Schülerin aus Britz

Immer neue Widersprüche im Fall Rebecca

Die Eltern der 15-Jährigen erheben schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Die kann sich wegen des laufenden Verfahrens nicht äußern.

Rebecca bleibt weiterhin verschwunden

Rebecca bleibt weiterhin verschwunden

Foto: Polizei berlin/dpa

Berlin. Und wenn doch alles ganz anders war? Diese Frage treibt die Familie von Rebecca Reusch um. Die 15-Jährige wird seit dem 18. Februar vermisst. Die Polizei geht von einem Verbrechen aus. Ihr Schwager, Florian R., sitzt seit knapp zwei Wochen in Untersuchungshaft. Die Ermittler halten ihn für dringend tatverdächtig. „Er ist unschuldig“, sagt hingegen Rebeccas Vater Bernd Reusch und kritisiert die Berliner Polizei für ihre einseitigen Ermittlungen. Mit dem Fall vertraute Beamte reagieren empört.

Seine Tochter habe kurz vor ihrem Verschwinden jemanden im Internet kennengelernt, mit dem sie sich auch treffen wollte. Das habe die 15-Jährige ihrer Mutter erzählt. „Meine Frau hat Rebecca noch gesagt, dass sie dabei sein möchte“, sagte Bernd Reusch der Berliner Morgenpost. Der Unbekannte soll Max oder Maximilian heißen. Rebecca soll ihn über Instagram im Internet kennengelernt haben. Das Profil des Unbekannten sei aber seit dem 20. Februar gelöscht. Bernd Reusch vermutet, dass sich seine Tochter mit ihm am Tag ihres Verschwindens treffen wollte. „Das haben wir auch von Anfang an der Polizei mitgeteilt“, sagte Bernd Reusch dieser Zeitung. Warum die Ermittler trotzdem Florian R. für dringend tatverdächtig halten, könne er nicht nachvollziehen.

Hat eine unbekannte Internetbekanntschaft etwas mit dem Verschwinden zu tun? Diesen Verdacht äußerte bereits Rebeccas Mutter in einem Exklusivinterview mit der Zeitschrift „Bunte“. Das würde auch zu einem Internet-Beitrag passen. Auf ihrem Instagram-Profil hatte das Mädchen am 8. Januar ein Selfie gepostet und „Dear cupid, next time hit us both“ („Lieber Amor, bitte triff uns nächstes Mal beide“, Anm. d. Red.) unter das Foto geschrieben.

Die Schwester verbreitet Neuigkeiten im Internet

Die neuen, von der Familie in die Öffentlichkeit gebrachten Details, sorgen wiederum für Kopfschütteln bei den Ermittlern. „Es ist nicht hilfreich, wenn Einzelheiten über Exklusivberichte an die Öffentlichkeit gegeben werden“, heißt es aus Polizeikreisen auf Nachfrage. Die Ermittler stecken dabei in einem Dilemma. Denn im Gegensatz zu den Eltern kann sich die Behörde in einem laufenden Verfahren nicht öffentlich zu den Ermittlungen äußern, weil das ein späteres Verfahren torpedieren könnte.

Konfrontiert mit dem Vorwurf der einseitigen Ermittlungen, reagieren mit dem Fall vertraute Personen mit Unverständnis. „Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass erfahrene Mordermittler Hinweise, die dabei helfen würden, ein 15-jähriges Mädchen wiederzufinden, nicht beachten würden“, heißt es auf Nachfrage. Beamte, die seit Jahrzehnten bei der Polizei arbeiten, sagen, dass sie einen Fall wie diesen noch nicht erlebt hätten.

Das hat auch mit dem enormen öffentlichen Interesse zu tun. Das sieht man beispielsweise an dem Instagram-Account von Rebeccas Schwester, der aktuell aus zehn Beiträgen (Stand: Donnerstag) besteht und knapp 50.000 Follower hat. Über Instagram-Stories, die sich nach 24 Stunden wieder automatisch löschen, verbreitet die Schwester auch regelmäßig Neuigkeiten. In der neuesten Story zeigt sie ein Foto der „Bunten“, in der ein Exklusivinterview mit Rebeccas Mutter steht. Danach ist eine Texttafel zu sehen, auf der zu lesen ist: „Es gab da eine Internetbekanntschaft. Die Polizei weiß seit Tag eins davon. Es ist nur jetzt in den Medien aufgetaucht.“

Auto des Schwagers von Kennzeichenerfassung registriert

Am Dienstag und Mittwoch hatte die Polizei unterdessen gemeinsam mit Spezialisten des Technischen Hilfswerkes in einem Wald am Wolziger See (Landkreis Oder-Spree) nach Rebecca gesucht, die Suche dann aber eingestellt. Am Donnerstag waren nur noch zwei Beamte mit einem Spezialhund in dem Waldstück unterwegs. Dass die Ermittler in Brandenburg nach dem Mädchen suchten, lag an Hinweisen.

Zeugen wollen ein Fahrzeug gesehen haben, das dem des Schwagers ähnelt: ein himbeerroter Renault Twingo. Laut Polizei war das Auto des Schwagers zudem am 18. Februar und am 19. Februar auf der Autobahn 12 zwischen Berlin und Frankfurt (Oder) von einem Kennzeichenerfassungssystem registriert worden. Nur der Schwager hatte in dieser Zeit Zugriff auf das Auto.

In dem Fahrzeug von Florian R. hatten Ermittler zudem Haare von Rebecca und Fasern einer Decke gefunden. „Erst am Sonntag vor ihrem Verschwinden hat Rebecca mit ihrer zweijährigen Nichte in dem Auto gespielt“, hält Bernd Reusch dagegen. Es sei klar, dass in dem Auto Spuren seiner Tochter seien. „Wir können uns nicht vorstellen, dass Florian etwas mit dem Verschwinden von Rebecca zu tun hat“, sagte Bernd Reusch.

Experte wundert sich über Informationspolitik

Die Polizei geht unterdessen weiter davon aus, dass Rebecca das Haus am 18. Februar nicht verlassen hat. Details nennt sie mit Verweis auf mögliches Täterwissen nicht. Berichte, wonach die Anwältin des Schwagers Haftbeschwerde eingelegt habe, dementierte die Berliner Staatsanwaltschaft auf Nachfrage. Mit einer Haftbeschwerde soll die Entlassung aus der Untersuchungs-Haft (U-Haft) erreicht werden. Gerichtlich muss dann überprüft werden, ob ein Amtsrichter zu Recht die U-Haft angeordnet hatte. Verfahrensbeobachter halten eine Aufhebung nicht für unwahrscheinlich. Denn nach wie vor gelten die Beweise gegen Rebeccas Schwager als dünn.

Auch Lars Bruhns (38) von der in Hamburg ansässigen „Initiative Vermisster Kinder“ hatte bereits Kontakt mit der Familie. Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost bezeichnet er die Informationen als unübersichtlich. Er wundert sich über die Informationspolitik. Polizei und Familie müssten mit einer Stimme sprechen. Nur dann könnten Zeugenaussagen für die Ermittlungen auch wirklich hilfreich sein.