Hotspots der Kriminalität

Berliner Clan-Map: Wie viel Pop verträgt das Verbrechen?

Ein Modeblog verkauft einen Sightseeing-Plan für Berlins Unterwelt. Wie viel Popkultur darf in Clan-Verbrechen stecken?

Das sollen laut „Dandy Diary“ die zwölf Orte in Berlin sein, die man in Sachen Clan-Kriminalität kennen und besucht haben sollte.

Das sollen laut „Dandy Diary“ die zwölf Orte in Berlin sein, die man in Sachen Clan-Kriminalität kennen und besucht haben sollte.

Foto: Dand Diary

Berlin. Ist das Kunst oder kann das weg? Diese Frage kann man sich stellen, wirft man aktuell einen Blick auf die Internetseite des Berliner Modeblogs „Dandy Diary“. Denn die beiden Modeblogger David Roth und Carl Jakob Haupt verkaufen hier seit Anfang der Woche eine Berlin-Stadtkarte mit Hotspots der Clan-Kriminalität. Knapp zehn Euro kostet der Plan, der in knalligen Farben – überwiegend in Rosa, Türkis, Gelb und Rot – daherkommt. Zwölf Schwerpunkte haben Roth und Haupt ausgemacht, verteilt über ganz Berlin. Comic-Zeichnungen markieren hier die wichtigsten Ecken in der Hauptstadt in Sachen Clan-Kriminalität.

Das Grab von Intensivtäter Nidal R., der im vergangenen September in Neukölln am Tempelhofer Feld ermordet wurde, ist beispielsweise mit einem Sarg und einem darin liegenden Löwen – R. war in der Szene auch als „Löwe Palästinas in Berlin“ bekannt – eingezeichnet. Mit einem Kebab-Spieß und roter Peperoni ist Arafat A.-C.s Imbiss „Papa Ari“ in Treptow markiert – auch hier fielen im vergangenen Jahr Schüsse, verletzt wurde niemand. Und selbst die Kinder der Clan-Bosse werden in dem Stadtplan berücksichtigt: Sie sollen auf eine Schule in der Köllnischen Heide gehen – festgehalten unter Punkt zwölf auf der Karte.

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Natürlich stellt sich die Frage: Wozu brauchen Berliner oder Touristen einen Plan, auf dem Kriminalitäts-Hotspots eingezeichnet sind? Orte, an denen Menschen erschossen oder an denen andere schwere Straftaten verübt wurden. Muss das wirklich mit einem poppigen Stadtplan glorifiziert werden? Und muss Menschen, die hochkriminell sind und die ohne Rücksicht auf Verluste ihrem Business nachgehen, mit einer Comic-Karte ein Denkmal gesetzt werden?

„Es ist sicher eine radikale Art und Weise, mit der wir das Thema Clan-Kriminalität aufgreifen“, sagt David Roth. Seine Stadtkarte möchte er verstanden wissen als eine satirische Antwort auf die große Aufmerksamkeit, die Berliner Clans seit geraumer Zeit in der Öffentlichkeit erfahren. „Es ist doch so: Was wir im letzten Jahr erlebt haben, ist, dass Clan-Größen immer mehr in die Popkultur vordringen“, sagt Roth. Er verweist unter anderem auf die Verknüpfung der beiden Clans A.-C. und R. mit dem Berliner Rapper Bushido, die gerade in jüngster Zeit immer wieder für Schlagzeilen sorgte. Bushido stand jahrelang unter dem Schutz der Familie A.-C., nahm seinen Schutzpatron Arafat A.-C. sogar mit auf die roten Teppiche dieser Nation. Doch im Frühjahr des vergangenen Jahres war Schluss mit der Liebe zwischen dem Rapper und dem Clan-Chef. Bu­shido suchte Schutz bei einer anderen Großfamilie. Gerüchten zufolge soll es sich dabei um die von Ashraf R. handeln. Seitdem kocht die Situation regelmäßig hoch. Jüngst wurden Arafat und sein Bruder sogar festgenommen. Der Vorwurf: Sie sollen die Entführung von Bushidos Kindern geplant haben. Die Brüder sind mittlerweile wieder auf freiem Fuß.

Ein weiteres Beispiel für die Verherrlichung der Clan-Kriminalität sieht Roth in der populären und extrem erfolgreichen Serie „4 Blocks“, die in der Neuköllner Unterwelt spielt. Vorbild für die Clan-Familie im Fernsehen war unter anderem die Familie R. „Gerade in der Serie werden Kriminelle zu Antihelden stilisiert“, findet Roth. „Und je nachdem in welcher Gesellschaft oder Subkultur man lebt, sind es dann vielleicht keine Antihelden mehr, sondern wahre Helden.“

Bezirksbürgermeister Hikel: „Das ist ein PR-Gag“

Vermeintliche Helden, die in dem Stadtplan glorifiziert werden, findet Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD). „Geschmacklos und unangemessen“ nennt er die Karte von „Dandy Diary“ und sagt: „Viele Menschen sind von Clan-Kriminalität und den schrecklichen Folgen betroffen. Das Ganze dann als Witz darzustellen, finde ich absolut nicht in Ordnung.“ Für ihn ist der Stadtplan nicht mehr als ein PR-Gag der Blogger. Denn: Eine kritische Einordnung der zwölf empfohlenen Hotspots auf dem Stadtplan fehlt komplett. Satire oder gar eine kunstkritische Begleitung der Clan-Kriminalität spricht Hikel deshalb den Bloggern ab. Und sagt: „Ich finde insgesamt diese popkulturelle Würdigung falsch.“ Egal ob in Fernsehserien, in der Musik – oder nun als Comic-Karte. „Damit macht man sich unter Umständen zum Sprachrohr für die Falschen“, so Hikel.

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