Gesunde Ernährung

"Ich kann kochen" - Mit Gurke und Verstand

Das Projekt "Ich kann kochen!" bildet Pädagogen zu Genussbotschaftern aus. Die bringen Kindern bei, was gutes Essen bedeutet.

Erzieher David Kronenberg zeigt Georg (4) die richtige Schneidetechnik.

Erzieher David Kronenberg zeigt Georg (4) die richtige Schneidetechnik.

Foto: Amin Akhtar

Neukölln. "Heute müssen wir ganz viel schnippeln", sagt David Kronenberg. Er ist Erzieher in der Neuköllner Kindertagesstätte St. Richard. Rund um den kleinen Tisch im Untergeschoss der katholischen Kita sitzen neun Kinder. Vor ihnen auf einem Handtuch liegen Küchenmesser und Sparschäler. Neugierig blicken die Kinder Kronenberg an. Er soll ihnen heute Vormittag beibringen, dass Essen gesund sein und gleichzeitig auch schmecken kann. Für viele Kinder längst nicht mehr selbstverständlich. "Heute morgen hatte ein Kind Pommes mit Ketchup als Frühstück dabei", erklärt der Kita-Leiter, Tilo Thangarajah. Gemeinsam mit Kronenberg kocht er heute mit den Kindern.

Unterstützt bei dem ehrgeizigen Kochprojekt wird die Neuköllner Kita von der Barmer-Krankenkasse und der Sarah Wiener Stiftung, die 2016 das bundesweite Projekt "Ich kann kochen!" ins Leben gerufen haben. In den vergangenen zwei Jahren konnten so mehr als 1000 Mitarbeiter aus 525 Berliner Kitas, Schulen, Horten und außerschulischen Lernorten im pädagogischen Kochen ausgebildet werden. Es ist das größte Projekt dieser Art in ganz Deutschland. Als sogenannte Genussbotschafter kochen die Pädagogen nun gemeinsam mit den Kindern in ihrer Einrichtung. "Mit 'Ich kann kochen!' erreichen wir auch die Kinder, denen zu Hause eine gesunde Ernährung nicht vorgelebt wird", sagt Gabriela Leyh, Landesgeschäftsführerin der Barmer Berlin/Brandenburg. Nach dem eintägigen Kochkurs für die Pädagogen unterstützen die Barmer-Krankenkasse die Einrichtungen noch mit 500 Euro für den Einkauf.

Blut und Tränen fließen schon in den ersten Minuten

In Neukölln soll es heute Vollkornpizza mit Salat geben. Und zum Nachtisch einen Obstsalat mit Quark. Kronenberg erklärt den Kindern die richtige Schneidetechnik, damit sich die Kleinen, die zwischen drei und fünf Jahre alt sind, nicht schneiden an den scharfen Messern. "Ich müsst eure Hand wie zu einer Kralle machen", sagt er und formt sein Hand zu einer halb geschlossenen Faust. "Dann rutschen eure Finger nicht zwischen das Messer und Gemüse." Nach nur wenigen Minuten allerdings fließen die ersten Blutstropfen und Tränen. "Du musst einfach bisschen aufpassen", ermahnt die fünfjährige Emma ihre ein Jahr jüngere Nebensitzerin Ursula. Erste bunte Pflaster müssen auf verwundete Finger geklebt werden.

"Wir verwenden scharfe Messer, weil die Verletzungsgefahr bei stumpfen Besteck höher ist, wenn die Kinder dann so fest drücken müssen", erklärt Kita-Leiter Thangarajah. Es ist nicht der erste Kochkurs, den seine Kita-Kinder machen. Und es wird auch sicher nicht der letzte sein. "Wir legen sehr viel Wert auf gesunde und ausgewogene Ernährung", erklärt Thangarajah. Jeden Tag kocht deshalb eine Köchin in der Kita frisch für die Kinder.

Neuköllner Kinder sind im Berlinvergleich besonders oft übergewichtig

Verschiedene Studien belegen, dass sich immer weniger Kinder mit Lebensmitteln und ausgewogener Ernährung auskennen. In immer weniger Familien wird frisch gekocht. Die Auswertung der Neuköllner Einschulungsuntersuchungen von 2017 belegen, dass im Bezirk 14 Prozent der Kinder in den Einschulungsuntersuchungen übergewichtig sind – und damit mehr als in den meisten anderen Berliner Bezirken. In ganz Berlin sind 9,8 Prozent der Kinder übergewichtig. Überdurchschnittlich häufig von Übergewicht betroffen in Neukölln sind Kinder aus sozial benachteiligten Familien sowie türkischer und arabischer Herkunft.

Das beobachten auch die Erzieher in der Neuköllner Kita. "Daheim bei den Kindern wird teils immer weniger frisch gekocht. Aber viele Eltern haben auch Angst, dass sich ihre Kinder beim Kochen verletzen könnten - und lassen sie deshalb nicht mitmachen", erklärt Kronenberg. "Das führt aber dazu, dass die Kids immer häufiger sagen 'Das mag ich nicht'. Aber nur weil sie es nicht kennen. Wenn sie aber selber mitkochen, ist die Neugier geweckt und am Ende wollen sie auch häufig probiere", ist sich der Genussbotschafter sicher.

Die kleine Emma jedenfalls liebt frisches Essen. "Am liebsten habe ich Sushi. Ich komme ja auch aus Vietnam", erklärt sie. Zu Hause darf sie manchmal schon mitkochen. "Aber das Besteck muss ich immer auf den Tisch legen." Frische Lebensmittel sind ihr nicht fremd. Fast alles, was an diesem Tag in der Kita verkocht wird, kann sie benennen: Mango, Zucchini, Ananas. "Und was ist das?", fragt ihre Nebensitzerin Ursula und deutet auf faustgroße, weiße Kugeln in einem Sieb. "Mozzarella", weiß Emma. Von der anderen Tischecke ruft Gregor herüber: "Mozzarella ist so lecker, da könnte man sich mal reinlegen."