring, ein Mitglied des Kitavereins. Sein jüngster Sohn Caspar (4) besucht derzeit die Einrichtung, und auch seine älteren zwei Kinder wurden dort schon betreut.

Kürzlich habe es eine Elternversammlung gegeben, bei der vor dem Inkrafttreten des Kaufvertrages am 16. Juni über die Situation gesprochen wurde. „Die Eltern sind total nervös, denn sie sind hier im Kiez sehr verwurzelt. Wir hoffen, dass der Bezirk alles tut, damit wir hier bleiben können“, sagt Alexander Nöhring.

Milieuschutz reicht den Anwohnern nicht

Dass das Haus unter Milieuschutz steht, ist aus Sicht der Mieter kein Schutz gegen Verdrängung. „Es gibt trotzdem die Möglichkeit, die Mieten zu erhöhen und den Milieuschutz zu unterwandern“, sagt Anwohnerin Kerstin Helm.

Der Hausverein will nun für die Ausübung des Vorkaufsrechts durch den Bezirk und für eine Abwendungsvereinbarung kämpfen. Doch auch der Druck auf die Bundespolitik müsse erhöht werden.

Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) verspricht bereits Unterstützung: „Wir müssen schauen, dass wir mit dem Käufer eine sozialverträgliche Lösung für die Kita finden, denn wir brauchen mehr Kitaplätze in Neukölln,“ sagt der SPD-Politiker bei dem Hoffest.

Zu wenige Kitaplätze

Dort positioniert sich auch Katrin Schmidberger, wohnpolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus. „Wir beobachten in Berlin und insbesondere in Neukölln einen extrem hohen Bedarf an Kitaplätzen. Wenn wir keine sozialen Regeln im Mietrecht haben, drohen für die Stadt existenzielle Räume verloren zu gehen“, sagt Schmidberger.

Laut Statistischem Landesamt leben derzeit 260.000 Kinder bis sechs Jahre in Berlin, einen Rechtsanspruch auf Betreuung haben 223.000 davon. Dem stehen 175.200 Plätze in Kitas und Tagespflege gegenüber, 5400 mehr als vor einem Jahr – und doch nicht genug.

Dennoch fallen immer mehr Kitas Luxussanierungen zum Opfer. So muss beispielsweise der Kinderladen „Ackerwinde“ an der Neuköllner Donaustraße nach neuen Räumlichkeiten suchen, zum 31. März sollten die 28 Kinder und ihre Erzieher ausziehen.

30 Kitas gefährdet

Nachdem Eltern und Erzieher protestiert hatten, kam der neue Eigentümer dem Kinderladen entgegen und gewährte etwas mehr Zeit, um neue Räume zu finden. Zuerst hatte der Tagesspiegel darüber berichtet. Dies ist kein Einzelfall: In den letzten zwei Jahren sind laut dem Dachverband der Kinder-und Schülerläden (Daks) mehr als 30 Einrichtungen gefährdet gewesen.

Auch die Senatsgesundheitsverwaltung beobachtet das Problem. „Die steigenden Gewerbemieten belasten nicht nur kleine inhabergeführte Gewerbebetriebe, sondern auch soziale Einrichtungen“, sagt Sprecher Christoph Lang. Der Trend sei vor allem bei Kitas oder Jugendeinrichtungen zu beobachten.