Modelabel

Türkische Häkelkunst: Integration trifft auf Modewelt

Ann-Kathrin Carstensens Modelabel "Rita in Palma“ stellt mit türkischer Häkelkunst Kragen her.

Ann-Kathrin Carstensen (M.) mit ihren Mitarbeiterinnen Sevdije Fetahaj (l.) und Noura El Monstafa.

Ann-Kathrin Carstensen (M.) mit ihren Mitarbeiterinnen Sevdije Fetahaj (l.) und Noura El Monstafa.

Foto: Maurizio Gambarini

Wenn man die Räumlichkeiten des Labels „Rita in Palma“ in Neukölln betritt, schlägt einem sofort gespannte Ruhe entgegen. Es wirkt, als wüsste jede Person genau, was sie zu tun hat. Da sind die vier Frauen auf den drei heimelig anmutenden Sofas in der einen Raumhälfte. Sie häkeln, schauen sich hin und wieder an und wechseln kurze Sätze. Hauptsächlich sind sie hochkonzentriert. Sie zählen jeden Nadelschwung mit und häkeln mit extrem dünnem Nylongarn. In der anderen Raumhälfte steht die Inhaberin des Labels, Ann-Kathrin Carstensen, zwischen ihren Exponaten. Das Label stellt in Handarbeit orientalisch anmutende Krägen her, die man kunstvoll zu Blusen, Blazern oder Abendkleidern kombinieren kann.

Einen der beigen Krägen trägt Carstensen zu einem blauen Oberteil und die einzelnen Elemente des Kragens erscheinen auf dem Blau des Oberteils wie kunstvolle, abendländische Ornamente. Carstensen strahlt, während sie die Geschichten zu den gehäkelten Handarbeiten erzählt, noch mehr als alle anderen im Raum Ruhe und Bestimmtheit aus – als ob sie das Epizentrum einer großen Idee ist.

Bevor sie von ihrem Werdegang berichtet, wechselt sie die Raumhälfte und versinkt in einem der einladenden Sofas neben ihren Häklerinnen. Mit einem Mal fällt die Ruhe von Carstensen ab und ihre Leidenschaft erfüllt förmlich im Raum. Sie erzählt, wie nach Abschluss ihres Modedesignstudiums für sie schnell klar gewesen sei, dass sie sich selbstständig machen wolle. Womit, war ihr noch nicht klar, denn man müsse ja durch seine Spezialisierung auffallen. „Die springende Idee kam mir eines Abends zu Hause auf dem Sofa“, erinnert sich die junge Mutter. Sie habe immer eine starke Affinität zum muslimischen Kulturraum gehabt, berichtet Carstensen weiter, und ihr hätten die aufwendigen, türkischen Häkeltechniken gefallen. Warum also nicht mit diesen Häkeltechniken Haute Couture gestalten, so die Idee.

Doch so schnell ihr die Idee kam, so schwierig gestaltete sich deren Umsetzung. Denn die benötigten türkischen Häklerinnen misstrauten ihr anfangs. Sie hätten weder auf ihre ausgehängten Flugblätter reagiert, noch wollten sie auf türkischen Begegnungsveranstaltungen mit ihr sprechen. „Die Erfahrung, mich in einen anderen Kulturraum zu integrieren und dabei erst einmal Ausgrenzung zu erfahren, war für mich sehr wichtig“, berichtet Carstensen. 2012 hatte Carstensen schließlich genug Frauen beisammen. Anfangs fand die gesamte Herstellung in Heimarbeit statt. Carstensen fuhr von Häklerin zu Häklerin und gewann immer mehr Gespür für deren kulturelle Herkunft.

Als die Produktionen in die Räumlichkeiten nach Neukölln umgelagert wurden, hatte sich Carstensen Vertrauen erarbeitet. So konnten die Familien der Produzentinnen deren Arbeit auch außerhalb der eigenen vier Wände unterstützen. Damit ermöglicht Carstensen ermöglicht den türkischen Frauen den Weg aus der Arbeitslosigkeit. Bei „Rita in Palma“ erfahren die Frauen Akzeptanz für ihre Religion und Kultur. Vielleicht ist das Carstensens goldene Integrationsregel.

Und dass ihr Integration gut gelingt, davon ist sie nicht nur selbst überzeugt. Sie gewann mit ihrem Label mehrere Preise, darunter den Integrationspreis der Bundeskanzlerin. Ihre Augen strahlen, als sie davon erzählt, wie die Töchter der Häklerinnen eine Modenschau mit ihren Krägen im Bundeskanzleramt laufen durften. Für ihre integrative Arbeit hat Carstensen inzwischen einen Verein gegründet. „Von Meisterhand e.V.“ bietet ein breit gefächertes Angebot für Frauen mit Migrationshintergrund an – von der Versicherungsberatung bis zur Yogastunde.

Krägen liegen im Trend

Doch die integrative, soziale Arbeit ist nur eine Facette Carstensens. Denn als Geschäftsfrau möchte sie mit „Rita in Palma“ hoch hinaus. Nach ihrem Ziel gefragt, platzt ein inbrünstiges „Chanel“ aus ihr heraus. Denn das bekannte Modehaus nimmt immer wieder Arbeiten aus kleinen Manufakturen in ihre Kollektionen auf. Und Krägen liegen tatsächlich im Trend. In Zeiten, in denen Selfies zunehmend an Bedeutung gewinnen, beschränkt sich der Bildausschnitt immer öfter auf das Dekolleté und Gesicht. Dort muss man dann auffallen. Und auffällig sind die kunstvollen Krägen. So auffällig schön, dass immer mehr prominente Trägerinnen – wie Nazan Eckes oder Christiane Arp – mit Carstensens Kreationen über den roten Teppich laufen.

Carstensen ist ein mutiger Mensch – immerhin hat sie ihr Unternehmen ohne wirkliches Startkapital gegründet. Oft war ihr nicht klar, wie sie die nächste Miete finanzieren sollte. Denn nicht nur sie hinge an „Rita in Palma“, „in erster Linie denke ich natürlich an meine Produzentinnen“, bekennt sie. Trotzdem wird ihr Blick bei der Frage, ob sie mit dem jetzigen Kenntnisstand noch einmal gründen würde, entschlossen. Sie lächelt und findet dabei in ihre ursprüngliche Ruhe zurück, so dass man sich ihr wieder kaum entziehen kann und sagt: „Ja, klar.“