Schule

Neuköllner Gymnasiasten stehen ohne Mittagessen da

Weil die Grundschulen kostenloses Mittagessen anbieten, springen den Gymnasien die Caterer ab. 2900 Kinder in Berlin sind betroffen.

Das Schulessen am Albert-Schweitzer-Gymnasium soll, zum Ärger der Schulleitung und Elternschaft, eingestellt werden. Von links: Karin Kullick, Schulleiterin, Thomas Pille, stellvertretender Schulleiter, und Kadija Hussein, Elternvertreterin.

Das Schulessen am Albert-Schweitzer-Gymnasium soll, zum Ärger der Schulleitung und Elternschaft, eingestellt werden. Von links: Karin Kullick, Schulleiterin, Thomas Pille, stellvertretender Schulleiter, und Kadija Hussein, Elternvertreterin.

Foto: Anikka Bauer

Berlin. Karin Kullick ist beunruhigt. Der Schulleiterin des Neuköllner Albert-Schweitzer-Gymnasiums, eines gebundenen Ganztagsgymnasiums, ist gerade ihr Caterer abgesprungen. Zum neuen Schuljahr hat er gekündigt. Nach einem Jahr guter Zusammenarbeit. Nun hat die Rektorin Sorge, dass ihre Schüler nach den Sommerferien kein warmes Mittagessen mehr in der Schule bekommen werden.

Denn seitdem klar ist, dass Grundschulen ihren Kindern ein kostenloses Mittagessen anbieten können, das vom Land Berlin bezahlt wird, möchten die Essenszulieferer lieber die wirtschaftlich zuverlässigen Grundschulen beliefern. Und nicht mehr die anderen Schulen, wie eben das Albert-Schweitzer-Gymnasium, die sich selbst mühsam um die Finanzierung der Mittagessen kümmern müssen.

Brandbrief an Bildungssenatorin Scheeres

Neben dem Neuköllner Gymnasium schlagen deshalb auch die restlichen sechs gebundenen Ganztagsgymnasien in Berlin Alarm. Anfang März hatten sie Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) einen Brandbrief geschickt. „An einigen unserer Schulen steht akut die Mittagessensversorgung für das kommende Schuljahr infrage“, schrieben darin alle sieben Schulleiter. Eine Antwort hätten sie bis heute nicht bekommen, sagt Kullick.

Insgesamt 2900 Kinder zwischen den Klassenstufen sieben und zehn könnten an den gebundenen Ganztagsgymnasien betroffen sein. Schließlich sind auch diese Schüler montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr an der Schule. Das Schulgelände verlassen dürften sie nicht – auch nicht, um sich beim Bäcker ein Brötchen oder einen Hot Dog zu holen.

„Wo an Grundschulen jetzt Strukturen geschaffen werden, die es Caterern ermöglicht, einen funktionierenden Betrieb aufrechtzuerhalten, wurde dies für gebundene Ganztagsgymnasien versäumt“, schreiben die Schulleiter in ihrem Brandbrief weiter.

Schulen mit Essen zu beliefern ist für Caterer oft ein Zuschussgeschäft

Die Neuköllner Schulleiterin findet, dass so eine Konkurrenz um Caterer zwischen Grundschulen und Gymnasien geschaffen wurde. Dass ihr Caterer nun gekündigt hat, kann Kullick sogar nachvollziehen. Und sagt: „Wir wollen Caterern gegenüber ehrlich sein. Wir als Albert-Schweitzer-Gymnasium können es jetzt nicht vertreten, einen neuen Caterer anzuheuern – wohl wissend, dass es für ihn nach ein oder zwei Jahren ein Zuschussgeschäft sein wird, uns zu beliefern.“

In den vergangenen zehn Jahren wurde das Neuköllner Gymnasium von fünf verschiedenen Caterern beliefert. Zwischen der siebten und zehnten Klasse könnten theoretisch 400 Kinder an der Schule essen – aber die Zahl variiert. Im Moment werden hier mittags im Schnitt 170 Schüler versorgt. „Besonders in Brennpunktkiezen ist es schwierig, Eltern davon zu überzeugen, kostenpflichtige Verträge mit Caterern einzugehen“, steht in dem Brandbrief.

Schulleiterin: „Frau Scheeres hat uns vergessen“

Und Kullick sagt sogar: „Frau Scheeres hat uns im Stich gelassen.“ Denn die Bildungssenatorin war es, die das kostenlose Mittagessen an Grundschulen für Kinder bis zur sechsten Klasse ermöglicht hatte. „Ich finde es super, dass es kostenloses Mittagesessen für Schüler geben soll“, sagt Kullick. „Aber Frau Scheeres hat uns vergessen.“

Ein Vorwurf, den die Senatsbildungsverwaltung so nicht auf sich sitzen lassen will. Pressesprecherin Iris Brennberger teilte auf Anfrage der Berliner Morgenpost mit: „Die gebundenen Ganztagsgymnasien wurden auch nicht übersehen. Die Kostenfreiheit für das Mittagessen gilt auch hier für die fünfte und sechste Jahrgangsstufe.“

Nur eine Rückmeldung von Caterer nach langer Suche

Zuletzt musste ihre Schule vergangenes Jahr einen neuen Caterer suchen. „Wir haben alle angeschrieben, die in Berlin für Schulen infrage kommen. Nur einer hatte sich zurückgemeldet“, erinnert sich Kullick.

Ein Grund sei die kaum zu kalkulierende Essensituation in den Schulen. „Personal muss eingestellt und Essen in verlässlichen Mengen angenommen werden. Ist dies nicht der Fall, müssen vor allem „kleinere Anbieter“ meist nach ein oder zwei Jahren aufgeben“, schreiben die Schulleiter in dem Brandbrief.

Die Senatsbildungsverwaltung jedenfalls kann den gebundenen Ganztagsgymnasien bei der Suche nach neuen Caterern nicht behilflich sein. „Wenn sie dabei Unterstützung benötigen, ist es hilfreich, sich mit den Schulämtern auszutauschen. Diese haben durch die Zuständigkeit für die Grundschulen einen Überblick über mögliche Caterer“, teilte Brennberger mit. Des Weiteren sei es für die Caterer auch „weiterhin wirtschaftlich, die Oberschulen zu versorgen“, so die Pressesprecherin.

Elternvertreter fordern Handeln von Politik

Auch die Elternvertreter des Albert-Schweitzer-Gymnasiums sind beunruhigt. „Ich wusste, dass mein Kind gut versorgt sein würde, als ich mich für das Albert-Schweitzer-Gymnasium entschieden hatte“, sagt Kadija Hussein, Vertreterin der Gesamtschülervertretung. „Das ist jetzt ohne das Mittagessen aber nicht mehr gewährleistet.“ Dass ihr Kind die Schule wechseln könnte, kommt für sie dennoch nicht infrage. „An den anderen gebundenen Ganztagsgymnasien sieht es doch nicht besser aus“, sagt sie.

Klar, sagt sie, könne sie ihrem Kind ein Pausenbrot für mittags mitgeben. Aber gerade für Kinder sei es doch wichtig mittags warm zu essen. „Und stellen Sie sich vor, mein Kind vergisst sein Brot zu Hause. Dann kann es sich den ganzen Tag nichts zu Essen kaufen“, sagt die besorgte Mutter.

Elternvertreter, Kullick und die restlichen Schulleiter der gebundenen Ganztagsgymnasien fordern deshalb von der Bildungssenatorin, ebenfalls die Kosten für das Mittagessen zu übernehmen und so die Schulen mit den Grundschulen finanziell gleichzustellen. „Im schlimmsten Fall bekommen sonst die Kinder im nächsten Schuljahr kein warmes Mittagessen bei uns“, sagt Kullick.