Clan-Kriminalität

Grundschule in Köllnischer Heide wird zum Modellprojekt

Grundschule in der Köllnischen Heide wird zum Modellprojekt. Die Herausforderung: Wie umgehen mit Aggressionen und Islamismus?

Gewalt an der Schule in der Köllnischen Heide ist keine Seltenheit (Symbolbild).

Gewalt an der Schule in der Köllnischen Heide ist keine Seltenheit (Symbolbild).

Foto: Oliver Berg / picture-alliance/ dpa

Berlin. Aggressionen und Islamismus. Probleme, die es auch schon bei kleinen Kindern gibt. Und Probleme, die oft mit in die Schule getragen werden. Die Grundschule in der Köllnischen Heide wird deshalb nun zum Modellprojekt. Das Ziel: Kinder sollen künftig weniger aggressiv sein und Eltern ihnen gegenüber sensibler. Das teilte die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie mit.

Von den rund 650 Schülern an der Neuköllner Grundschule haben etwa 97 Prozent eine nichtdeutsche Herkunft. Die meisten Kinder haben arabische Wurzeln. Und viele von ihnen tragen Nachnamen von stadtbekannten Clans. Zudem wachsen einige der Kinder in einem radikal-islamistischen Umfeld auf.

Mobbing, wenn man während Ramadan nicht fastet

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) besuchte Ende März die Neuköllner Grundschule, sie wollte sich selbst ein Bild vor Ort machen. Scheeres sprach mit der Schulleiterin Astrid-Sabine Busse und dem Lehrerkollegium. Dabei kam heraus, dass viele Schüler die als radikal-islamisch bekannte Al-Nur-Mosche besuchen. „Viele Schüler besuchen die Moschee und das dortige Familienzentrum“, so Iris Brennberger, Pressesprecherin der Senatsbildungsverwaltung.

Zu den Problemen, mit denen die Schule zudem besonders zu tun habe, gehörten religiöse Konflikte, wie Mobbing von Kindern, die beispielsweise Schweinefleisch essen oder nicht im Ramadan fasten, so Brennberger weiter. Außerdem legten Kinder hier teils sehr aggressives Verhalten an den Tag, nicht wenige riefen ihre älteren Geschwister oder Cousins, wenn es Probleme mit Klassenkameraden gäbe. Nicht selten käme es vor, dass auch Lehrer bedroht würden. Gleichzeitig interessierten sich die Eltern für das Verhalten ihrer Kinder an der Schule nur oberflächlich. Die Teilnahme an Elternabenden stoße oftmals auf „ein sehr geringes Interesse von Eltern“, so Brennberger weiter.

Schule in der Köllnischen Heide wird zum Modellprojekt

Traurige Merkmale von gescheiterten Familien – die Schule in der Köllnischen Heide erfüllt sie alle in einem solchen Maß, dass sie nun als Modellprojekt dient. Für die Schule bedeutet das: weitere volle Stellen für Sozialarbeiter vom neuen Schuljahr an, eine halbe Sozialarbeiterstelle wird ab sofort aufgestockt. Bisher hat die Brennpunkt-Schule 1,5 Stellen für Sozialarbeiter.

Die Schwerpunkte des Konzeptes sollen zudem auf Elternarbeit, auf Wochenendangebote sowie auf eine enge Kooperation und Vernetzung mit vorhandenen Angeboten und Programmen gelegt werden. „Für das Konzept ist es erforderlich, eine Bestandsaufnahme der bereits vorhandenen Angebote zu machen und zu analysieren, welcher Bedarf besteht“, erklärt Brennberger.

„Es geht darum, wie Schulen mit diesen Herausforderungen umgehen können und wie sie dabei unterstützt werden können.“ Die Ergebnisse sollen später dann als Best-Practice-Modell auf Grund-, und Oberschulen mit ähnlichen Problemlagen übertragbar sein. Gestartet wird mit der Umsetzung des Konzeptes zum Schuljahresbeginn 2019/2020.

Das Konzept wird gemeinsam erarbeitet von Trägern der Jugendhilfe und der Schule selbst. Zu den Trägern gehören die Senatsbildungsverwaltung, die Schulaufsicht sowie Schulpsychologische und Inklusionspädagogische Beratungs- und Unterstützungszentren (SIBUZ) Neukölln, das Jugendamt Neukölln sowie weitere freie Träger mit Erfahrungen in der Deradikalisierung und speziellen Kenntnissen in der Arbeit mit arabischen Familienstrukturen.

Bezirk möchte Clans Herr werden

Schon seit längerer Zeit versucht der Bezirk Neukölln kriminellen Clans Herr zu werden. Zehn der insgesamt 20 arabischen Clans, die es in Berlin gibt, leben in Neukölln. Durch eine „Politik der Nadelstiche“, wie es der Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) nennt, sollen die Großfamilien in ihren kriminellen Geschäften gestört werden. Wöchentlich gibt es beispielsweise gemeinsame Einsätze von Polizei, Ordnungsamt und Zoll. Kontrolliert werden einschlägig bekannte Etablissements, Shisha-Bars, Restaurants. Nicht den ganz großen Boss schnappen, sondern viele kleine Fische – so könnte man die Taktik umschreiben. Bargeld und Spielautomaten werden beschlagnahmt, Fahrer von Protzlimousinen kontrolliert, Verstöße gegen das Nichtraucherschutzgesetz geahndet.

Aussteigerprogramm für Clan-Mitglieder in Planung

Parallel dazu plant Hikel mit seinem stellvertretenden Bezirksbürgermeister Falko Liecke (CDU) ein Aussteigerprogramm für Clan-Mitglieder. Details sind noch nicht bekannt – zunächst soll aber festgestellt werden, an wen sich das Vorhaben genau richten könnte. „Zu dem Thema gibt es noch keine Erfahrungen, wir leisten sozusagen Pionierarbeit“, sagte Hikel im Februar gegenüber der Berliner Morgenpost.

Liecke zufolge werden wahrscheinlich Frauen und Kinder im Fokus des Programms stehen. Derzeit würden unterschiedliche Ansätze geprüft werden – darunter auch ein Mentoring-Programm aus New York, das sich dort an straffällige Jugendliche auf Bewährung richtet. Bei der Finanzierung des Aussteigerprogramms erhofft sich der Bezirk Unterstützung aus der Justiz-und der Innenverwaltung.

Liecke will Kinder aus Clans herausholen

Neben der berlinweit einzigartigen Arbeitsgemeinschaft Kinder-und Jugendkriminalität, bei der drei Sozialarbeiter derzeit 35 auffällig gewordene Kinder und Jugendliche intensiv betreuen, will Liecke will sogar noch einen Schritt weiter gehen: Er möchte Kinder aus kriminellen Clan-Familien zeitweise herausnehmen.

„Egal, was wir bislang getan haben, die Kinder der kriminellen Clans werden weiter reihenweise straffällig“, sagte Liecke im Sommer 2018 im Gespräch mit dieser Zeitung. “Alles was wir machen können, ist Sozialpädagogik. Wir müssen deshalb darüber nachdenken, Jugendliche langfristig aus den Familien rauszunehmen. Das ist nicht ganz einfach und sehr teuer, weil die Kinder ziemlich betreuungsintensiv sind. Wir haben das in einem Fall mal gemacht für ein Vierteljahr. Das hat aber nicht gereicht. Der Junge ist sofort straffällig geworden, als er wieder zur Familie kam. Es geht also um wirklich langfristige Lösungen. Da müssen auch die Familienrichter mitmachen.“